• vom 02.08.2017, 08:11 Uhr

Jüdisch leben

Update: 02.08.2017, 10:54 Uhr

Jüdisch leben

"Hebräerhunde"




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Von Alexia Weiss

  • Der Antisemitismus nervt viele, überwunden ist er noch nicht. In Wien hat er eine lange Geschichte.

Wer hinschauen will, der findet die Spuren der Vergangenheit. Tafel an der Leopoldskirche im zweiten Bezirk.

Wer hinschauen will, der findet die Spuren der Vergangenheit. Tafel an der Leopoldskirche im zweiten Bezirk.© Alexia Weiss Wer hinschauen will, der findet die Spuren der Vergangenheit. Tafel an der Leopoldskirche im zweiten Bezirk.© Alexia Weiss

Antisemitismus. Ja, schon wieder Antisemitismus. Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten gehört: gibt es kein anderes Thema? Ein bisschen habe ich das Gefühl, es ist wie mit dem Holocaust, dann um 2000 den Entschädigungsverhandlungen. Der Ruf nach dem Schlussstrich. Das gilt auch für den Antisemitismus. Was wird einem dann so alles serviert? Es gab ihn und er ist überwunden, und wenn es ihn gibt, dann ist er importiert, und ja, es gibt auch ein paar Ewiggestrige, aber die sind ja nicht mehr gefährlich. Und wenn die Juden dennoch nicht aufhören, Antisemitismus anzuprangern, dann wollen sie damit nur etwas erreichen, dann erpressen sie – und wenn man das nun analysiert, würde man erst wieder zum Ergebnis kommen: auch das ist Antisemitismus. Es scheint, als wäre es noch ein langer Weg bis es einen normalen, unbelasteten Umgang zwischen Juden und Nichtjuden gibt.

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte, um aufzuzeigen, warum Juden heute sehr hellhörig sind, wenn es um Antisemitismus geht. Die Schoa, ja, die hat sich in den jüdischen Gemeinden kollektiv eingebrannt. Da gibt es die Betroffenheit in den eigenen Familien. Da gibt es aber auch das Bewusstsein, dass man sich nicht noch einmal ohne Gegenwehr zur Schlachtbank führen lässt. Dazu gehört auch, die Zeichen rechtzeitig zu deuten. Und zwar alle Zeichen: die antisemitischen Rülpser von rechts ebenso wie Judenfeindliches, das von links oder Muslimen verbreitet wird, oft unter dem Deckmäntelchen der Israel-Kritik. Oder unter dem Etikett "Solidarität mit Palästinensern".

Drei ausgelöschte Wiener jüdische Gemeinden

Aber um diesen Teil der Geschichte geht es mir heute gar nicht. Man sollte sich bewusst machen, dass der Holocaust ja nicht im luftleeren Raum entstand. Und da meine ich nun nicht nur beispielsweise den Antisemitismus des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger. Der Antisemitismus hat eine wesentlich längere Tradition. Wer aufmerksam durch Wien geht, dem fallen noch andere Hinweise auf. Sehr klare Hinweise eigentlich, die dokumentieren, warum es in Wien derzeit die vierte jüdische Gemeinde gibt. Die vierte. Drei hat man ausgelöscht. Das Auslöschen hat hier also Tradition. Wie soll man da nicht hellhörig bleiben? Nicht warnen? Jeglicher Judenfeindlichkeit, der man begegnet, sofort das Wasser abgraben wollen?

Station eins: die Leopoldstadt. In der Großen Pfarrgasse befindet sich heute die Leopoldskirche. Sie wurde dort erbaut, wo früher eine Synagoge stand – und das ganz bewusst. Die Neue Synagoge war Teil der zweiten Wiener jüdischen Gemeinde im Ghetto im Unteren Werd. Als Kaiser Leopold I. die Juden 1670 vertreiben ließ, ordnete er an, dass an Stelle der Synagoge eine Kirche zu errichten ist. Er legte noch im selben Jahr persönlich den Grundstein und die Kirche ist bis heute nach ihm benannt – so wie auch der zweite Bezirk. Davon informiert auch eine Tafel, die an der Pfarre angebracht wurde: "Kaiser Leopold I. ließ die jüdischen Wiener/innen 1670 vertreiben und hier statt der Synagoge eine Pfarrkirche errichten."

Auf dem Scheiterhaufen

Station zwei führt in die Wiener Innenstadt und noch weiter zurück in die Geschichte. Unter dem Judenplatz finden sich – über die dortige Außenstelle des Jüdischen Museum Wien auch zu besuchen – die Überreste der 1421 zerstörten Or-Sarua-Synagoge, die Synagoge der ersten Wiener jüdischen Gemeinde. 1420 hatte Herzog Albrecht V. wegen angeblicher Verbrechen wie Waffenlieferung an die Hussiten und Hostienschändung die Inhaftierung und Vertreibung aller Juden angeordnet. Arme Juden wurden nach Ungarn deportiert, reichere zunächst gefangen genommen.  Einiger derer, die in Freiheit blieben, schlossen sich schließlich in der Or-Sarua-Synagoge ein und begingen nach mehrtägiger Belagerung kollektiven Selbstmord. Die letzten rund 200 überlebenden Juden wurden schließlich im März 1421 in Erdberg auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Die Wiener Bevölkerung durfte dabei zusehen.

Die wenigsten wissen von dieser grausamen Geschichte. Dabei ist sie bis heute auf einer Tafel am Haus Nummer zwei am Judenplatz, dem so genannten Jordan-Haus, nachzulesen. Allerdings auf Latein. Die deutsche Übersetzung liest sich so: "Durch die Fluten des Jordan wurden die Leiber von Schmutz und Übel gereinigt. Alles weicht, was verborgen ist und sündhaft. So erhob sich 1421 die Flamme des Hasses, wütete durch die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde. Wie damals durch die Sintflut gereinigt wurde, so sind durch das Wüten des Feuers alle Strafen verbüßt."

Erst 1998 reagierte die katholische Kirche hier mit einer Stellungnahme im öffentlichen Raum, die treibende Kraft war damals Kardinal Christoph Schönborn. Am Haus Judenplatz Nummer sechs wurde eine Tafel angebracht, die als Eingeständnis des Versagens der Kirche zu lesen ist, was die Ermordung europäischer Juden insgesamt anbelangt.

Eingeständnis der katholischen Kirche

Die gewählten Formulierungen sind klar und sie beschönigen nichts. "Kiddusch HaSchem" heißt "Heiligung Gottes". Mit diesem Bewusstsein wählten Juden Wiens in der Synagoge hier am Judenplatz – dem Zentrum einer bedeutenden jüdischen Gemeinde – zur Zeit der Verfolgung 1420/21 den Freitod, um einer von ihnen befürchteten Zwangstaufe zu entgehen. Andere, etwa 200, wurden in Erdberg auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Christliche Prediger dieser Zeit verbreiteten abergläubische judenfeindliche Vorstellungen und hetzten somit gegen die Juden und ihren Glauben. So beeinflusst nahmen die Christen in Wien dies widerstandslos hin, billigten es und wurden zu Tätern. Somit war die Auflösung der Wiener Judenstadt 1421 schon ein drohendes Vorzeichen für das, was europaweit in unserem Jahrhundert während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft geschah. Mittelalterliche Päpste wandten sich erfolglos gegen den judenfeindlichen Aberglauben, und einzelne Gläubige kämpften erfolglos gegen den Rassenhass der Nationalsozialisten. Aber es waren derer viel zu wenige. Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen. "Heiligung Gottes" kann heute für die Christen nur heißen: "Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gottes Heil."

Die katholische Kirche hat in einem langen Prozess nach der Schoa unter Beweis gestellt, dass sie sich geändert hat. Leicht war dieses Eingeständnis sicher nicht. Aber es war notwendig. Erst wenn alle Teile der Gesellschaft, die immer noch nicht vom Antisemitismus lassen können, auch an diesem Punkt angelangt sind, werden wir das Thema Antisemitismus abhaken können. Und bis dahin gilt es, weiter aufmerksam zu sein und sofort aufzuschreien, wenn etwas Einschlägiges geäußert wird. Ja, das mag manchmal lästig erscheinen. Aber das Übel beginnt immer mit Worten, mit Verleumdungen und Unterstellungen. Drei Wiener jüdische Gemeinden wurden über die Jahrhunderte bereits zerstört.

Die vierte wird nicht zerstört werden, da bin ich sicher. Sollte das Problem Antisemitismus aber nicht ein für alle Mal gelöst werden, sollte er sich in den kommenden Jahren ganz im Gegenteil weiter verstärken (etwa auch durch die sozialen Netzwerke als Katalysator), ist es nicht undenkbar, dass sich die Gemeinde nach und nach auflöst, weil ihre Mitglieder auswandern. Ich hoffe es nicht. Doch wer nicht will, dass das passiert, muss dafür sorgen, dass Antisemitismus in der Gesellschaft keinen Platz mehr hat. Dass er in allen Gruppen nicht nur als Kavaliersdelikt, sondern absolutes No-go empfunden wird. Davon sind wir leider noch weit entfernt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-02 08:11:31
Letzte nderung am 2017-08-02 10:54:40



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