• vom 03.01.2018, 19:15 Uhr

Jüdisch leben

Update: 03.01.2018, 19:48 Uhr

Jüdisch leben

Wenn Erinnerung verblasst




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    "Die letzten Zeugen" hieß eine beeindruckende Burgtheaterproduktion, für die Doron Rabinovici und Matthias Hartmann erstmals 2013 die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden auf die Bühne brachten und diese anschließend selbst mit ein paar Worten vor das Publikum traten. Inzwischen sind ein paar der damals Mitwirkenden bereits verstorben: Ari Rath zum Beispiel und Vilma Neuwirth, Ceija Stojka verstarb bereits vor der Premiere. Andere sind noch am Leben, wie Marko Feingold oder Rudolf Gelbard. "Die letzten Zeugen" sind genau das: Die letzten, die bezeugen können, was damals geschah, in der Zeit des NS-Unrechtsregimes, als Menschen nur auf Grund ihrer Herkunft ermordet werden durften, ermordet werden sollten.

    Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags lädt das Erinnerungsbündnis "Jetzt Zeichen setzen!" auch heuer wieder zu einer Feier im Andenken an die Opfer der Schoa. Diese wird allerdings nicht wie in den Vorjahren am Heldenplatz stattfinden, sondern in der Diplomatischen Akademie. Antworten finden wollen die Veranstalter dabei auf die Fragen, wie eine Erinnerungskultur aussehen kann, die keine Zeitzeugen und Zeitzeuginnen mehr hat und was die noch lebenden Zeuginnen und Zeugen für Erwartungen an die nächsten Generationen haben.

    In der Holocaust education setzt man sich damit schon seit Jahren auseinander, aus ganz praktischen Gründen: Wie vermittelt man jungen Menschen das Unaussprechliche, wenn niemand mehr davon erzählen kann? Seit Mitte der 1990er Jahre trug beispielsweise das von Steven Spielberg begründete "USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education" in Los Angeles an die 52.000 Interviews mit Überlebenden zusammen, die in 36 Sprachen und in 56 Ländern aufgenommen wurden. In Österreich wurden dabei rund 180 Gespräche aufgezeichnet, weltweit wurden mit weiteren 1.200 ehemaligen Österreichern und Österreicherinnen Interviews geführt.

    Feldner-Busztin Rednerin beim Holocaust-Gedenktag

    Erinnern.at, die Plattform für Erinnerungsarbeit des Bildungsministeriums, hat vor ein paar Jahren aus den Aufzeichnungen mit österreichischen Überlebenden 13 ausgewählt und daraus die DVD-Edition "Das Vermächtnis" gestaltet. Eine, die hier zu Wort kommt, ist Helga Feldner-Busztin – sie ist nun auch Rednerin des diesjährigen Holocaust-Gedenkens am 27. Jänner.

    Feldner-Busztin wurde im Februar 1929 in Wien geboren. Ihre Mutter war zum Judentum konvertiert, sie und ihre Schwester Elisabeth galten daher als "Mischlinge". Bis 1943 lebten die beiden Mädchen mit ihrer Mutter in Wien und mussten auch den "Judenstern" tragen. Dann wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Alle drei überlebten, ebenso wie der Vater, der allerdings von den Nationalsozialisten nach Buchenwald und später nach Auschwitz verbracht worden war. Eine Großmutter und weitere Verwandte wurden ermordet. Nach 1945 holte Feldner-Busztin die Schulbildung nach, studierte Medizin, arbeitete als Internistin. Sie gründete eine Familie, bekam vier Kinder und ist heute selbst Großmutter von mehr als zehn Enkelkindern.

    In einem Interview erzählte sie vor ein paar Jahren, wie es für sie war, als sie 1938 nicht mehr in ihre bisherige Schule gehen durfte. Sie schildert, wie man sie aus der Klasse herausholte, dass der Lehrerin die Hände gebunden waren. Berührend sind vor allem diese Sätze: "Das war ein sehr starker und sehr demütigender Einschnitt." Und: "Man war so wehrlos und hat so überhaupt nicht gewusst als Kind, was einem passiert."

    Es sind Aussagen wie diese, die wohl auch Kinder von heute dazu bewegen, nachzudenken, wie das wohl wäre, wenn ihnen das heute passierte. Vielleicht. Vielleicht erscheinen ihnen die Schilderungen der alten Dame aber auch auf Grund ihres heutigen Alters, auf Grund ihrer Wortwahl und Sprache als unendlich weit weg.

    Wie weit liegt der Nationalsozialismus inzwischen zurück?

    Dieser Gedanke hat mich dazu gebracht, ein bisschen nachzurechnen. Ich kam 1971 zur Welt, der Beginn des Nationalsozialismus in Österreich lag damals 33 Jahre zurück, schien aber schon in meiner Jugend schwer fassbar, obwohl ich eine noch lebende Großmutter hatte, die dem Grauen entkommen war (aber nichts beziehungsweise kaum über diese Zeit erzählte). Noch viel weiter weg, fast schon wie aus der Zeit gefallen, fühlte sich in meiner Jugend allerdings der Erste Weltkrieg an. Dieser begann 57 Jahre vor meiner Geburt.

    Und wie sieht es bei Jugendlichen von heute aus? Nehmen wir den Jahrgang 2000 – diese jungen Frauen und Männer werden heuer 18 Jahre alt. Als sie geboren wurden, lag der Beginn des Nationalsozialismus 62 Jahre zurück – das sind sogar ein paar Jahre mehr als zwischen meiner Geburt und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegen.

    Die Zeit lässt Erinnerungen verblassen: die erzählten, aber auch die gefühlten. Sie wach zu halten, wird nicht einfach. Je weiter ein Schicksal in der Zeit entfernt ist, desto weiter ist es auch emotional entfernt. Ist es überhaupt notwendig, sie wach zu halten? Ja. Nur wer weiß, kann verhindern, dass Ähnliches wieder geschieht. Aber auch: Erinnerung bedeutet Fortbestand. Menschen, derer man sich erinnert, leben in uns weiter. So ergibt Erinnerung dann doppelt Sinn: Im Gedenken an die Opfer von damals sorgen wir in Gegenwart und Zukunft für ein "Niemals wieder". Ein "Niemals wieder" freilich, das sich nie nur auf die ermordeten Jüdinnen und Juden beziehen kann, sondern auf alle Opfergruppen beziehen muss – von Roma und Sinti bis zu psychisch und körperlich beeinträchtigen Menschen. Ein "Niemals wieder", das auch immer potenzielle künftige Opfergruppen einbeziehen muss.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-01-03 19:21:18
    Letzte nderung am 2018-01-03 19:48:39



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