• vom 01.11.2017, 16:20 Uhr

Jüdisch leben

Update: 01.11.2017, 16:30 Uhr

Jüdisch leben

Beschämend




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Von Alexia Weiss


    Jung und alt: Erich Lederer, Sohn von Szerena und August Lederer, der bis in die 1970er Jahre mit der Republik Österreich um Herausgabe von Klimts Beethovenfries kämpfte, vor seinem eigenen Porträt von Egon Schiele. 

    Jung und alt: Erich Lederer, Sohn von Szerena und August Lederer, der bis in die 1970er Jahre mit der Republik Österreich um Herausgabe von Klimts Beethovenfries kämpfte, vor seinem eigenen Porträt von Egon Schiele. © Privat Jung und alt: Erich Lederer, Sohn von Szerena und August Lederer, der bis in die 1970er Jahre mit der Republik Österreich um Herausgabe von Klimts Beethovenfries kämpfte, vor seinem eigenen Porträt von Egon Schiele. © Privat

    Gustav Klimts Beethovenfries gilt als eines der Hauptwerke des österreichischen Künstlers. Bis heute ist er Teil der Sammlung des Belvedere, bis heute kann er in Wien besichtigt werden und lockt Jahr für Jahr tausende Besucher und Besucherinnen in die Secession. Immer wieder machte das monumentale Kunstwerk Schlagzeilen – zuletzt 2015 als der Kunstrückgabebeirat empfahl, den Fries nicht an die Erbengemeinschaft, welche Antrag auf Rückgabe gestellt hatte, zu restituieren.

    Die Wiener Kunsthistorikerin Sophie Lillie zeichnet in ihrem eben erschienenen Buch "Feindliche Gewalten. Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries" (Czernin Verlag) die Entstehung des Kunstwerks sowie dessen Besitzverhältnisse vor, während und nach dem Nationalsozialismus nach. Ihr Resümee ist bitter: Ja, der Staat Österreich kaufte dem Erben Erich Lederer den Beethovenfries schließlich in den 1970er Jahren ab. Aber: Erstens zu einem auch damals schon viel zu niedrigen Preis – und es wurde nie eine Ausfuhrgenehmigung erteilt. Dem damals bereits betagten Mann war nach Jahrzehnte langem Ringen nicht mehr viel anderes übrig geblieben, als hier einzuwilligen, zumal das Kunstwerk unter der Jahre langen unsachgemäßen Lagerung durch den Staat bereits gelitten hatte und dringend restauriert werden musste.

    Nein des Kunstrückgabebeirats

    Genau für solche Fälle sei das Kunstrückgabegesetz 2009 novelliert worden, argumentiert Lillie. "Dass Erich Lederer den Beethovenfries letztlich verkaufte, ist einzig und alleine dem Umstand geschuldet, dass die Republik Österreich die Ausfuhr seines Eigentums kategorisch verweigerte. Die Verhandlungen, die sich fast 25 Jahre hinzogen, zielten darauf ab, Erich Lederer dieses Einverständnis abzuringen. Somit wären die zentralen Voraussetzungen für die Restitution gemäß dem österreichischen Kunstrückgabegesetz in seiner Fassung von 2009 erfüllt gewesen. Dennoch entschied der Beirat, den Beethovenfries nicht an die Rechtsnachfolger von Erich Lederer zu übereignen." Der Kunstrückgabebeirat empfahl also keine Rückgabe – und der damalige Kunstminister Josef Ostermayer (SPÖ) folgte dieser Empfehlung.

    Lillie – deren aktuelles Buch auf dem im Auftrag der Erben von Erich Lederer 2013 erstellten Gutachten basiert - prangert dabei vor allem den Umstand an, dass im Zug des Verfahrens niemand aus der Familie Lederer befragt wurde, obwohl sowohl Nichte als auch Neffe von Erich Lederer ihre persönlichen Erinnerungen über das Ringen um das Kunstwerk zu Protokoll geben hätten können. Die Antragsteller hätten aber auch nicht in die Unterlagen Einsicht nehmen können, auf deren Basis der Kunstrückgabebeirat schließlich seine Entscheidung fällte.

    "Hier zeigt sich das grundlegende Ungleichgewicht zwischen Staat und Restitutionswerber", schreibt die Kunsthistorikerin. "Das Kunstrückgabegesetz ist ein Ermächtigungsgesetz, das dem Staat zwar ermöglicht, ihn aber nicht rechtlich verpflichtet, Raubkunst zurückzugeben. Es gibt kein offenes Verfahren, in dem sich zwei gleichberechtigte Parteien gegenüberstehen, keine unabhängige Richterin, die für die Einhaltung der Gesetze bürgt. Betroffene dürfen die weisen Entscheidungen des Rückgabebeirates dankbar entgegennehmen. Rekurs gegen eine negative Entscheidung einzulegen – Derartiges ist nicht gestattet."

    Am Ende habe der Kunstrückgabebeirat in einer Pressekonferenz zwar festgehalten, dass sich die Republik Österreich gegenüber der Familie Lederer "in schäbiger Weise verhalten hat". Gleichzeitig hielt man aber fest, Erich Lederer hätte ja, wenn er dies wirklich gewollt hätte, die Ausfuhr des Kunstwerkes durchsetzen können.

    Wer Lillies penible Recherchen liest, merkt rasch, dem kann wohl nicht so gewesen sein. Durch Transport und unsachgemäße Lagerung kam es bereits in der NS-Zeit zu Schäden, Jahre lange weitere Aufbewahrung in unpassenden Räumlichkeiten sorgten bis in die 1970er Jahre hinein für weiteren Verfall. Man hatte Lederer zwar das Kunstwerk zugesprochen (dafür aber große Teile des weiteren Familienvermögens nicht, das von den Nationalsozialisten bereits durch Tricksereien, indem angebliche Schulden zu tilgen gewesen seien, entzogen worden war, und wo sich Lederer in der Nachkriegszeit mit auf diesem Lügengebäude aufbauenden komplizierten Konkursverfahren konfrontiert sah). Doch man genehmigte die Ausfuhr nicht, und als Lederer, der sich auch zunehmend um den Zustand des Kunstwerks sorgte, sich irgendwann damit abzufinden schien, dass der Fries wohl in Österreich zu bleiben habe, begann ein unwürdiges Feilschen, in dem auch der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) eine wenig rühmliche Rolle spielte. Er hatte persönlich auf Lederer eingewirkt, sich mit einem "angemessenen" Preis zufrieden zu geben. Das Versprechen Kreiskys, eine Stifter-Tafel für Erich Lederer anzubringen, wurde bis heute nicht eingelöst.

    Ein Schnäppchen

    Wie günstig die Republik das Kunstwerk schließlich erstanden hatte, war bereits zum Zeitpunkt des Kaufes klar. Wie Lillie nun in "Feindliche Gewalten" festhält, rühmte sich Kreiskys Pressesprecher, Ingo Mussi, Erich Lederer hätte Österreich mit dem Beethovenfries "das profitabelste Abendessen, was die Millionen betrifft", serviert. Am Nationalfeiertag 1975 wurde das erste restaurierte Teilstück des Frieses der Öffentlichkeit in der Österreichischen Galerie präsentiert. 15 Millionen Schilling hatte die Republik Lederer dafür bezahlt – finalisiert worden war der Verkauf schließlich im Frühjahr 1972. Schlussendlich kamen zehn Millionen Schilling für die Restaurierung des Werkes sowie vier Millionen Schilling für die Adaptierung der Secession zur Unterbringung des Frieses dazu – die Gesamtaufwendungen lagen also bei 29 Millionen Schilling. Internationale Schätzungen hatten damals einen Wert des Kunstwerks von einer Million US-Dollar ergeben. Wie günstig die Republik hier kaufte, zeigt, dass der Marktwert nur zehn Jahre später - 1985 - mit 500 Millionen Schilling angegeben wurde. "Der von Mussi als ‚profitables Abendessen’ bezeichnete Ankauf hätte für Österreich nicht günstiger ausfallen können", so Lillie.

    Beschämend. Das war der erste Begriff, der mir in den Sinn kam, als ich dieses Buch zu Ende gelesen hatte. Geschichte setzt sich immer aus vielen Details zusammen, ist nie eindimensional. Wie man mit der Familie Lederer in der NS-Zeit umgegangen ist, ist bitter. Da versuchte die Familie zu retten, was noch zu retten war, indem sich etwa die Tochter der Sammlungsbesitzerin Szerena Lederer, Elisabeth Bachofen-Echt, als uneheliche Klimt-Tochter ausgab (samt hochnotpeinlichem Verfahren zur Anerkennung als solche), nur um als Mischling zu gelten und überhaupt versuchen zu können, Teile des Familienvermögens zu bewahren. Es gelang ihr am Ende nicht – sie starb 1944 in Wien an einem Hirntumor. Ihre Mutter war bereits ein Jahr zuvor in Budapest verstorben.

    Bitter ist aber eben auch der Umgang des Staates Österreich mit dem Erben Erich Lederer – er war der Sohn von Szerena und August Lederer, letzterem blieb der Nazi-Spuk erspart, da er 1936 starb. Da wurde in die Länge gezogen, da wurde gefeilscht, für welches Kunstwerk eine Ausfuhrgenehmigung gegeben würde, wenn dieses oder jenes dafür in österreichischen Sammlungen verblieb. Da ließ Erich Lederer vor dem endgültigen Deal in Sachen Beethovenfries der Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg, die im Auftrag Kreiskys mit ihm in seiner nunmehrigen Heimat Schweiz das Gespräch gesucht hatte, als Zeichen seiner Dankbarkeit eine Klimt-Originalzeichnung zukommen. Das wurde übrigens später – im Zug der neuerlichen Befassung des Kunstrückgabebeirats – auch zu Ungunsten Lederes ausgelegt: Beamte wie Thomas Nowotny und Wolf Frühauf hätten ins Treffen geführt, Lederers Schenkung einer Klimt-Zeichnung an Firnberg sei ein Beweis dafür, wie glücklich der Verkauf des Frieses ihn gestimmt habe, so Lillie. Die Schenkung sei aber eben vor dem Verkauf erfolgt. Und: "Erich Lederer war auch ‚gelernter Österreicher’. Die Liste seiner Geschenke an österreichische Institutionen ist in ihrem Umfang beschämend: ob Belvedere oder Albertina, Heeresgeschichtliches Museum oder Sankt Stephan Verein – alle erhielten von Erich Lederer über die Jahre großzügige Spenden."

    Was nun bleibt: Ein übler Nachgeschmack. Mehr noch: Das Gefühl, dass sich Unrecht bis heute fortsetzt. Hier wird exemplarisch vor Augen geführt, wie Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus entrechtet und ihr Besitz enteignet wurde, wie aber auch die Republik Österreich nicht alles tat, was ihr möglich war. Es stellt sich zudem die Frage: Auch wenn es üblich ist, dass der zuständige Minister der Empfehlung des Kunstrückgabebeirats folgt – wäre es nicht doch im Ermessen von Ostermayer gelegen, hier davon abweichend zu handeln? Und schließlich: Warum ist es nicht – wenn schon keine Rückgabe empfohlen wurde – zumindest möglich, die von Kreisky versprochene Stifter-Tafel für Erich Lederer anzubringen?





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-11-01 16:21:44
    Letzte nderung am 2017-11-01 16:30:40



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