• vom 26.03.2012, 13:34 Uhr

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Update: 26.03.2012, 13:47 Uhr
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Lit.Cologne

Eine Hymne an Mesut Özil


Von Gerald Schmickl

  • Hans Ulrich Gumbrecht und Joseph Vogl plädierten zum Abschluss der Lit.Cologne fürs Loben und Rühmen.

Hans Ulrich Gumbrecht und Joseph Vogl: Lob gilt als affirmativ, und das ist ein Verhängnis.

Hans Ulrich Gumbrecht und Joseph Vogl: Lob gilt als affirmativ, und das ist ein Verhängnis.Lit.Cologne Hans Ulrich Gumbrecht und Joseph Vogl: Lob gilt als affirmativ, und das ist ein Verhängnis.Lit.Cologne

Es ist ja nicht so, dass heutzutage nicht mehr gelobt würde. Im Internet findet man genug Beispiele dafür, etwa die Gattung der Betriebshymne, bei welcher auf Unternehmen wie Aldi oder Air Berlin wahre Lobgesänge angestimmt werden. Und ist nicht überhaupt die Werbung die zeitgemäße Form des Rühmens?

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Darauf machte der deutsche Literaturwissenschafter Joseph Vogl gleich zu Beginn des Gesprächs mit seinem deutsch-amerikanischen Kollegen Hans Ulrich Gumbrecht aufmerksam, als die beiden am Samstag, zum Abschluss der zwölften Lit.Cologne, in der charmant betitelten Reihe "Besserwissen" der Frage nachgingen, warum das Loben und das Rühmen aus der Mode gekommen sind. Zumindest akademisch. Denn im Gegensatz zur hehren Tradition der antiken Lob- und Preisrede gelte dieses Genre heute als "peinlich" und "affirmativ".

Und ein affirmatives, also zustimmendes Verhältnis zur Welt wolle sich heute kein Intellektueller (mehr) nachsagen lassen, es ist so ziemlich das schlimmste Verdikt. Viel mehr habe man kritisch zu sein – und zwar so sehr, dass man – wie Gumbrecht meinte – versucht sei, das Wort mit zwei "t" zu schreiben. Historisch sei es dazu gekommen, weil der denkende Mensch im Prozess der Moderne eine exzentrische Position zur Welt eingenommen habe, also eine betrachtende und beurteilende Stellung von außen. Und aus diesem Blickwinkel gibt es immer etwas zu verändern und zu verbessern, weshalb der Kritizismus quasi zur Pflicht und zum ständigen Habitus geworden ist.

Selbst beim Fußball stünde die Kritik im Vordergrund, wie der Sportfanatiker Gumbrecht (der in Stanford lehrende und seit zwölf Jahren amerikanisierte Deutsche hat einen Großteil seiner Ehrendoktorwürden in Städten, die hervorragende Fußballteams besitzen!) bedauernd feststellte. Die deutsche Nationalmannschaft etwa spiele seit Jahren so gut und schön, wie noch kein deutsches Team vor ihr, und trotzdem gäbe es mehr Kritik als Lob an ihr. "Es wäre höchste Zeit für eine Hymne an Mesut Özil", meinte Gumbrecht, der die Technikkünste des deutschen, nunmehr für Real Madrid tätigen Mittelfeldspielers gerne in olympischen Ausmaßen gerühmt sähe.

In Amerika sei das Preisen und Rühmen ja noch viel gängiger und üblicher, meinte Vogl, während die Deutschen "eher Spezialisten für Jahresrückblicke sind". Aber auch in Amerika sei der natürliche, unverstellte Zugang zu Emphase und Pathos nach den ernüchternden Erfahrungen in den Kriegen im Irak und Afghanistan am Rückzug, konstatiert Gumbrecht. Es werde nicht mehr so vollmundig gelobt wie früher, trotzdem blieben die USA bestehende Weltmeister in dieser Disziplin. Und das führe er darauf zurück, dass die US-Amerikaner das wohl religiöseste Volk auf Erden seien. 95 Prozent glaubten an einen Gott. Zugleich ist Religion aber radikal privat. Deshalb werde der Patriotismus als eine Art Zivilreligion offen ausgestellt und zelebriert.

Ein Samthandschuh für Ulysses: So blättert man in der Originalausgabe.

Ein Samthandschuh für Ulysses: So blättert man in der Originalausgabe.WZ Online / Gerald Schmickl Ein Samthandschuh für Ulysses: So blättert man in der Originalausgabe.WZ Online / Gerald Schmickl




Schlagwörter

Lobreden, Lit.Cologne, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-26 13:34:42
Letzte Änderung am 2012-03-26 13:47:16


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