• vom 07.11.2017, 23:06 Uhr

Jüdisch leben

Update: 07.11.2017, 23:15 Uhr

Jüdisch leben

Distanz zur FPÖ




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Von Alexia Weiss


    Diskussion im Vorfeld der Wahl des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am 19. November: (vlnr) Dezoni Dawaraschwili (Georgische Juden), Robert Sperling (Bund), Dina Margules-Rappaport (Chaj), Oskar Deutsch (Atid), Chanan Babacsayv (Bucharische Juden), Reuven Rennert (Khal Israel), Yaacov Frenkel (Kehille).

    Diskussion im Vorfeld der Wahl des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am 19. November: (vlnr) Dezoni Dawaraschwili (Georgische Juden), Robert Sperling (Bund), Dina Margules-Rappaport (Chaj), Oskar Deutsch (Atid), Chanan Babacsayv (Bucharische Juden), Reuven Rennert (Khal Israel), Yaacov Frenkel (Kehille).© Alexia Weiss Diskussion im Vorfeld der Wahl des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am 19. November: (vlnr) Dezoni Dawaraschwili (Georgische Juden), Robert Sperling (Bund), Dina Margules-Rappaport (Chaj), Oskar Deutsch (Atid), Chanan Babacsayv (Bucharische Juden), Reuven Rennert (Khal Israel), Yaacov Frenkel (Kehille).© Alexia Weiss

    Am 15. November organisiert SOS Mitmensch eine Menschenkette rund um das Regierungsviertel, Treffpunkt ist um 18.30 Uhr am Ballhausplatz. Die Botschaft: "Schützen wir unsere Ministerien vor der drohenden Übernahme durch Rechtsextreme!" Und: "Ministerien sollten ausschließlich von Personen geführt werden, die nicht das Geringste mit rechtsextremen und neonazinahen Verbindungen am Hut haben. Darauf müssen wir pochen!" Die Menschenkette solle ein Signal an die Menschen in Österreich sein, "es liegt in unser aller Verantwortung, jeglichen Anfängen in Richtung Machtgewinn für rechtsextreme und neonazinahe Kreise zu wehren", heißt es in dem Demo-Aufruf.

    Unterstützt wird diese Kundgebung von den Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen (JÖH), die hier innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien zur Teilnahme aufruft. Bei einer Podiumsdiskussion mit den Spitzenkandidaten beziehungsweise Sprechern jener sieben Fraktionen, die bei der Wahl des Kultusvorstands der IKG Wien am 19. November antreten, fragte JÖH-Co-Vorsitzender Benjamin Hess das Podium, wer gemeinsam mit der JÖH am 15. November am Ballhausplatz stehen werde. Es kam von allen Diskussionsteilnehmern, egal ob religiös oder säkular, aschkenasisch oder sefardisch, klare Unterstützung.

    Gänzlich konfliktfrei geht es wohl in keiner Community zu – alle Fraktionen positionierten sich jedoch Dienstag Abend einmal mehr als Befürworter der Einheitsgemeinde, auch im Hinblick auf schwierige äußere Umstände. Dann sei es umso wichtiger, geschlossen aufzutreten, betonte etwa IKG-Präsident Oskar Deutsch, Spitzenkandidat der Fraktion Atid (Hebräisch: Zukunft).

    Die künftige Regierungsbeteiligung der FPÖ sorgt bei allen Fraktionen für Unbehagen. Deutsch, der mehrmals an ÖVP und SPÖ plädiert hat, nicht mit den Freiheitlichen zu koalieren, betonte bei der Diskussion, er sei nicht davon ausgegangen, dass man auf ihn hören würde. Er habe sich aber in der Zukunft, wenn es rückblickend darum gehen werde, dass es eben eine Regierung mit Burschenschaftern in ihren Reihen gab, nicht vorwerfen lassen wollen, zu diesem Zeitpunkt geschwiegen zu haben.

    Gegen Vereinnahmung

    Dina Margules-Rappaport, Spitzenkandidatin der Liste Chaj – Jüdisches Leben, meinte, für sie persönlich sei der Gedanke, dass Österreich nun bald eine Regierung mit FPÖ-Beteiligung haben werde, "grauslich und erschreckend". Der neue Kultusvorstand müsse sich hier auf eine gemeinsame Linie einigen, wie man sich als Kultusgemeinde von dieser Regierung, vor allem aber von der FPÖ nicht vereinnahmen lasse. Am 15. November gehe sie demonstrieren – wie sie schon unter Schwarz-Blau regelmäßig an den Donnerstags-Demonstrationen teilgenommen habe.

    Der Listenerste des Vereins Bucharischer Juden (VBJ), Chanan Babacsayv, derzeit IKG-Vizepräsident, erinnerte an den Status Quo: Laut geltendem Kultusratsbeschluss gibt es keine offiziellen Beziehungen zwischen IKG und FPÖ. Die kommenden Jahren würden nicht einfach werden, wichtig sei, dass die IKG hier eine gemeinsame Linie nach außen vertrete. Dezoni Dawaraschwili von den Georgischen Juden und ebenfalls IKG-Vizepräsident, warnte davor, dass die FPÖ sich nun gerne durch die Kultusgemeinde kaschern lassen würde. Das sei "sehr bedenklich", hier müsse man aufpassen.

    Deutsch betonte, es brauche auch weiterhin eine klare distanzierte Haltung gegenüber der FPÖ. Er verwies auf die Zeit von Schwarz-Blau zur Jahrtausendwende – auch damals habe man Lösungen gefunden. So sei seitens der Kultusgemeinde mit FPÖ-geführten Ministerien nicht mit den Ministern und Ministerinnen, sondern auf Beamtenebene verhandelt worden.

    Kritik an Martin Engelberg, Gründer der Liste Chaj, der sich aber inzwischen aus der jüdischen Gemeindepolitik zurückgezogen hat, da er bei der vergangenen Nationalratswahl ein ÖVP-Mandat errang, übte Robert Sperling von der Liste Der Bund sozialdemokratischer Juden – Avoda. Jemand anders würde sich unter diesen Umständen, also einer Koalition von ÖVP und FPÖ, überlegen, dieses Mandat vielleicht nicht anzunehmen.

    Antisemitismus im Alltag

    "Die FPÖ-Regierungsbeteiligung stellt mir alle Haare auf", betonte Reuven Rennert, Sprecher der orthodoxen Fraktion Khal Israel. Auch seine Fraktion unterstütze die Teilnahme an der Lichterkette am 15. November, wobei er anmerkte, gerade als orthodox sichtbare Juden seien quasi jeden Tag bei ihrer ganz persönlichen Demonstration. Er verwies auf die Dokumentation von Antisemitismus durch das Forum gegen Antisemitismus und beklagte ein Ansteigen von antisemitischen Anfeindungen im Alltag eben gerade für Menschen, die als Juden erkennbar sind. Auch Yaacov Frenkel, der für die Liste Kehille (Jiddisch: Gemeinde) antritt, bekräftigte: Kundgebungen wie jene kommende Woche am Ballhausplatz seien "so notwendig".

    Einhelliger Tenor in dieser Runde: Das genaue Procedere, wie man sich gegenüber den künftigen FPÖ-Ministern und –Ministerinnen positioniert, wird vom nächsten Kultusvorstand zu beschließen sein. Die grobe Linie ist aber schon jetzt klar: Alle Fraktionen, die sich nun der Wahl stellen, sehen es als problematisch, dass Burschenschafter nun an den Spitzen von Ministerien stehen. Man will sich weder vereinnahmen lassen noch dazu beitragen, die FPÖ zu kaschern, also reinzuwaschen. Den Publikumsreaktionen zu Folge – das Gemeindezentrum war bis zum letzten Platz gefüllt – entspricht das auch der Erwartung der meisten Wiener Jüdinnen und Juden.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-11-07 23:07:45
    Letzte nderung am 2017-11-07 23:15:21



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