• vom 06.12.2017, 10:26 Uhr

Jüdisch leben

Update: 06.12.2017, 10:42 Uhr

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Acht Wünsche




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Von Alexia Weiss

  • Kommenden Dienstag beginnt das achttägige Lichterfest Chanukka.

Acht Kerzen - acht Tage, acht Wünsche. Die etwas höher gestellte Kerze ist die Dienerkerze, sie dient zum Anzünden. 

Acht Kerzen - acht Tage, acht Wünsche. Die etwas höher gestellte Kerze ist die Dienerkerze, sie dient zum Anzünden. © Alexia Weiss Acht Kerzen - acht Tage, acht Wünsche. Die etwas höher gestellte Kerze ist die Dienerkerze, sie dient zum Anzünden. © Alexia Weiss

"Season’s greetings" steht auf englischsprachigen Feiertagskarten und ich fand das schon immer eine wunderbar integrative Formulierung: Viele Menschen feiern Weihnachten, manche Chanukka, für andere ist es schlicht Winter. "Season’s greetings" schafft Verbindung und schließt niemanden aus. Und in einer Gesellschaft, die inkludiert statt auszugrenzen, ist es doch auch idealerweise so: Ich kann mich, selbst wenn ich nicht Weihnachten feiere, an der festlichen Beleuchtung in der Stadt erfreuen und zu Chanukka die Kerzen zünden, auch wenn dies viele meiner Freunde und Freundinnen hier nicht tun, sie aber dazu einladen, weil ich weiß, dass sie sich darüber freuen, genauso wie ich mich freue, wenn ich von jemandem, dem Weihnachten wichtig ist, ein Päckchen mit einem Buch geschenkt bekomme. Das macht eine offene Gesellschaft aus.

Kommende Woche zünden Juden und Jüdinnen weltweit die erste von acht Chanukka-Kerzen. Das Lichterfest bringt nicht nur ein bisschen Glanz und Wärme in den kalten und dunklen Dezember. Es erinnert auch an ein Wunder: Der historische Tempel in Jerusalem war zerstört und musste wiederaufgebaut werden. Nur wenig Öl war noch da, um den Leuchter anzuzünden und um neues anzufertigen, brauchte es acht Tage. Doch das wenige Öl reichte für diese acht Tage – und so zünden wir heute acht Tage lang die Chanukkalichter.

Keine Religionsgruppe lebt heute isoliert. Gilt es als Brauch, Kindern Chanukka-Gelt zu schenken, also Geld, von dem dann ein Teil für Wohltätigkeit gespendet werden soll (auch das eine feine und wichtige Tradition), schenken heute viele jüdische Familien – wohl auch in Anlehnung an die christliche Geschenkskultur zu Weihnachten – den Kindern kleinere oder größere Präsente, hübsch eingepackt. Meine Tochter bekommt acht Päckchen, auf jedem steht eine Zahl von eins bis acht, so weiß sie, an welchem Tag sie welches aufmachen darf und die übrigen bleiben bis zum Ende des Chanukkafests im Wohnzimmer auf dem Couchtisch drapiert liegen. Das schmälert auch etwas das jährliche Bedauern, dass es keinen Adventskalender gibt. Wie singt Adam Sandler in seinem legendären "Chanukah Song"?: "Chanukah is the festival of lights. Instead of one day of presents we have eight crazy nights."

Nicht jeder Wunsch ist jedoch materieller Natur: auch bei Kindern nicht. Manche Kinder wünschen sich einen guten Freund, andere, dass sich die Eltern besser vertragen, wieder andere, in der Schule gut über die Runden zu kommen. All das kann nicht gekauft und nicht in Päckchen verstaut werden: Weder zu Chanukka noch zu Weihnachten. Und wohl auch zu keinem anderen Fest. Aber mit dem Wünschen geht auch immer ein bisschen Hoffnung einher. Wer sich nichts mehr wünscht, hat die Hoffnung aufgegeben.

Ich freue mich schon aufs Kerzenzünden ab kommendem Dienstag. Das Sufganjot- und Latkes-Essen möchte ich heuer nicht ausufern lassen, doch für jedes Licht habe ich mir einen Wunsch überlegt. Keiner dieser Wünsche lässt sich mit einem Simsalabim verwirklichen. Aber jeder würde uns einer offenen und solidarischen Gesellschaft näher bringen. Das wäre das große Ziel, der größte Wunsch, sagen wir: Wunsch Nummer acht.

1. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch in diesem Land das Nötigste zum Leben hat: Nahrung, ein (geheiztes) Zuhause, Kleidung, medizinische Versorgung. Damit das so ist, darf es keine Beschneidungen bei der Mindestsicherung geben. Menschen brauchen nicht weniger zum Leben, weil sie in einem anderen Land zur Welt gekommen sind. Und eine starke Gesellschaft kann es sich leisten, Bedürftige nicht hungern, nicht frieren, nicht auf der Straße leben zu lassen. Zumal es allen zugute kommt, wenn die Schwächsten nicht täglich ums Überleben kämpfen.

2. Ich wünsche mir, dass alle Menschen gute Chancen bekommen. Für Kinder heißt das: Ein Schulsystem, das alle mitnimmt und keine Mädchen und Buben als hoffnungslose Fälle aufgibt, nur weil ihre Eltern ihnen nicht helfen können. Wien hat hier mit der Ganztagsschule einen ersten guten Ansatz umgesetzt (auch wenn hier, zum Beispiel in Bezug auf das Lesenlernen, immer noch Verbesserungsbedarf besteht).

3. Ich wünsche mir, dass Hilfesuchende trotz allen Bedarfs eines Rechtsstaates, zu überprüfen, ob sie zum Beispiel Anrecht auf Asyl oder subsidiären Schutz haben, mit Respekt behandelt werden. Das Verfahren, wie es teils gehandhabt wird, degradiert sie zu mutmaßlichen Schwindlern und Betrügern. Das schafft zusätzliches Leid, Retraumatisierung, Verbitterung, die nicht nötig wäre.

4. Ich wünsche mir, dass Antisemitismus in dieser Gesellschaft keinen Platz hat, dass Rassismus nicht um sich greift, dass jeder auch in der Öffentlichkeit zeigen darf, wer er ist, ohne dafür angefeindet oder sogar angegriffen zu werden – ob mit Blicken, verbal oder tätlich.

5. Ich wünsche mir, dass Globalisierung nicht nur bedeutet, dass ich heute Produkte aus der ganzen Welt mit wenigen Klicks zu mir nach Hause bestellen kann, sondern die Welt wirklich als eine Einheit begriffen wird, in der sich Menschen hier auch für das zuständig fühlen, was Menschen anderswo widerfährt, wo Rohstoffe als gemeinsames Gut begriffen werden.

6. Ich wünsche mir, dass das Wohl von Menschen an erster Stelle steht und nicht das Befriedigen wirtschaftlicher und materieller Interessen.

7. Ich wünsche mir, dass Wünsche dieser Art nicht als naiv und lächerlich abgestempelt und als "Gutmenschentum" diffamiert werden, denn ja, der Begriff "Gutmenschen" ist zunehmend negativ konnotiert und alleine das sollte einem schon darüber zu denken geben, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Einer Gesellschaft übrigens, die sich gerade in Österreich derzeit so sehr auf die "christlichen Werte" beruft und in der bald Weihnachten gefeiert wird, ein Fest, in dem es um die Herbergssuche armer Menschen geht, die mit einem Baby der Hoffnung Unterschlupf suchen. Es mag ein abgedroschenes Bild und schon oft bemüht worden sein. Doch wenn am Abend des 24. Dezember Menschen um den Christbaum stehen, dann sollte es im Kern darum gehen und nicht um verheißungsvolle Päckchen. So wie es zu Chanukka darum geht, sich an eine der vielen historischen Rettungen der Juden zu erinnern. Sich zu freuen, dass es uns immer noch gibt.

8. Ich wünsche mir, siehe oben, dass wir endlich in einer offenen und toleranten Gesellschaft leben. Dass die Ehe für alle nun wirklich kommt, ist hier ein Hoffnungsschimmer. Schon fast ein kleines Wunder. Dabei beginnt Chanukka doch erst nächste Woche.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-06 10:31:00
Letzte nderung am 2017-12-06 10:42:21



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