• vom 03.09.2017, 17:46 Uhr

Jüdisch leben

Update: 03.09.2017, 18:07 Uhr

Jüdisch leben

Abrahams Kinder




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss


    Carla Amina Baghajati, Mitbegründerin der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, und der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister bei einem muslimisch-jüdischen Dialogtreffen am Sonntag im Palmenhaus der Blumengärten Hirschstetten.

    Carla Amina Baghajati, Mitbegründerin der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, und der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister bei einem muslimisch-jüdischen Dialogtreffen am Sonntag im Palmenhaus der Blumengärten Hirschstetten.© Alexia Weiss Carla Amina Baghajati, Mitbegründerin der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, und der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister bei einem muslimisch-jüdischen Dialogtreffen am Sonntag im Palmenhaus der Blumengärten Hirschstetten.© Alexia Weiss

    Ein wunderbarer Sommer geht zu Ende. Die letzte Urlaubsstation vergangene Woche: Venedig. Die historischen Kunstschätze der Stadt sind stark christlich geprägt (viele davon zu sehen im Museum "Gallerie dell’Accademia") – im Ghetto begegnet man dem jüdischen Erbe. Kurios bis befremdlich mutete dann der Blick in die Auslage eines Glashändlers in einem Gässchen hinter dem Markusplatz an: das Geschäft bot ein Schachspiel feil. Die weißen Figuren: Christen. Die schwarzen Figuren: Juden, zumal hart an der antisemitischen Karikatur. Schach ist nur ein Spiel, ja, dennoch: eine verheerende Symbolik. Der Eindruck, der bleibt: hier wird der Krieg der Religionen ausgetragen.

    Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Am Donnerstag trafen Vertreter dreier rabbinischer Organisationen – der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), des Rabbinical Council of America (RCA) und des Oberrabbinats Israels – im Rahmen einer Audienz in Rom mit dem Papst zusammen. Zwei Jahre lang hatte zuvor das zu diesem Zweck gebildete Nostra Aetate Response Committee (Nostra Aetate ist das Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils) die Erklärung "Zwischen Jerusalem und Rom" ausgearbeitet, die nun übergeben wurde. Kommissions-Vorsitzender war Arie Folger, der Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien.

    Juden und Katholiken heute Partner

    Er betonte im Anschluss an das Zusammentreffen mit Papst Franziskus: "Religionsgemeinschaften sind heute einerseits mit drohender Gewalt von Extremisten und andererseits mit wachsendem Unverständnis einer zunehmend religionsfeindlichen Welt konfrontiert. Dabei haben aber die Religionsgemeinschaften historisch wesentlich zum Wohl der Gesellschaft beigetragen. Um den gesellschaftlichen Herausforderungen besser gewachsen zu sein, versuchen wir unsere Partnerschaft und Zusammenarbeit mit den Katholiken zu stärken."

    Die Erklärung der Rabbiner, die als Meilenstein in den christlich-jüdischen Beziehungen zu sehen ist, anerkennt und lobt die Bemühungen der katholischen Kirche, Antisemitismus keinen Raum mehr zu geben. Anderen christlichen Kirchen, die diesen Schritt noch nicht vollzogen haben, wird empfohlen, dem Beispiel der katholischen Kirche zu folgen. Klar stellen die Rabbiner, dass es unüberbrückbare theologische Differenzen zwischen Juden und Katholiken gäbe – was aber nicht negativ zu sehen sei. Vielmehr sähen Juden Katholiken heute als Partner, enge Verbündete, Freunde und Brüder im beiderseitigen Einsatz für eine bessere Welt mit Frieden, sozialer Gerechtigkeit und Sicherheit. Die Rabbiner fordern die katholische Kirche daher auf, künftig gemeinsam noch stärker gegen "die Barbarei unserer Generation" zu kämpfen, "nämlich den radikalen Ableger des Islam, der unsere globale Gesellschaft bedroht und dabei auch nicht vor den vielen moderaten Muslimen Halt macht".

    Jüdisch-muslimischer Dialog

    Christliche Vertreter, unter ihnen der Leopoldstädter Pfarrer Konstantin Spiegelfeld, waren am Sonntag auch zu Gast bei einer Dialogveranstaltung zwischen Wiener Muslimen und Juden. Vor mehr als einem Jahr riefen die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ) sowie das Onlinemedium "Die Jüdische" das Projekt "Dibur/Sohba" (Gespräch) ins Leben. Ziel war es, auf einer informellen Ebene miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Palmenhaus in den Blumengärten Hirschstätten wurde sonntags anlässlich des islamischen Opferfests halal und koscher aufgetischt. Carla Amina Baghajati, Mitbegründerin der IMÖ, erinnerte, dass man beim mehrtägigen Opferfest – den höchsten islamischen Feiertagen – die Geschichte Abrahams erzählt, dem von Gott befohlen worden war, seinen Sohn zu opfern, am Ende diesen dann aber verschonte und ein Tier geschlachtet wurde. "Gott sagt damit, in meinem Namen soll kein Mensch geschlachtet werden", betonte Baghajati – für sie eine Friedensbotschaft.

    Theologische Replik von Oberrabbiner Folger: das Opfer sei auch im Judentum von zentraler Bedeutung, obwohl nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem kein Opfer mehr erfolgen könne. Die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Itzhak, der schließlich davon verschont wurde, geopfert zu werden, zeige, dass Itzhak sein Leben als Opfer verstanden habe, als Hingabe zu Gott. Zweiter Aspekt sei, dass das Tieropfer zu Zeiten des Tempels in weniger als 24 Stunden zu verspeisen gewesen sei. In Anbetracht der Größe eines Opfertieres bedeutete das, dass man anlässlich eines Opfers – etwa um Gott für etwas zu danken – mit anderen teilen musste. Dieser Gedanke ist auch im Islam zentral: anlässlich des Opferfestes wird auch ein Teil des Fleisches an sozial Schwächere weitergegeben, erläuterte Baghajati.

    IKG-Vizepräsident Chanan Babacsayv betonte, durch informelle Treffen wie jenem heute in Hirschstetten komme man einander auf einer menschlichen Ebene, im direkten Gespräch näher. Er strich aber auch gemeinsame Interessen heraus, wie das Schächten. "Hier müsste man noch viel offensiver mit der Politik reden", betonte er. Das Recht, Tiere koscher oder halal zu schlachten, aber auch Buben zu beschneiden, wie es auch in beiden Religionen vorgesehen ist, müsste in Österreich sowie europaweit so verankert werden, sodass es auch bei einem Regierungswechsel unantastbar sei. Denn ohne das Recht, zu schächten und zu beschneiden, wäre jüdisches religiöses, aber eben auch muslimisches religiöses Leben in Österreich nicht mehr möglich.

    Wahlkampf macht Sorgen

    Hier hakte auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ibrahim Olgun, ein. Dass gerade während des Opferfestes wieder der Versuch gestartet werde, das Schächten zu verbieten, stimme nachdenklich. "Wir Muslime in Österreich sollten uns die Frage stellen, ob es hier eine ehrliche Religionsfreiheit für uns gibt." Im laufenden Nationalratswahlkampf mache es zudem traurig, dass mehrere Parteien den Islam, Muslime zum Thema machen würden.

    Der Wahlkampf war insgesamt Thema vieler Tischgespräche. Der Tenor: Enttäuschung, das Gefühl von Ausgegrenzt-Werden. So meinte IMÖ-Obmann Tarafa Baghajati, bisher hätten nur Rechtsextreme beziehungsweise Rechtspopulisten antimuslimische Ressentiments geschürt. Nun sei das bei Parteien des ganzen Spektrums der Fall, sogar bis hin zu nach Selbstdefinition linken Gruppierungen. Er sehe eine große Gefahr, dass die Reden am Stammtisch zum politischen Mainstream würden.

    Die zunehmende Islamfeindlichkeit macht auch dem Wiener SPÖ-Gemeinderat sowie IGGÖ-Integrationsbeauftragten Omar Al-Rawi Sorgen. Früher habe man solche Töne nur von der FPÖ gehört. "Heute muss man mit der Lupe nach jenen suchen, die keine solchen Ressentiments bedienen." Er postete anlässlich des Opferfests auf Facebook eine Feiertagsbotschaft des kanadischen Regierungschefs Justin Trudeau mit dem Hinweis: "Heute war mir danach eine Videobotschaft eines Regierungschefs zu posten. Und ich habe mich für dieses Video entschieden. Liebe Muslimischen Freundinnen und Freunde und Geschwister. Alles Gute zum Opferfest trotz des Wahlkampfs."

    Durch die Blume übte Al-Rawi damit Kritik am von Bundeskanzler Christian Kern jüngst veröffentlichten Stammtisch-Video, in dem durch eine Dame aus Admont antimuslimische Ressentiments bedient werden, auch wenn der Kanzler in seiner Replik darauf hinweist, dass der Islam seit 1912 gesetzlich in Österreich verankert ist. Al-Rawi betonte, auf berechtigte Kritik würde man seitens der Muslime in Österreich immer eingehen und versuchen, Probleme, die es gebe, gemeinsam zu lösen. Im laufenden Wahlkampf gehe es aber eben vorrangig um Ressentiments. Er betonte allerdings, die richtige Antwort seitens der Muslime, sei nun nicht, sich in die Opferrolle zu begeben. Vielmehr sollten Muslime Selbstbewusstsein zeigen.

    Freie Religionsausübung und Schutz vor Ausgrenzung: diese Themen sind Juden und Muslimen heute gemein. Wie die Rabbiner in ihrer dem Papst übergebenen Erklärung festhielten, gibt es heute, vor allem im Mittleren Osten, aber auch viele verfolgte Christen. Die Angehörigen aller drei monotheistischen Religionen könnte man als "Kinder Abrahams" – so das Motto der heutigen "Dibur/Sohba"-Veranstaltung – bezeichnen. Da ist nicht nur (theologisch) Trennendes, da gibt es auch viel Gemeinsames.

    So naiv es angesichts der herrschenden Rahmenbedingungen auch klingen mag, es wäre schön, würden sich mehr Menschen, vor allem aber mehr politisch Verantwortliche auf die gemeinsamen ethischen Werte besinnen anstatt, um politisches Kleingeld zu wechseln, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen und dadurch die Gesellschaft zu spalten. Was gegen Spaltung hilft? Solidarität. Die gefühlten Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in Österreich sind nicht immer ganz friktionsfrei (Stichwort: Antisemitismus von muslimischer Seite). Die heutige Veranstaltung zeigte, wie gut es sowohl auf Führungs- als auch informeller Ebene tatsächlich geht. Das könnte doch Ansporn auch für andere gesellschaftliche Gruppen sein, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen.





    Schlagwörter

    Jüdisch leben, Alexia Weiss

    4 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-03 17:46:58
    Letzte nderung am 2017-09-03 18:07:00



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Die Saat der Hetzer
    2. Empörung und Doppelmoral
    3. Mit Rasanz in die Sackgasse
    4. Der ÖSV muss in die Offensive gehen
    5. Ja, es geht
    Meistkommentiert
    1. Es geht hier nicht um Sex
    2. Kann die Wahrheit Verhetzung sein?
    3. Die "Hashtag-Justiz"
    4. Das Geschäft mit unserer Schwäche
    5. Ein Parlament, weit weg von seinen Wählern

    Werbung




    Werbung


    Werbung