• vom 11.09.2017, 09:48 Uhr

Jüdisch leben

Update: 11.09.2017, 23:34 Uhr

Jüdisch leben

Da kann ich nicht mit




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    Never again! Dieser Kampfspruch hat in so mancher Sonntagsrede seinen Biss, seine Kraft verloren. Wenn etwas zur hohlen Phrase verkommt, dann sollte man zwei Mal überlegen, bevor man es in einer politischen Ansprache nutzt. Als von Weitem sichtbares Graffiti auf einem Flakturm im Augarten hätten die beiden Worte aber nicht treffender sein können: das Relikt aus der NS-Zeit, das nicht entfernt werden kann, verbunden mit einer Botschaft, die als Lehre aus dem Nationalsozialismus zu ziehen ist. Der Nationalsozialismus brachte Krieg und eine bis heute nicht zu begreifende systematische Ermordung und Vertreibung von Menschen, die nichts anderes gemeinsam hatten als ihren jüdischen Glauben beziehungsweise, wenn sie selbst gar nicht mehr religiös waren oder sogar ein anderes Religionsbekenntnis angenommen hatten, ihre jüdischen Wurzeln. Niemals wieder soll so etwas passieren. Weder Juden und Jüdinnen noch anderen Menschen – zumal ja auch andere Gruppen vom Auslöschungswahn der Nationalsozialisten betroffen waren, wie Roma und Sinti, Homosexuelle, politische Gegner, Menschen, die nicht gesund waren.

    Der "Never again"-Schriftzug (eine zivilgesellschaftliche Initiative, nachdem es von öffentlicher Seite bisher nicht möglich war, hier eine Gedenktafel anzubringen, die den mächtigen Bau in einen geschichtlichen Kontext stellt) ist seit diesem Wochenende vom Flakturm im Augarten verschwunden - er wurde übermalt. Harald Walser und Uschi Lichtenegger von den Grünen stellten sofort einen Bezug zu einem Erntedankfest der Österreichischen Jungbauernschaft her, das am Wochenende in dem Park in der Leopoldstadt gefeiert und zu dem auch ÖVP-Chef Sebastian Kurz zu einem Wahlkampfauftritt erwartet wurde. Die Bühne sei so aufgebaut worden, dass der Flakturm im Hintergrund zu sehen sei - da wäre der Schriftzug "Never again" wahrscheinlich störend gewesen, hieß es. Die Jungbauernschaft wies die Vorwürfe der Grünen sofort zurück. Man habe nichts übermalen lassen. Wer auch immer schließlich für die Entfernung verantwortlich zeichnete: die Botschaft war sonntags wieder zu lesen. Antifaschisten und Antifaschistinnen hatten mit Unterstützung der grünen Bezirksvorstehung am Wochenende ein Transparent gemalt und am Zaun vor dem Flakturm angebracht.

    Die christlich-jüdische Prägung

    Dass die ÖVP oder eine mit ihr verbundene Organisation hier die Hände im Spiel gehabt hätte, würde auch nicht zu der von Kurz in letzter Zeit so oft bemühten christlich-jüdisch geprägten europäischen Kultur passen. Andererseits: wie passen hier die antisemitischen Witze und Memes in Online-Gruppen von Vertretern der VP-nahen Studierendenfraktion AktionsGemeinschaft am Juridikum der Universität Wien dazu? Bis heute gab es hier keine transparente Aufklärung darüber, wer von jenen, die sich an den nicht nur antisemitischen, sondern auch rassistischen, frauen- und behindertenfeindlichen Belustigungen beteiligt haben, schließlich als Funktionär oder Mandatar den Hut nehmen musste.

    Braune Ausritte dieser Art waren bisher nur von freiheitlichen Politikern und Politikerinnen bekannt geworden. Das Erstaunen war also doch recht groß, dass das auch in ÖVP-Kreisen passiert. Der laufende Nationalratswahlkampf zeigt allerdings, dass insgesamt zwischen blauen und türkisen Positionen nicht mehr viel um und auf ist. Das Prinzip des "Wir gegen die anderen" – im jüngsten Buch von Nina Horaczek und Walter Ötsch, betitelt "Populismus für Anfänger: Anleitung zur Volksverführung", wunderbar seziert - findet man da wie dort. Muslimen-Bashing scheint en vogue und Kurz schreckte auch nicht davor zurück, einen Vergleich anzustellen, bei dem er bewusst Äpfel mit Birnen vermischte: er rechnete die Summe, die eine mehrköpfige Flüchtlingsfamilie erhält gegen den Pensionsbezug eines österreichischen Mannes auf und verwies darauf, dass letzterer in das Sozialsystem eingezahlt habe, die Familie aber nicht. Rhetorik dieser Art war man bisher nur von den Freiheitlichen gewohnt. Genau so funktioniert das Prinzip "Wir gegen die anderen".

    Viel Unterstützung für Kurz

    Kurz erfreut sich nichtsdestotrotz in Teilen der jüdischen Gemeinde weiterhin großer Beliebtheit. Er wird aber nicht nur von vielen gewählt, sondern im laufenden Wahlkampf auch tatkräftig unterstützt: Georg Muzicant, Sohn des Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Ariel Muzicant, und seine Frau gehören zu den Wahlkampfspendern der ÖVP. Und mit dem Wiener Psychoanalytiker und Unternehmer Martin Engelberg gibt es auch einen jüdischen Kandidaten an wählbarer Stelle. Engelberg war in den vergangenen Jahren mit seiner Liste "Chaj" mit drei von 24 Mandaten im Vorstand der IKG Wien vertreten. Seine Frau Danielle Spera leitet das Jüdische Museum der Stadt Wien.

    In einer Demokratie gilt natürlich: jeder darf sich engagieren, wofür er oder sie will, und wer welche Partei wählt, bleibt jedem selbst überlassen. Was die FPÖ anbelangt, gab es allerdings bisher den breiten Konsens innerhalb der Community, dass hier nicht angestreift wird (auch wenn im Bundespräsidentschaftswahlkampf durchaus Thema war, dass einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde sich für den blauen Kandidaten Norbert Hofer entschieden – das vorrangige Motiv: die Angst vor muslimischem Antisemitismus). Wer sich aktuell die Positionen der ÖVP ansieht, erkennt große Überschneidungen mit der FPÖ. Zum Einen. Andererseits gibt es keinerlei Berührungsängste der Türkisen, nach der kommenden Nationalratswahl eine Koalition mit den Freiheitlichen einzugehen. Wer sich also für Kurz entscheidet, wählt höchstwahrscheinlich die FPÖ mit. Macht es aber Sinn, als Jude, als Jüdin, solch einen Kurs zu unterstützen?

    Ja, beide – ÖVP und FPÖ – betonen inzwischen die christlich-jüdischen Wurzeln Europas. Bei der FPÖ wird diese Haltung immer wieder durch antisemitische Ausritte von Funktionären (Stichwort: Einzelfälle) konterkariert. Und die ÖVP beteiligt sich inzwischen an dem Spiel, Gruppen gegeneinander auszuspielen. Juden mögen davon vordergründig nicht betroffen sein. Die Frage ist nur: wo führt das hin? Wo führt es hin, wenn es im Alltag zunehmend zum Problem wird, einen ausländischen Namen zu tragen? Auch viele Wiener Juden und Jüdinnen führen, da sie oder ihre Familien in den vergangenen Jahrzehnten aus Zentralasien nach Österreich eingewandert sind, Namen, die nicht Deutsch und auch nicht europäisch klingen.

    Es braucht Solidarität

    Vor allem aber: was passiert mit einer Gesellschaft, die zunehmend auseinanderdividiert wird, in der sich Gräben auftun? Wenn von der Politik Vorurteile, zum Beispiel gegen Muslime (Integrationsbereitschaft!) geschürt werden, dann hat das nach und nach Auswirkungen im Alltag. Dann fühlen sich Einzelne ermächtigt, andere offen zu diskriminieren, auszugrenzen, vielleicht sogar tätlich anzugreifen. Am Ende wird jeder ausgegrenzt, der nicht dem österreichischen Mainstream entspricht, egal, ob es sich dann um eine Frau mit Kopftuch oder einen Mann mit Kippa handelt. Das einzige, was eine Gesellschaft zusammenhalten kann, ist Solidarität und eine gelebte Kultur des Miteinander.

    Was kommt in persönlichen Gesprächen sofort als Gegenargument, wenn ich die ÖVP-Problematik anspreche? Die SPÖ schließe eine Zusammenarbeit mit der FPÖ auch nicht dezidiert aus (wenngleich hier Bundeskanzler Christian Kern zuletzt ziemlich klar machte, dass es mit ihm wohl keine solche Koalition geben werde). Und dann das Stammtischvideo. Ja: ich halte beides für problematisch. Das Video erhebt vor allem die unreflektierten Vorurteile einer Österreicherin zum Maß der Dinge, an dem sich Politik zu orientieren hat. Das ist der verkehrte Weg. Wenn man sich darauf einlässt, Ängsten zu begegnen, die auf stereotypen Vorurteilen basieren, dann ist man selbst schon wieder ein Stückchen in Richtung spaltender Tendenzen abgedriftet.

    Der Stammtisch

    Was bei dem Video aber vor allem verwunderte: "Wir san römisch-katholisch oder evangelisch, a paar freie Christen san oft no, aber des Andere, das wü i alles net", sagt die Frau am Stammtisch. Kern entgegnet, dass der Islam in Österreich bereits seit 1912 gesetzlich verankert ist. Es gibt allerdings noch andere Religionsgemeinschaften. Wie etwa die jüdische. Da wird allseits das christlich-jüdische Europa bemüht. Und in dieser Situation fällt das dem Kanzler nicht ein? Die Dame, die in einer ländlichen Region lebt, kennt offenbar Zeit ihres Lebens keine Juden und Jüdinnen. Kein Wunder, man hat ja versucht, sie zwischen 1938 und 1945 völlig zu vertreiben und zu ermorden. Menschen wie dieser Frau gehört einmal detailliert die Welt erklärt, bevor man sich auf ihre Sorgen einlässt. Die Vorstellung, dass in Österreich nur Christen zu leben haben, die war schon vor 100 Jahren überholt. Auch da kann ich nicht mit.

    Es sind schwierige Zeiten, auf die wir da zugehen, und wenn man sich das ganze mit ein bisschen Abstand ansieht, fragt man sich: warum eigentlich? Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Lebensqualität ist gut, die Finanzkrise liegt hinter uns. Ja, es gibt Verbesserungsbedarf, im Schulsystem beispielsweise, im Gesundheitssystem, die Integrationsarbeit gehört verstärkt (das wäre die Aufgabe der öffentlichen Hand, hier etwa noch mehr Deutschkurse anzubieten, bei der Nostrifizierung und dem Nachholen von Bildungsabschlüssen behilflich zu sein, anstatt Ressentiments zu schüren), der Umweltschutz ist Thema (Klimawandel) oder aber auch die Lebensmittelsicherheit. Aber grundsätzlich geht es uns doch gut. Warum das ständige Befeuern des "Wir gegen die anderen" dennoch auf fruchtbaren Boden fällt? Die Neidgesellschaft zeigt ihre bösen Krallen. Diese nicht zu bedienen, das wäre allerdings die Aufgabe von Politik. Leichter ist der Stimmengewinn aber mit Spalten und Gegeneinanderausspielen. Am Ende fällt uns das allerdings allen auf den Kopf.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-11 09:50:17
    Letzte nderung am 2017-09-11 23:34:44



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