• vom 18.07.2017, 11:33 Uhr

Jüdisch leben

Update: 18.07.2017, 11:41 Uhr

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Belastete Orte




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Von Alexia Weiss


    Gedenkstein auf dem Areal das ehemaligen Aspangbahnhofes. An die zehntausenden Menschen, die in der NS-Zeit von hier in ein Vernichtungslager deportiert wurden, wird künftig ein Denkmal erinnern, das derzeit entsteht (Baustelle im Hintergrund links).

    Gedenkstein auf dem Areal das ehemaligen Aspangbahnhofes. An die zehntausenden Menschen, die in der NS-Zeit von hier in ein Vernichtungslager deportiert wurden, wird künftig ein Denkmal erinnern, das derzeit entsteht (Baustelle im Hintergrund links).© Alexia Weiss Gedenkstein auf dem Areal das ehemaligen Aspangbahnhofes. An die zehntausenden Menschen, die in der NS-Zeit von hier in ein Vernichtungslager deportiert wurden, wird künftig ein Denkmal erinnern, das derzeit entsteht (Baustelle im Hintergrund links).© Alexia Weiss

    Ich fühle mich an belasteten Orten nicht wohl. Ständig kreisen dann die Gedanken nicht unbedingt darum, was dort vorgegangen ist, sondern wie sich die Menschen, denen an diesem Ort etwas Tragisches passiert ist, gefühlt haben. Gab es Tränen? Haben Sie mit den anderen, die sich in derselben Situation befanden, über ihre Angst gesprochen? Gab es überhaupt Zeit und Gelegenheit zu Gesprächen?

    Derzeit entsteht auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofes ein beeindruckendes Denkmal, das im September fertiggestellt sein und feierlich eröffnet werden wird. Aus Beton gegossene Gleise führen ins Nichts. Nur ein Bruchteil der zehntausenden Menschen, die von hier aus in der NS-Zeit mehrheitlich in Viehwaggons in ein Vernichtungslager geschickt wurden, hat überlebt.

    Den Bahnhof gibt es schon lange nicht mehr. Moderne Wohnbauten prägen heute diesen Ort, daneben hat die Stadt Grünflächen und einen Spielplatz angelegt. Dieser Park wurde nach dem vor zehn Jahren verstorbenen Holocaust-Überlebenden und Gründer des Jewish Welcome Service, Leon Zelman, benannt.

    Positive und negative Erinnerungen

    Zelman war ein Brückenbauer: indem er vor dem NS-Terror geflüchtete Jüdinnen und Juden in ihre frühere Heimat Wien einlud, versuchte er wieder eine Verbindung herzustellen. Die Menschen hassten, was ihnen hier zugestoßen war, sie verabscheuten die Menschen, die sie hier lieber tot als lebendig gesehen hatten. Aber dennoch blieben sie ihrer Heimat verbunden. Kindheits- und Jugenderinnerungen, sie prägen jedes Leben. Gerüche, der Geschmack bestimmter Speisen, Orte, die man mit schönen Momenten verbindet.

    Die Kinder, die heute im Leon Zelman-Park spielen: sie werden sich als Erwachsene vielleicht daran erinnern, wie sie hier im Sommer morgens durch den Wasserstrahl des Rasensprengers liefen, wie sie mit dem Rad ihre Runden drehten oder an den Reckstangen turnten. Da entstehen gerade ganz viele positive Bilder im Kopf. Sie werden aber auch mit dem Gedenkstein an die NS-Opfer, den es bereits seit Längerem gibt, und mit dem großen Denkmal, das derzeit entsteht (Entwurf: PRINZpod), groß werden.

    Die Stadt schuf an einem belasteten Ort ein neues Wohnviertel, ohne dabei die Vergangenheit völlig zuzuschütten und beiseitezuschieben. Vielleicht ist das der richtige Umgang mit belasteten Orten. Vielleicht verlieren sie so ihren Schrecken, gerade weil nicht versucht wird, die Geister der Vergangenheit zu verdrängen, sondern dem, was passiert ist, Raum gegeben wird. Auch so wird die Brücke von der Vergangenheit ins Heute geschaffen. Und somit wird der Park auch dem nach ihm Benannten gerecht.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-07-18 11:34:41
    Letzte nderung am 2017-07-18 11:41:10



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