• vom 02.07.2017, 21:23 Uhr

Jüdisch leben

Update: 02.07.2017, 22:59 Uhr

Jüdisch leben

Oh no!




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Von Alexia Weiss


    Dem Book Shop Singer im Erdgeschoss des Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse wurde der Pachtvertrag bis Jahresende gekündigt.

    Dem Book Shop Singer im Erdgeschoss des Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse wurde der Pachtvertrag bis Jahresende gekündigt.© Alexia Weiss Dem Book Shop Singer im Erdgeschoss des Jüdischen Museum Wien in der Dorotheergasse wurde der Pachtvertrag bis Jahresende gekündigt.© Alexia Weiss

    Jeder buchaffine Mensch hat eine Lieblingsbuchhandlung. Meine ist seit vielen, vielen Jahren Book Shop Singer in der Dorotheergasse im Erdgeschoss des Jüdischen Museums Wien. Erst vergangenen Freitag habe ich neue Schätze von dort nach Hause getragen, die noch der Lektüre harren: "Jeder Tag ist Muttertag" von Hilary Mantel, "Straßen von gestern" von Silvia Tennenbaum und "Alles bleibt in der Familie" von Lynne Sharon Schwartz.

    Wenn ich meinen Blick über meine Bücherregale schweifen lasse, ist vieles aus der jüdischen Abteilung – ich ordne meine Bücher nicht alphabetisch, aber grob thematisch – einmal zuvor in der Buchhandlung von Dorly Singer gestanden. Sie war es auch, die mir, als meine Tochter noch sehr klein war, öfter sagte: willst du nicht einmal ein Kinderbuch über das Judentum schreiben? So lange es lieferbar war, lag "Dinah und Levi. Wie jüdische Kinder leben und feiern" dann immer in einem großen Stapel in ihrem Geschäft auf.

    Book Shop Singer vor Schließung

    Vergangene Woche machte es in Gesprächen bereits die Runde. Am Wochenende machte Dorothy Singer, wie Dorly offiziell heißt, die Sache auch auf Facebook öffentlich: "Die Buchhandlung ist weg." Was ist passiert? Die Buchhandlung ist nicht Teil des Museums, sondern hat einen Pachtvertrag. Dieser wurde nun seitens des Jüdischen Museums per Jahresende gekündigt. Jetzt laufen nicht nur die Telefone heiß, auch auf Facebook gehen die Wogen hoch. Ist die Buchhandlung vielleicht doch noch zu retten?

    Ein so spezialisierter Laden wie der Book Shop Singer ist mehr als nur ein Ort, an dem man Bücher kauft. Dorly fungiert hier wie ein gatekeeper: sie durchforstet die Verlagskataloge nach Neuerscheinungen jüdischer Autoren und Autorinnen oder mit inhaltlichem jüdischen Bezug. Sie hat Standardwerke zur Zeitgeschichte, zur hebräischen Sprache, Klassiker jüdischer Belletristik, Bücher zum Judentum stets lagernd. Sie verkauft aber eben nicht nur Religiöses, sondern auch die durchgeknallten Bücher, die ich persönlich so liebe: stellvertretend für viele fallen mir hier zum Beispiel "Die Middlesteins" von Jami Attenberg, "Der jüdische Patient" von Oliver Polak oder "Kleiner Versager" von Gary Shteyngart ein.

    Dann stirbt ein Stück jüdischer Kultur

    Wenn Dorlys Buchhandlung schließt, stirbt ein Stück gelebter aktueller jüdischer Kultur in Wien. Ja, natürlich kann man Bücher auch im Internet bestellen oder in einer anderen Buchhandlung ordern und kaufen. Doch wie stöbert man als Konsument diese Nischenerscheinungen überhaupt erst auf? Die Romane von Doron Rabinovici, von Yael Hedaya oder Leon de Winter wird man natürlich auch in anderen Buchhandlungen finden. Doch wie sieht es mit vielen hier zu Lande nicht so bekannten israelischen oder US-amerikanischen Autoren und Autorinnen aus? Wie findet man Debütromane bisher unbekannter Schriftsteller und Schriftstellerinnen?

    Schon höre ich: dann soll Frau Singer die Buchhandlung doch bitte anderswo in Wien wiedereröffnen. Das halte ich leider für illusorisch. In der Dorotheergasse kommen Besucher einer Ausstellung, die sich für das Thema interessieren, in die Buchhandlung. Nur durch buchaffine Wiener Jüdinnen und Juden beziehungsweise Wiener Philosemiten könnte sich der Laden wohl nicht so führen lassen, dass man auch davon leben kann. Jeder andere Standort in der City, der in der Nähe einer jüdischen Einrichtung – etwa am Judenplatz oder bei der Seitenstettengasse – liegt, ist in Sache Miethöhe für ein kleines Buchgeschäft nicht erschwinglich. Und eine jüdische Buchhandlung irgendwo in Wien, die ist wohl eben zu spezialisiert, um überleben zu können.

    Sechs Monate ist der Book Shop Singer nun noch sicher geöffnet. Vielleicht werden ja Träume wahr, und die Buchhandlung kann doch noch in der Dorotheergasse weitergeführt werden. Ich würde es Dorly wünschen. Und Bücherwürmern wie mir.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-07-02 21:23:17
    Letzte nderung am 2017-07-02 22:59:41



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