• vom 14.11.2017, 10:45 Uhr

Jüdisch leben

Update: 14.11.2017, 10:49 Uhr

Jüdisch leben

Der richtige Zeitpunkt




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    Das Gedenkjahr 2018 wirft seine Schatten voraus. 100 Jahre Erste Republik. 80 Jahre seit Beginn des nationalsozialistischen Terrorregimes in Österreich. Wenn man mit Familien spricht, deren Vorfahren 1938 aus Wien geflüchtet sind, kommt immer wieder die Aussage: Die Großeltern, die Urgroßeltern waren assimiliert. Sie waren hier gut integriert. Sie dachten nicht, dass auch sie durch die Nationalsozialisten bedroht würden. Die Novemberpogrome 1938 machten klar: Falsch gedacht. Inzwischen war es aber schon schwieriger geworden, zu flüchten. Jeder Tag länger, den man vor einer Botschaft anstand, um ein Visum für irgendwo zu bekommen, brachte einen dem Tod ein Stückchen näher. Nur dass man das so in diesem Moment nicht erfassen konnte. Es gibt Dinge, die rollen sich erst mit dem Blick in die Vergangenheit auf.

    Wann ist der richtige Zeitpunkt zu flüchten? Diese Frage beschäftigt nicht nur in der historischen Perspektive. Laut Vereinten Nationen sind aktuell weltweit mehr als 65 Millionen auf der Flucht. Vielen der Geflüchteten wird heute, auch immer wieder offen von Politikern und Politikerinnen so artikuliert, vorgeworfen, keinen tatsächlichen Fluchtgrund zu haben – sie seien "nur" Wirtschaftsflüchtlinge. Bevor die Nationalsozialisten begannen, Juden systematisch zu ermorden, nahmen sie ihnen ihre Existenzgrundlage, indem sie ihnen verunmöglichten, zu arbeiten, zu studieren, in die Schule zu gehen, indem sie ihre Geschäfte zerstörten, ihren Besitz "arisierten".

    Waren Jüdinnen und Juden zu Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme auch "nur" Wirtschaftsflüchtlinge? Das würde im historischen Rückblick jeder verneinen. Wäre es auch in der damaligen Gegenwart so gesehen worden, hätten sich hoffentlich nicht so viele Ländern so zögerlich gezeigt, verfolgte Jüdinnen und Juden aufzunehmen. Wie viele Menschenleben hätten dadurch gerettet werden können?

    Auschwitz war nicht der Beginn

    Dazu kam: Der Holocaust begann nicht mit Auschwitz. Die Schoa nahm ihren Anfang weit früher. Sie nahm ihren Anfang in der antisemitischen Rhetorik eines Karl Lueger. Sie nahm ihren Anfang mit der judenfeindlichen Stimmung, die von der katholischen Kirche geschürt wurde. Sie nahm ihren Anfang mit dem antisemitischen Geist, den Burschenschafter an den Unis verbreiteten. Sie nahm ihren Anfang mit Rassentheorien, die Menschen in edlere und unedlere einteilte.

    Die Nachrichtenlage dieser Tage stimmt mehr als nur nachdenklich. In Polen marschierten am 11. November 60.000 "Patrioten und Rechtsextreme" ("Die Zeit") auf. Der Anlass: Polens Unabhängigkeitstag, man beruft sich dabei auf jene Unabhängigkeit, die Polen nach dem Ersten Weltkrieg erlangte (zuvor war es auf Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt). Bei der Demonstration wurden Rufe nach einem "judenfreien Polen" ("Times of Israel") laut - in dem Bericht ist von rund 10.000 Juden die Rede, die heute in Polen leben. Eine sehr kleine Minderheit also. Der Zorn der Straße richtete sich an dem Tag aber auch gegen Muslime. Sie machen allerdings ebenfalls weit unter einem Prozent der Bevölkerung Polens aus. Diffuse Ängste bringen in Menschen offenbar den Reflex hervor, sich gegen vermeintlich Fremdes abschotten zu wollen, um sich selbst zu schützen. Bloß wovor, fragt man sich, denn worin sollte die Bedrohung durch Juden liegen? Und selbst wenn man sich auf den islamistischen Terror beruft: Woher kommt die diesbezügliche Angst in einem Land, in dem es kaum Muslime gibt und man sich im Zug der Flüchtlingskrise mehr als zurückhaltend mit der Aufnahme von Geflüchteten zeigte? Man könnte auch sagen: Irrational. Ja. Aber mit ganz konkreten Auswirkungen auf die Gruppen, gegen die hier mobil gemacht wird.

    "Verbrennt wie Juden"

    In Österreich wurden am 13. November in Linz mehrere Männer zu Haftstrafen zwischen sechs und 15 Monaten verurteilt. Ihnen werden Nazi-Umtriebe vorgeworfen. Auch hier mischt sich Antisemitismus mit Fremdenfeindlichkeit. "Verbrennt wie Juden" hätten sie beim Anzünden von Shisha-Kohlen gesagt, bei Schießübungen im Wald soll einer der Angeklagten erst aufgehört haben, auf einen seiner Kameraden zu zielen, als ihm andere aus der Gruppe versichert haben, dass es sich beim dem Bedrohten "um keinen Asylanten handelt" (Kleine Zeitung). Begrüßt hat man sich mit "Heil Hitler" oder "Sieg Heil".

    Es sind Dinge wie diese, gegen die es mehr als scharf aufzutreten gilt. Durch Aufzeigen, durch Verurteilungen, aber auch durch eine Zivilgesellschaft, die sagt, das wollen wir nicht. Bei Rechtsextremen von heute mischt sich Judenhass (wohl tradiert) mit Muslimen-, Fremden-, Flüchtlingsfeindlichkeit. Geschürt wird das von Parteien wie der FPÖ. Diese kann sich dabei klar auf rechtsstaatlichem Boden bewegen, es braucht hier keine Aufrufe zu Gewalt, keine Aufrufe zu Dingen, die gegen das Gesetz verstoßen würden. Die sozialen Netzwerke können auch ganz legal dazu genutzt werden, die Stimmung aufzubereiten. Ein Beispiel: Dieser Tage wurde eine muslimische Schülerin der Vienna International School vom Times Magazine zu eine der weltweit einflussreichsten Teenager und Teenagerinnen gekürt. Wiens Vizebürgermeister Johann Gudenus stellte einen Bericht der "ZiB" mit dem Einwort-Kommentar "Irrsinnn" auf seiner Facebook-Seite online. Mehr braucht es nicht. Schon kochen in den Kommentaren darunter die Emotionen hoch.

    Lichterkette

    Für morgen, Mittwoch, Abend ruft SOS Mitmensch (gemeinsam mit einigen anderen Organisationen, darunter auch die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen) zu einer Lichterkette rund um das Regierungsviertel in der Wiener Innenstadt auf. Der friedliche Protest soll sich gegen mögliche Burschenschafter als künftige Minister richten. "Unsere Ministerien nicht in die Hände von Rechtsextremen", heißt es in dem Aufruf. Die Regierung stehe ja noch gar nicht, heißt es dazu nicht nur in Foren, sozialen Medien, sondern auch in Zuschriften Unbekannter und in Gesprächen mit persönlich Bekannten. Man solle doch erst einmal abwarten, was wirklich passiere, ob sich diese Koalition tatsächlich bilde, wer dann an welcher Stelle in der Regierung sitze, was tatsächlich beschlossen würde, bevor man eine demokratisch gewählte Regierung schon auf der Straße bekämpfe.

    Erstens: Das Demonstrationsrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung sind Herzstücke eines demokratischen Rechtsstaates. Ich bin sehr froh, dass wir beides derzeit haben und hoffe, dass wir uns hier nicht in Bälde mit Einschränkungen konfrontiert sehen (siehe etwa die Wortmeldung vom Wiener FPÖ-Stadtrat Toni Mahdalik, der vergangene Woche einen Tag vor dem Erinnerungstag an die Novemberpogromnacht von 1938 in einer Aussendung meinte, "morgen werden wieder ein paar linke Schwammerln, die sich ob der hinter jeder Ecke lauernden Nazis gern gepflegt gruseln, einmal mehr für Stau, kilometerlange Umwege und so erhöhte Abgas- und Feinstaubbelastung sorgen"). Zweitens: Wann ist der richtige Zeitpunkt, seiner Sorge Ausdruck zu verleihen? Dann, wenn vielleicht noch etwas zu verhindern ist? Oder dann, wenn die Entscheidungen bereits getroffen sind?





    2 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-11-14 10:46:22
    Letzte nderung am 2017-11-14 10:49:04



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Merkels versäumter Abgang
    2. Der Wunderwuzzi hat eine rätselhafte Herkunftsgeschichte
    3. Empörung und Doppelmoral
    4. Ein typisches Song-Contest-Ergebnis
    5. Alles nicht wahr
    Meistkommentiert
    1. Es geht hier nicht um Sex
    2. Kann die Wahrheit Verhetzung sein?
    3. Die "Hashtag-Justiz"
    4. Das Geschäft mit unserer Schwäche
    5. Ein Parlament, weit weg von seinen Wählern

    Werbung




    Werbung


    Werbung