• vom 26.09.2017, 15:34 Uhr

Jüdisch leben

Update: 26.09.2017, 15:41 Uhr

Jüdisch leben

Über Österreicher und vermeintliche Nicht-Österreicher




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    Die Äpfel wurden in Honig getaucht und die Süße genossen und wir haben dem Klang des Schofar gelauscht. Rosch HaSchana, das jüdische Neujahrsfest, ist vorüber. Die Hohen Feiertage sind es allerdings noch nicht. Kommenden Samstag wird gefastet, denn es ist Jom Kippur, der Versöhnungstag.

    Seit vielen Jahren veröffentlichen heimische Politiker und Politikerinnen in jüdischen Medien Glückwünsche zu Rosch HaSchana. Die sozialen Netzwerke haben hier in den vergangenen Jahren aber auch einen direkteren Zugang zu Menschen allgemein, zu potenziellen Wählerinnen und Wählern im Besonderen geschaffen. Ihre Facebook-Auftritte nützen Volksvertreter auch, um zu Weihnachten, Silvester oder eben dem jüdischen Neujahr zu gratulieren. Manche jedenfalls. Heuer waren das – sieht man sich die Spitzenpolitik an – Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender Christian Kern sowie Außenminister und ÖVP-Obmann Sebastian Kurz. Die anderen Parteivorsitzenden verzichteten vergangene Woche auf diese Geste.

    Was auffällt: unter dem Eintrag des Bundespräsidenten finden sich viele Dankes-Einträge und ein Hinweis, dass die Muslime heuer gleichzeitig mit Juden Neujahr feierten, dazu aber nicht gratuliert wurde. Der Bundeskanzler postete eine Videobotschaft, in welcher er Österreichs "historische Verantwortung" betonte und unterstrich, dass es gelungen sei "ein Zusammenleben in Vielfalt, in Pluralität, in Offenheit und in gegenseitigem Respekt zu organisieren". Antisemitische Äußerungen empfinde auch er als persönlichen Affront, fügte er hinzu, "weil das Judentum auch Teil meiner persönlichen Geschichte ist als Österreicher in diesem Land". Hier ebenfalls viel Dank, einige bedauernde Wortmeldungen in Sachen muslimisches Neujahr, aber auch ein provokante Frage: "Ich frage mich haben wir noch österreichische Politiker?"

    Von eigenen Landsleuten und fehlendem Respekt

    Der Außenminister wählte ein Foto mit Äpfeln, Granatäpfeln und Honig. Den süßen Wünschen folgten allerdings viele ganz und gar nicht wohlwollende Einträge. Ein Poster schildert – ziemlich zusammenhanglos zu den Glückwünschen – was er alles satt hat: dass immer mehr Flüchtlinge kommen, dass er ständig hören müsse, er müsse sich in sämtlichen Bereichen den Gebräuchen und Sitten der Flüchtlinge anpassen, aber auch, dass er ins rechtsradikale und menschenfeindliche Eck gestellt werden, weil er nicht "welcome" schreie. Ein anderer Poster stellt die Frage: "Basti, wir haben nicht nur Juden und Moslems in Österreich! Schon bemerkt???" Und es geht weiter, Schlag auf Schlag: ob der Außenminister auch "seinen eigenen Landsleuten" schon einmal frohe Weihnachten oder Ostern gewünscht habe oder aber die Frage: "Bringen die anderen Religionsgemeinschaften denn eigentlich den Österreichern den gleichen Respekt entgegen?"

    Diese Einträge offenbaren so viel. Juden leben seit Jahrhunderten in Österreich (mit bitteren Zäsuren), der Islam ist seit 1912 gesetzlich hier zu Lande verankert, doch im Grund spielt es auch keine Rolle, wie lange in Österreich eine Religion anerkannt ist. Es herrscht Religionsfreiheit und natürlich ist auch ein Jude, ein Muslim, ein Buddhist mit österreichischer Staatsbürgerschaft ein Österreicher. Dieses Denken, dass, wer hier lebt, eigentlich Christ zu sein hat, das haben Politiker wie Kern und Kurz schon lange durchbrochen. Selbst FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beschwört seit einiger Zeit die christlich-jüdischen Werte (für Neujahrswünsche auf der mit Abstand Posting-reichsten Facebook-Seite eines Parteichefs reichte es aber dann doch nicht).

    Völlig anders verhält es sich mit dem Islam: hier wird im Moment seitens mancher Politiker eine scharfe Abgrenzung vorgenommen. Vielleicht lässt sich so auch begründen, warum es tatsächlich keine Glückwünsche zum muslimischen Neujahr auf die Facebook-Auftritte heimischer Spitzenpolitiker schaffte – schließlich herrscht Wahlkampf, das Thema ist heikel. Zu Ramadan nahm Kern allerdings an einem Fastenbrechen teil und im islamischen Fastenmonat gab es auch seitens anderer Politiker und Politikerinnen öffentliche Grußbotschaften.

    Sich der Realität stellen

    Normalität im Zusammenleben ist erst erreicht, wenn es eben gang und gäbe ist, zu jeglichen Festivitäten zu gratulieren, ohne dass dies zu herabwürdigenden Reaktionen führt. Davon entfernen wir uns immer mehr. Ich habe den Eindruck, wir waren schon viel weiter. Es ist nicht so, dass die offene Gesellschaft in Gefahr ist, denn sie wird weiterhin von einer starken Zivilgesellschaft getragen. Die Stimmen derer, die sich gegen diese offene Gesellschaft aussprechen, werden aber immer lauter. Das Thema polarisiert.

    Hat das mit den Möglichkeiten zu tun, welche die sozialen Netzwerke eröffnen, die jedem, der meint, etwas sagen zu müssen, eine Plattform bieten? Hat das mit der Angst vor islamistischem Terror zu tun? Mit der Sorge, es kämen zu viele Fremde ins Land? Mit der Reaktion mancher politischer Parteien auf diese Befürchtungen? Wirkt der laufende Nationalratswahlkampf als Katalysator? Und warum wirken hier klare Aufrufe wie jener des Bundeskanzlers nicht?

    Eine kürzlich veröffentlichte Statistik zeigte, dass es an Wiener Pflichtschulen (also Volks- und Neuen Mittelschulen) inzwischen mehr muslimische als christliche Schüler gibt, wobei auch die Gruppe der konfessionslosen Kinder und Jugendlichen groß ist. Dass hier die Allgemeinbildenden Höheren Schulen nicht einbezogen wurden, verzerrt das Bild enorm. Dennoch ist es Zeit, sich der Realität zu stellen. Je rascher man sich auf die Wirklichkeit einstellt, desto besser kommt man auch in ihr zurecht. In diesem Sinn: Schana tova! Auf ein gutes neues Jahr!






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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-26 15:40:52
    Letzte nderung am 2017-09-26 15:41:49



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