• vom 10.07.2017, 08:09 Uhr

Jüdisch leben

Update: 10.07.2017, 08:15 Uhr

Jüdisch leben

Sollen Europas Reformjuden lauter sein?




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Von Alexia Weiss


    Frauenabschnitt an der Klagemauer in Jerusalem.

    Frauenabschnitt an der Klagemauer in Jerusalem.© Alexia Weiss Frauenabschnitt an der Klagemauer in Jerusalem.© Alexia Weiss

    Mehrere Jahre wurde verhandelt, bis im Vorjahr der Plan stand: an der Klagemauer in Jerusalem sollen nicht nur Männer und Frauen jeweils getrennt beten können, sondern auch Männer und Frauen gemeinsam. Dies ist vor allem ein Anliegen von liberalen Jüdinnen und Juden weltweit. Sie stellen in den USA die überwiegende Mehrheit der jüdischen Gemeinden. Als ich vergangenen Dezember am Jewish Media Summit 2016 teilnahm, war der egalitäre Abschnitt an der Kotel das Thema, das die US-Kollegen und –Kolleginnen am meisten interessierte. Auch als sich Premier Benjamin Netanjahu für Fragen der Auslandspresse, die an dieser Konferenz teilnahm, stellte, galt die erste Frage der Klagemauer. Damals scherzte er, ob es keine anderen Themen gebe.

    Das Lachen ist Ende Juni vor allem all jenen vergangen, die diese gemischte Form des Gebets schon zum Greifen nahe wähnten. Aus Rücksicht auf den ultraorthodoxen Koalitionspartner, die Partei Vereinigtes Tora-Judentum, fror die Regierung nun den Kotel-Plan ein. Der Aufschrei, vor allem unter Reformjuden, war groß. Die Organisation "Women of the Wall", die sich Jahre lang für einen egalitären Betbereich an der Klagemauer eingesetzt hatte, meinte, die israelische Regierung habe sich "von einer Handvoll Extremisten festnehmen lassen".

    Enttäuschung, dass doch kein egalitärer Abschnitt an der Klagemauer kommt

    Aber auch der Vorsitzende der Jewish Agency (dies ist die offizielle Einwanderungsorganisation Israels), Natan Sharansky, sagte: "Ich bin zutiefst enttäuscht über diese Entscheidung. Nach vier Jahren intensiven Verhandlungen hatten wir eine Lösung gefunden, die alle großen Gemeinschaften akzeptierten. Sie wurde von den jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt begrüßt. Diese Entscheidung wird unsere Arbeit, Israel und die jüdische Welt enger zusammenzubringen, weitaus schwieriger gestalten."

    Aufhorchen ließ mich aber auch eine Wortmeldung von Rabbiner Lior Bar-Ami, dem Rabbiner der Wiener Reformgemeinde Or Chadasch. Abgesehen davon, dass er die Entscheidung der israelischen Regierung als sehr bedauernswert bezeichnete und als feige, nicht zu seinen Versprechen zu stehen, ärgerte sich der Rabbiner auch darüber, dass die Mehrzahl der Medienberichte, die zu dem Thema erschienen, den egalitären Abschnitt an der Kotel so darstellten, als ob dieser lediglich eine für das US-Judentum wichtige Frage wäre. "Wir, die europäischen liberalen jüdischen Gemeinden, und jene in Australien, Afrika und anderen Teilen der Welt stellen zwar nur einen kleinen Prozentsatz des progressiven Judentums weltweit. Aber wir existieren. Und die Entscheidung der israelischen Regierung, den Kotel-Plan einzufrieren, richtet sich genauso gegen uns wie gegen unsere US-amerikanischen Brüder und Schwestern", so Bar-Ami in einem Statement.

    So weit, so klar. Aber anschließend reflektierte der Rabbiner auch, warum das so sei. Und stellte die Frage, ob dieser Umstand nur darauf zurückzuführen sei, weil es in den USA eben weltweit die meisten liberalen Jüdinnen und Juden gibt. "Vielleicht ist das auch so, weil wir als europäische und andere progressive Juden uns nicht so laut zu Wort melden und nicht so prominent für unsere liberalen jüdischen Werte eintreten wie dies unser US-Gegenüber tut. Wir europäische liberale Rabbinerinnen und Rabbiner waren nicht so präsent wie US-Kolleginnen und -Kollegen im Fernsehen, in Zeitungen und im Radio, als es darum ging, für Toleranz und Offenheit einzutreten, als die ersten Flüchtlinge an unseren Küsten ankamen. Nur wenige von uns sprechen sich für Geschlechtergerechtigkeit aus oder für das Recht zu heiraten auch für LGBT Menschen. Erheben wir unsere Stimme laut genug gegen Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit?"

    Lauter für progressive jüdische Werte eintreten

    Fazit von Rabbiner Bar-Ami: "Wir müssen uns als liberale Rabbiner aus Europa und von anderswo Gehör verschaffen und aufstehen, wenn unsere progressiven jüdischen Werte in Gefahr sind. Und wir müssen jetzt, da der Kotel-Plan eingefroren wurde, uns lauter hörbar machen." Das machte der Rabbiner auch. Das nunmehrige Nein zu einem egalitären Abschnitt an der Kotel sei ein Schag ins Gesicht all jener, die sich hier Jahre lang engagiert hätten, meinte er, "und ein Schlag ins Gesicht der Juden in der Diaspora sowie des weltweiten progressiven Judentums". Bar-Ami wurde erst dieses Frühjahr als Nachfolger von Rabbiner Walter Rothschild von der Gemeinde Or Chadasch inauguriert. Rothschild war vor allem für seinen Humor bekannt. Bar-Ami ist dabei, sein Profil als Kämpfer für liberale jüdische Werte und das gelebte Miteinander nicht nur verschiedener Gruppierungen des Judentums, sondern auch der verschiedenen Religionen, zu schärfen.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-07-10 08:09:53
    Letzte nderung am 2017-07-10 08:15:25



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