• vom 19.04.2012, 14:00 Uhr

Jüdisch leben

Update: 20.04.2012, 11:42 Uhr
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Jüdisch leben

Von hinten erschossen



Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.

Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.Paul Divjak Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.Paul Divjak

In Israel laufen heute im Fernsehen und Radio vorwiegend Sendungen mit Bezug zur Schoa – auf Unterhaltung wird verzichtet. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gibt es Gedenkveranstaltungen und im ganzen Land heulten vormittags um zehn Uhr für zwei Minuten die Sirenen. Dann halten jedes Jahr auch jene, die im Auto sitzen, ihr Fahrzeug an, Fußgänger bleiben schweigend stehen. Selbst Kindergartenkinder stehen während dieser kollektiven Erinnerungsminute stramm.

In den USA ist es heute in fast allen Gemeinden üblich, Kerzen im Andenken an die Ermordeten zu entzünden, und das Kaddisch zu beten, jenes Gebet, das man für die Verstorbenen spricht. In Europa gibt es an diesem Tag seit genau 25 Jahren den "March of the Living" – den "Marsch der Lebenden". Hier gehen Holocaust-Überlebende gemeinsam mit Juden aus aller Welt schweigend von der heutigen KZ-Gedenkstätte Auschwitz zum Areal des früheren KZ Birkenau.

Es ist vor allem die Jugend, die hier mitmarschiert. Und so fahren jedes Jahr auch Busse aus Österreich nach Polen, um jüdische Jugendliche zum "March of the Living" zu bringen. Beim heurigen Marsch wurden 10.000 Menschen aus 35 Ländern erwartet – zunehmend zeigen hier auch Nichtjuden durch ihre Teilnahme ihre Solidarität im Kampf für das "Niemals wieder". Erfahrungsgemäß werden die drei Kilometer in rund zwei Stunden zurückgelegt. Eine besondere Rolle kommt dabei auch Veteranen aus der US- und der ehemaligen Sowjetunion zu, die an der Befreiung der Konzentrationslager beteiligt waren.

Das "Niemals wieder" heißt heute in Österreich, gegen jede Form von Antisemitismus, aber auch generell Rassismus und Rechtsextremismus aufzutreten. In Israel macht vor allem das derzeitige Regime in Teheran Sorgen. Und so kommen auch die heurigen Politikerreden zum Jom HaSchoa nicht ohne Aussagen zur Gefahr eines iranischen Angriffs, im schlimmsten Fall mit Atomwaffen, aus.

Da berührt eine Lebensgeschichte besonders, die von der Nachrichtenagentur AFP rechtzeitig zum Jom HaSchoa veröffentlicht wurde und nun in den sozialen Netzwerken und Internet-Medien gepostet und weiterveröffentlicht wird: Es ist die Geschichte von Leila Jabarin, die als Helen Brashatsky im KZ Auschwitz geboren wurde und Dank der Hilfe eines Lagerarztes gemeinsam mit ihren Eltern überlebte. Im Alter von sechs Jahren kam sie 1948 nach Palästina. Mit 17 verliebte sie sich in einen jungen Araber, Ahmed Jabarin. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie. Als ihr ältester Sohn 18 wurde trat sie zum Islam über – auf Rat ihrer eigenen Mutter. Der Grund: sie sollte ihren Sohn nicht in die Armee schicken, denn wäre dieser gegangen, hätte ein paar Jahre später auch die Tochter den Heeresdienst leisten müssen.

Dass die Mutter und Großmutter Jüdin war beziehungsweise ist (laut Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, wird man als Jude geboren und bleibt dies ein Leben lang) wussten die acht Kinder und mittlerweile 31 Enkelkinder immer. Unter welchen Umständen sie zur Welt gekommen ist, allerdings nicht. Jeden Jom HaSchoa hat sie weinend verbracht. Nun die wahre Geschichte zu hören, hat die Familie geschockt. Aber, wie Sohn Nader Jabarin (33) erzählt, damit seien auch viele Fragen beantwortet worden. Die Mutter habe am Jom HaSchoa immer die Übertragung der Gedenkfeiern und die Holocaust-Dokumentationen im Fernsehen angesehen und geweint, die Kinder wussten nicht, warum. Sie hätten dann einfach versucht, die Mutter an diesem Tag in Ruhe zu lassen. "Wir verstehen sie jetzt ein bisschen besser", so der Sohn.

Leila Jabarin wird wohl wie so viele andere Überlebende und Nachkommende von Überlebenden auch den heutigen Tag wieder weinend verbringen. Fotos, Fernsehaufnahmen, Artikel über die Grausamkeiten in der NS-Zeit lassen aber wohl kaum jemanden, ob jüdisch oder nichtjüdisch, kalt. Nein, Tage wie der heutige, wo man dem Thema einfach nicht auskommt, sind nicht angenehm und tun weh. Aber sie sind wichtig. Auch wenn mich das von "Jews News" veröffentlichte Foto, das wohl einen der letzten Momente vor der Exekution von zwei Menschen zeigt, einer davon ein kleines Kind, wohl abends wieder am Einschlafen hindern wird.




Schlagwörter

Holocaust, Judentum

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-19 14:00:53
Letzte Änderung am 2012-04-20 11:42:25


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