• vom 11.04.2012, 17:55 Uhr

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Update: 11.04.2012, 18:05 Uhr
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Über das Urbedürfnis nach Erzählbarkeit

Benannt und gebannt


Von Gerald Schmickl

Erzählt ökonomisch von "Gut und Böse": Tomás Sedlácek, hier bei einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im März 2012.

Erzählt ökonomisch von "Gut und Böse": Tomás Sedlácek, hier bei einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im März 2012.Wiener Zeitung / Andreas Pessenlehner Erzählt ökonomisch von "Gut und Böse": Tomás Sedlácek, hier bei einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" im März 2012.Wiener Zeitung / Andreas Pessenlehner

Ein deutscher Literaturkritiker meinte, dass an dem von Günter Grass kürzlich verursachten Wirbel immerhin erfreulich sei, dass dieser von einem Gedicht ausgelöst worden sei. Mit anderen Worten: Solange Literatur noch solche Wirkungen erziele, brauche man sich um sie keine Sorgen zu machen.

Information

Literatur:

Tomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse. Aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill. Hanser Verlag, München 2012, 448 Seiten

Siddharta Mukherjee: Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie. Deutsch von Barbara Schaden. Dumont Verlag, Köln 2012, 670 Seiten.

Michael Maar: Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind. Berenberg Verlag, Berlin 2012, 80 Seiten.

So wie in der gesamten Affäre rund um die Veröffentlichung des deutschen Nobelpreisträgers fast alles falsch lief, so ist wohl auch dieser Schluss falsch. Denn bekanntlich war es ja nicht das Gedicht als solches, das die Aufregung auslöste, sondern eine bestimmte Stelle darin, die keineswegs poetisch gemeint war, sondern eine bewusst provokante politische Warnung (an und vor Israel) darstellte. Hier zählte das Wort und seine Botschaft, nicht die Form, in welche es gekleidet war.

Einen gesteigerten Bedarf an Lyrik kann man weder daraus noch aus irgendwelchen anderen Befunden ableiten. Eher im Gegenteil, wie etwa die mäßigen Verkaufszahlen von Gedichtbänden zeigen. Da kann man schon eher einen Bedarf an Narrativem, also an Erzähltem konstatieren. Das zeigt nicht nur die erdrückende Dominanz von Romanen am Buchmarkt, sondern auch die Tendenz, selbst sachliche Themen erzählerisch zu gestalten. Zwei erfolgreiche Bücher aus dieser Frühjahrssaison sind exemplarisch für diesen Trend: Thomás Sedláceks "Die Ökonomie von Gut und Böse" und Siddharthas Mukherjees "Der König aller Krankheiten".

In dem einen schildert der Chefökonom der größten tschechischen Bank das Wirtschaftssystem und unser Verständnis davon in einem großen kulturhistorischen Rahmen, der vom Gilgamesch-Epos über das Alte und Neue Testament, Homer und Hesiod  bis zu Kant, Freud, Jung und den in diesem Zusammenhang üblichen Verdächtigen wie Adam Smith oder John Maynard Keynes reicht. Sedlácek rückt von mathematischen und sonstigen technologischen Systemen ab, die eine Wissenschaftlichkeit der Ökonomie nur suggerieren, und zeigt stattdessen, dass es moralische Kriterien und Glaubensfragen sind, die unsere Vorstellungen vom Wirtschaften und somit dieses selbst lenken. Seine in flüssigem Parlando erzählten Ausführungen sind mittlerweile sogar dramatisiert und sowohl in Prag als auch in London aufgeführt worden.

Bei Siddharta Mukherjee ist es der Krebs, über welchen er in "Der König der Krankheiten" buchstäblich erzählt, denn das Buch (das 2011 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde) ist ausdrücklich als "Biografie" ausgewiesen. Der indisch-stämmige amerikanische Onkologe geht darin weit über die Medizingeschichte hinaus und blickt, wie es in einer Rezension heißt, "auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die diese beeinflussten". In der Besprechung wird "Mukherjees wunderbare Erzählkunst" gelobt, die das Buch zu einem herausragenden Werk macht.

Damit trifft auf beide Bücher und ihre große Resonanz das zu, was der deutsche Autor und Literaturwissenschafter Michael Maar das "Urbedürfnis nach Narrativierung" nennt. Maar, von dem soeben das Buch "Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind" erschienen ist, spricht in einem "Falter"-Interview darüber, wie Angst und Schrecken – und die grassierende Wirtschaftskrise und Krebserkrankungen lösen solche Emotionen naturgemäß aus – mittels Benennung und Erzählung zumindest vorübergehend gebannt werden können: "Was erst einmal benannt (. . .) und zur erzählbaren Geschichte geformt ist, hat schon einmal etwas vom Grauen des Numinosen verloren. Der schlimmste Schrecken ist der namenslose, der unaussprechliche, der alle Worte übersteigt. Darum der Druck, für das Grundgrauen, das in der menschlichen Existenz nie fehlt, Entlastung zu finden in kleinen Geschichten . . ."

Grass’ Auslassungen zeugen eher vom Gegenteil: nämlich wie man mit wenigen Worten erst Angst erzeugt. Nicht nur deshalb taugt er als Erzähler mehr denn als Lyriker, und erst recht als politischer Pamphletist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-11 18:02:02
Letzte Änderung am 2012-04-11 18:05:59


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