• vom 18.09.2017, 08:49 Uhr

Jüdisch leben

Update: 18.09.2017, 08:57 Uhr

Jüdisch leben

Integration, nicht Assimilation




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Von Alexia Weiss


    Chanan Babacsayv (li) und Israel Abramov (re) vergangenen Jänner: Anlässlich des Holocaust-Gedenktages beteiligten sie sich an der #WeRemember-Aktion des Jüdischen Weltkongresses.

    Chanan Babacsayv (li) und Israel Abramov (re) vergangenen Jänner: Anlässlich des Holocaust-Gedenktages beteiligten sie sich an der #WeRemember-Aktion des Jüdischen Weltkongresses.© Privat Chanan Babacsayv (li) und Israel Abramov (re) vergangenen Jänner: Anlässlich des Holocaust-Gedenktages beteiligten sie sich an der #WeRemember-Aktion des Jüdischen Weltkongresses.© Privat

    Sommerfest der bucharisch-jüdischen Community in Wien: ein bisschen Programmatisches (nicht nur der Nationalrat, auch der Kultusvorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien wird noch dieses Jahr neu gewählt), viel Smalltalk, ein zum Spirit des Abends passendes Buffet mit koscherer aschkenasisch-sephardischer Fusion-Küche. Was auffiel: auch als jemand, der kein Russisch beherrscht, fühlte man sich an diesem Abend nicht sprachlich ausgeschlossen.

    Geplaudert wurde großteils auf Deutsch und auch die kurzen Ansprachen wurden mehrheitlich in der Landessprache gehalten. Nur Shlomo Ustaniazov, der Präsident des Verbands Bucharische Juden Österreich (VBJ), wandte sich in Russisch und Hebräisch an die Gäste. Die beiden wesentlich jüngeren VBJ-Vertreter Israel Abramov, Vorstandsvorsitzender des VBJ, und Chanan Babacsayv, derzeit IKG-Vizepräsident, sprechen Wienerisches Deutsch.

    "Die Russen": so wurden die bucharischen Jüdinnen und Juden in der Wiener jüdischen Gemeinde lange bezeichnet. Dabei war dieser Begriff nie wirklich zutreffend: bucharische Juden stammen aus Buchara, einem Gebiet in Zentralasien (heutiges Usbekistan und Tadschikistan). Dort wurde Bucharisch gesprochen, das Schulsystem der Sowjets brachte Russisch als Bildungssprache. Russisch ist bis heute in vielen, aber nicht allen bucharischen Familien eine identitätsbildende Sprache – Russen waren die Bucharen aber nie (Sowjetbürger schon).

    Doppelte Emigration

    Viele bucharische Juden nützten die Möglichkeit, ab den 1970er dem Kommunismus zu entkommen und in Israel ein neues Leben zu beginnen. Die Ausreise erfolgte meist über Österreich. Einige Familien lebten zwar eine Weile in Israel, entschieden sich dann aber, nach Europa zu gehen und emigrierten ein zweites Mal: dieses Mal nach Wien.

    Das war auch in den Familien von Abramov und Babacsayv so. Beide wurden in Israel geboren – Abramov 1979 und Babacsayv 1977 – und beide kamen als kleine Kinder nach Österreich. Hier wurden sie groß, hier maturierten sie, hier leben sie heute mit ihren Kindern: Abramov ist sechsfacher Vater, Babacsayv hat drei Kinder. Beide sind im Immobilienbereich tätig (Abramov als Immobilienkaufmann, Babacsayv als Immobilienmakler). Das Bucharische ist aus dem Sprachenkanon der beiden Familien bereits verschwunden – "nicht einmal meine Eltern sprechen mehr Bucharisch", erzählt Abramov. Er spricht mit seiner Frau und seinen Kindern Deutsch, Russisch und Hebräisch. Bei den Babacsayvs sind Deutsch und Hebräisch die Familiensprachen.

    "Wenn man uns heute fragt: ‚Woher kommt ihr?’, dann sagen wir nicht mehr ‚aus Buchara’, wir sagen: ‚Aus Wien. Unsere Kinder sind in Wien geboren’", sagte Babacsayv in seiner Sommerfest-Rede und erntete Applaus. So denken inzwischen viele. Und so betont auch Abramov: es sei gar nicht mehr richtig von einer bucharischen Gemeinde zu sprechen. Wien habe eine jüdische Einheitsgemeinde – und ein Teil der Mitglieder habe bucharischen Background. Das manifestiere sich lediglich am Festhalten am sephardischen Ritus in der bucharischen Synagoge. Das sei aber auch in anderen Ländern und bei anderen jüdischen Gruppen so, ob aschkenasisch oder sephardisch, gibt Abramov zu bedenken. "Es geht auch darum, mit welchem Ritus man in seiner Familie groß geworden ist."

    Offiziell gegründet wurde der VBJ Mitte der 1980er Jahre. Heute haben rund 2.500 bis 2.600 der insgesamt an die 8.000 Mitglieder der IKG Wien bucharischen Background. Die Elterngeneration hat – wie auch die Väter von Abramov und Babacsayv – zwei Emigrationen hinter sich: von der früheren Sowjetunion nach Israel und später von Israel nach Wien. Ja, auf den ersten Blick würden Menschen wie sein Vater durch seine nicht perfekte Sprache nicht gut integriert wirken, sagt Abramov. "Aber sie sind in Österreich integriert. Sie verstehen Deutsch und können sich verständigen."

    Abramov unterscheidet zwischen drei Gruppen: bei den Null- bis 30-Jährigen seien alle völlig integriert und sprächen perfekt Deutsch. Die 30- bis 50-Jährigen wüssten noch besser über ihren bucharischen Background Bescheid, seien aber in Österreich schon gut verankert. Die Über-50-Jährigen hätten es nach zwei Migrationserfahrungen geschafft, die Sprache zu erlernen und sich hier eine neue Existenz aufzubauen.

    Heimat und Werte

    Integration ja – Assimilation nein. Babcsayv sagt, "für viele von uns, auch die, die nicht in Wien geboren wurden, ist Österreich mittlerweile unsere Heimat geworden. Meine Generation sieht sich heute als Wiener Juden. Man kann hier eine Heimat haben und trotzdem seine Rituale, Traditionen und seinen Glauben bewahren". Für Abramov bedeutet Integration, dass man sich in der Gesellschaft, in der man lebt, einlebt und deren Werte mitträgt. Über Werte wird aktuell politisch viel diskutiert. Welche Werte meint Abramov? "Die Verfassung, Demokratie, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit."

    Der Schlüssel zu erfolgreicher Integration ist bei den bucharischen Juden und Jüdinnen ganz offensichtlich Bildung. Früher haben Eltern, welche die Zukunft ihrer Kinder sichern wollten, diesen ein kleines Geschäft gekauft, erzählt Abramov. Das funktioniere schon länger nicht mehr so. Heute schaue man, dass die Kinder Matura machen, an einer Universität studieren. "Jüdische Schulen wie die Zwi Perez Chajes-Schule, der Lauder Chabad-Campus, und die Lauder Business School, eine Fachhochschule, spielen eine große Rolle", betont Babacsayv. Wichtig sei aber auch das Jüdische Berufliche Bildungszentrum JBBZ. Dieses biete in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice Berufsqualifikation im vertrauten kulturellen Rahmen. "Das JBBZ war für viele Mitglieder der bucharischen Community ein Eckpfeiler der Integrationsarbeit."

    Sprachverlust

    Diese Woche begehen Juden weltweit Rosch HaSchana, das Neujahrsfest, das Mittwoch Abend beginnt. Seit einigen Jahren bietet die bucharische Synagoge ihren Mitgliedern auch ein Gebetbuch für die Feiertage nicht nur in Hebräisch, sondern mit deutscher phonetischer Transkription an. "Immer mehr Menschen mit bucharischem Background sprechen schlecht oder gar nicht mehr Russisch und Hebräisch", so Abramov. Das sei die Realität. Auf diese müsse man sich einstellen.

    Sprachverlust, Heimatgewinn: gelungene Integration geht – so scheint es - oft auch mit dem Verlust von Sprache, von Kultur, von Tradition einher. Kann die Integration bucharischer Juden in Österreich als role model betrachtet werden? Durchaus. Wenn man sich hier etwas abschauen möchte, sollte man allerdings mehrere Dinge ernst nehmen: erstens Menschen Bildungschancen zu ermöglichen. Bei der ersten Generation von Zuwanderern (egal, ob es nun Migranten oder Geflüchtete) sind, geht es dabei vor allem um berufliche Qualifikation. Jenen, die bereits als Kinder kamen, muss auch höhere Bildung offenstehen.

    Vielfach wird beklagt, dass Mädchen und Buben, deren Eltern ihnen nicht helfen können, nur dann eine Chance im Schulsystem haben, wenn sie auf besonders engagierte Pädagogen und Pädagoginnen treffen. Die jüdischen Schulen haben hier wertvolle Arbeit geleistet. Vieles ist aber nur möglich, wenn es genügend Personalressourcen gibt. Die jüdischen Schulen werden als Privatschulen geführt – da ist das sicher leichter zu organisieren. Zu denken geben sollte es aber auch für das öffentliche Schulwesen.

    Zweitens darf es aber auch Menschen nicht abverlangt werden, ihre Herkunft zu verleugnen und von einem Tag auf den anderen ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Traditionen aufzugeben. Die Praxis bei bucharischen Jüdinnen und Juden zeigt: je rascher Bildung greift, desto rascher integrieren sich Menschen. Damit geht dann automatisch ein Verlust an einigen Facetten der Herkunftskultur einher, wie eben von Sprache. Das mag nun gut oder schlecht sein. Paradoxerweise ist es genau das, was jene wollen, die zum Beispiel muslimische Schulen kritisch beäugen. Auch dort wachsen aber junge Menschen heran, die hier einerseits in einem Umfeld aufwachsen können, das Religionsausübung ermöglicht, aber andererseits so zu höherer Bildung kommen. Integration ist immer ein Prozess. Man kann ihn aber beschleunigen. Die Forderung nach rascher Assimilation ist allerdings kein geeigneter Katalysator. Gute Bildungschancen sind es schon.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-18 08:50:08
    Letzte nderung am 2017-09-18 08:57:29



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