
Als 2009 mein Roman "Haschems Lasso" erschien, der aus dem Leben jüdischer Frauen in Wien erzählt, habe ich im Anschluss an Lesungen viele, viele Fragen beantwortet. Ja, manchmal beschleicht einen dabei, wie auch im Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude" (Drehbuch: Charles Lewinsky) den Titelhelden Emanuel Goldfarb (grandios dargestellt von Ben Becker), so ein bisschen das Gefühl, wie ein Zootier bestaunt und durchleuchtet zu werden (http://www.imdb.de/title/tt0488295/). Aber am Ende hat immer das positive Gefühl überwogen, dass hier ein Raum geschaffen wurde, in dem Nichtjuden sich trauen, alle Fragen zu stellen, die sie haben, ohne vorher lange abwägen zu müssen, ob die Frage nun vielleicht dumm oder auch politisch nicht korrekt wäre. Ich denke, es sind genau solche Begegnungen, die einen Beitrag leisten, Hemmschwellen abzubauen, und damit à la longue einen normalen Umgang zwischen Juden und Nichtjuden ermöglichen.
Insofern leisten Loewy und sein Team hier mit ihrem neuen Internet-Approach wertvolle Arbeit. Ja, Fragen, wie die eingangs geschilderten mögen zunächst zu einem Schmunzeln oder sogar lauten Lacher verleiten. Aber wenn es die Fragen sind, die Menschen haben, dann sollte man sie beantworten. Wischt man solche Fragen nämlich Kopf schüttelnd vom Tisch, würgt man erst wieder jeden Dialog von Vornherein ab.
Das betrifft auch eine andere Frage, die auf der Hohenemser Seite formuliert wurde und die eine Annahme zum Ausdruck bringt, die immer noch in vielen Köpfen der nichtjüdischen Bevölkerung verankert ist: "Sind Juden wirklich reicher?" Kurz zu den Fakten: nach Auskunft der IKG Wien erhalten um die 35 bis 40 Prozent der Gemeindemitglieder in irgendeiner Form soziale Unterstützung, wie zum Beispiel Stipendien, wenn die Kinder eine der jüdischen Privatschulen besuchen. Vom Reichsein sind diese Menschen sicher sehr weit entfernt. Ja sicher, ein Weg wäre hier zu sagen, dass es sich um ein antisemitisches Stereotyp handelt. Klug, kurz und prägnant fällt im Gegensatz dazu die Antwort Loewys aus, der sich auf Zahlenspiele erst gar nicht einlässt: "Reicher an Erfahrungen (nicht immer positiver) allemal".
Viele der bisher auf der Museumsseite gestellten Fragen befassen sich mit der Schoa. "Warum wurden die Juden verfolgt?" ist dabei ein zentrales Motiv. Neugierig sind die Fragesteller aber auch bezüglich Riten und Traditionen. Da geht es um Koscheres, um die Perücke, auch Scheitel genannt, die von orthodoxen Frauen getragen wird, oder warum es im Judentum so viele Vorschriften gibt – nämlich 613.
Die Frage "Darf/soll ich eine(n) Atheisten (Atheistin) mit jüdischer Mutter "Jude" nennen oder nicht?" spricht ein Thema an, das Nichtjuden oft nur schwer begreifbar zu machen ist: Dass es kein Widerspruch ist, sich zum Judentum zu bekennen, aber dennoch Atheist zu sein. Weil das Judentum eben mehr als eine Religionsgemeinschaft ist, manche definieren sich als Nation, andere als Schicksalsgemeinschaft, jeder hat hier seinen ganz eigenen Zugang.
Eine Frage, die mich sehr berührt hat, lautet: "Warum ist es so schwer, das Wort Jude auszusprechen. Warum hab ich mich das heute nicht getraut?" Loewy formulierte dazu folgende Antwort: "Liebe Martina, das können wir schwer beantworten. Vielleicht standen zu viele Leute um Dich herum? Vielleicht hast Du das Wort schon zu oft in einem Ton ausgesprochen gehört, der Dir nicht gefällt? Für Juden selbst war das Wort nie ein Schimpfwort, aber allzu offenbar für manche anderen."
In diesem Sinn: trauen Sie sich, fragen Sie. Auch gerne hier unter diesem Blogeintrag. Und/oder schauen Sie in den nächsten Monaten immer einmal wieder auf www.wasSieschonimmerueberJudenwissenwollten.at vorbei. Vielleicht wird dort ja auch die eine oder andere Frage beantwortet, die Sie schon immer einmal stellen wollten, sich aber nie getraut haben, laut auszusprechen.
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