• vom 04.10.2017, 20:46 Uhr

Jüdisch leben

Update: 04.10.2017, 20:54 Uhr

Jüdisch leben

Das Schtetl ist schon weit weg




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Von Alexia Weiss


    Erwin Javor hat seine Familiengeschichte in eine Zusammenschau jüdischen Lebens nach dem Holocaust verpackt ("Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee", nun erschienen im Amalthea Verlag).

    Erwin Javor hat seine Familiengeschichte in eine Zusammenschau jüdischen Lebens nach dem Holocaust verpackt ("Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee", nun erschienen im Amalthea Verlag).© Privat Erwin Javor hat seine Familiengeschichte in eine Zusammenschau jüdischen Lebens nach dem Holocaust verpackt ("Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee", nun erschienen im Amalthea Verlag).© Privat

    Was begründet die jüdische Identität? Ist es nur die Geburt? Ist es die Religiosität? Die Verfolgungsgeschichte? Die Kultur? Eine Opferrolle? Ein Zugehörigkeitsgefühl?

    Ich kenne Erwin Javor schon viele Jahre. Und ja, wenn nun jemand sagt, ist ja kein Wunder, sie hat ja damals, als seine Frau, die Sängerin und Schauspielerin Anita Ammersfeld, das stadtTheater walfischgasse eröffnete, dort gearbeitet. Das ist richtig. Aber wie heißt es so schön: Wien ist ein Dorf. Das gilt umso mehr für die kleine jüdische Gemeinde. In der Kehille kennt man sich. Und wo man sich kennt, kommt es über die Jahre zu verschiedensten Verknüpfungen.

    Erwin ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um Jüdischkeit geht. Er kann den Schtetl-Spirit vermitteln, auch wenn er ihn selbst nur aus den Erzählungen seines Vaters kennt. Worüber auch immer man mit Erwin spricht: es wird ihm ein jüdischer Witz dazu einfallen. Oder eine Anekdote. Er hat aus einem kleinen Flanschgeschäft ein großes Stahlhandelsunternehmen geschaffen – aber in privaten Gesprächen geht es selten ums Geschäft, dafür oft um Politik oder eine ganz andere Welt: die der Ostjuden im Nachkriegs-Wien.

    Sein Vater stammte aus Jablonica in Ostgalizien (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine), seine Mutter aus Budapest, wo er auch selbst 1947 zur Welt kam. Als er drei Jahre alt war, wanderte die Familie nach Wien aus, das eigentlich nur Zwischenstation auf der Reise nach Amerika sein sollte, schließlich aber die neue Heimat werden sollte. Wenn man denn von Heimat sprechen kann als Jude in einem Land, in dem nach Kriegsende Nationalsozialisten ja nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden waren.

    "Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee"

    Erwin Javor, der jüdische Kunst und Kultur seit jeher inhaliert, hat nun selbst in die Tasten gegriffen. In "Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee" (Amalthea Verlag) verknüpft er seine Familiengeschichte mit den Ingredienzien, die auch sonst so charakteristisch für seine Erzählungen sind: Witze, Anekdoten, ein bisschen etwas zu jüdischen Traditionen und obendrauf noch eine Prise Israel. Wenn man Erwin kennt, dann liest man dieses Buch und hat dazu seine Stimme im Ohr. Und wer ihn nicht kennt, für den erhebt sich in diesem kurzweiligen Potpourri jüdischen Selbstverständnisses vermutlich das eine oder andere, das zum Schmunzeln, aber eben auch zum Nachdenken anregt.

    Ich bin ein Zebra: was hat dieser Titel mit dem Judentum zu tun? Wenig, auf den ersten Blick. Und doch ganz viel. Vor vielen Jahren für eine Ausstellung des Jüdischen Museums Wien zu seiner jüdischen Identität befragt, hatte Erwin geantwortet: "Wenn Sie ein Zebra fragen ‚Was ist Ihre Identität?’ wird es sagen: ‚Was soll die dumme Frage? Ich bin ein Zebra! Mein Vater war eins, meine Mutter war eins, meine Großeltern auch, sogar meine Frau ist ein Zebra, also raten Sie einmal, was meine Kinder sind?"

    Heute ergänzt er: "Ich bin in der Herde groß geworden und kannte nur Zebras. Anfangs waren auch alle meine Freunde Zebras. Mit der Zeit habe ich auch andere Tiere kennengelernt. Jetzt mag ich nicht mehr zwangsläufig alle Zebras. Manche machen es einem auch wirklich schwer, sie zu mögen. Aber: Wenn ein Löwe ein Zebra bedroht, dann bin ich auf der Seite sogar des widerlichsten Zebras und helfe ihm. Denn ich werde immer ein Zebra bleiben. Meine Streifen sind vielleicht andere, aber auch ich habe Streifen. Und das ist auch gut so."

    Erwin bezeichnet sich heute selbst als Atheist und dennoch geht er zu den Hohen Feiertagen in die Synagoge, dennoch isst er kein Schweinefleisch, dennoch war er viele Jahre lang bei einem orthodoxen Rabbiner lernen. Es geht ihm um das Wissen, nicht um den Glauben. Wenn man so will ist er ein Bindeglied zwischen der jüdischen Welt vor dem Holocaust und der jüdischen Welt heute. Er hat den Klang des Jiddischen noch im Ohr. Das Schtetl ist schon weit weg, aber er kann noch erahnen, wie es war. Vor einigen Jahren hat er auch Jablonica besucht – und ist dort wider Erwarten auf Menschen getroffen, die sich noch an seinen Vater erinnern konnten, mehr noch, deren Leben in gewisser Weise mit dem seines Vaters verknüpft waren.

    Eines seiner drei Kinder ist nach Israel emigriert, er selbst pendelt mit seiner Frau heute zwischen Wien und Tel Aviv. Wie in so vielen jüdischen Familien geht es auch in dieser um Brüche, aber gleichzeitig um Kontinuitäten. Es hat den Anschein, als ob gerade die jüdische Identität, die durch die äußeren Rahmenbedingungen zu Brüchen führt, gleichzeitig die Kontinuität darstellt.

    Was Erwin strikt ablehnt: sich als Opfer zu fühlen. Seine Eltern haben der NS-Vernichtungsmaschinerie ins Auge gesehen und sie haben Familie und Freunde verloren – seine Mutter auch ihren ersten Mann. Er selbst aber sei kein Opfer, ist es ihm wichtig zu betonen. Und dennoch gibt es auch in seinem Leben die dunklen Momente. Eigentlich sollte Erwin nicht Erwin Javor, sondern Erwin Engelstein heißen. Die Geschichte dahinter ist eine Tragische – nachzulesen in: "Ich bin ein Zebra."





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-10-04 20:47:57
    Letzte nderung am 2017-10-04 20:54:36



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