
"Eine Frau, die in der Luft gehen konnte, ist immer auch durch die Straßen gelaufen. In der Wiener Innenstadt kannten sie die meisten vom Sehen."
Was Elfriede Jelinek von Elfriede Gerstl behauptet, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Auch ich kannte die 2009 verstorbene Wiener Dichterin vom Sehen. Mehr als zwanzig Jahre lief sie mir – leichtfüßig, mit Hut und verschmitztem Lächeln – fast immer irgendwo in der Innenstadt über den Weg, zumeist im Grätzel zwischen Bäckergasse und Schönlaterngasse, im sogenannten Basiliskenviertel.
Daher fühlt es sich fast wie eine körperliche Wiederbegegnung an, wenn man in genau dieser Gegend zwar leider nicht mehr auf sie selbst, aber zumindest auf ihre Worte trifft, wie am Montag (16. April) in der "Alten Schmiede" der Fall, wo Gerstls Dichter- und Lebensfreund Herbert J. Wimmer in der – vielleicht etwas überpathetisch so benannten – Reihe "Stunde der Literarischen Erleuchtung" eine Auswahl von Gerstls Gedichten las.
Vermutlich hätte die zierliche Dame ihre klammheimliche Freude daran gehabt, dass ausgerechnet Herbert Wimmer, dem Poeten der Alltagsgebrechlichkeit, der in seinem Buch "Nervenlauf" die Tücken der Objekte beschreibt, eine Panne passierte. Das Computerprogramm, mit dessen Hilfe er eine kleine Powerpoint-Präsentation zur bildhaften Unterstützung seines Vortrags zeigen wollte, stürzte ab. Das Bild der kleinen Dichterin, das groß über Wimmer schwebte, ging nicht mehr, wie vorgehabt, weg, Nur ein PC-Neustart vor den Augen des geduldig auf literarische Erleuchtung wartenden Publikums, in all seinem zähen Aufbauverfahren, mit Windows-Fanfare und password-Eingabe, brachte das Verfahren wieder in Gang. Aber nicht lange. Denn auch das Vorhaben, die vorgelesenen Gedichte abzubilden, funktionierte nicht. Nur eines blieb stehen, passenderweise und programmatisch in einem höheren Sinne völlig korrekt, das aus dem Jahr 2006 stammende Poem "altes lied":
"gedichte erbitten beachtung
wie kinder spielen sie
im sprachwald
und werden nur von wenigen
so ernst genommen
wie ihre erwachsenen verwandten
die breitspurigen romane."
Und so waren die von Wimmer klug und beherzt ausgewählten Gedichte in der Folge eben nicht (mehr) zu sehen, sondern nur noch zu hören. Und das kam diesen filigranen, leichten, aber auch – wie "Alte Schmiede"-Programmleiter Kurt Neumann anmerkte – "illusionslosen" Sprachgebilden durchaus zugute, ließ sie eben nur momentweise akustisch verweilen, nicht optisch andauern, was ihrem schwebenden Charakter besser entspricht.
"unter engeln: man schwebt einander vor", heißt eines von Gerstls "denkkrümeln" aus ihrem letzten Lebensjahr (enthalten in dem Band "lebenszeichen. Gedichte, träume, denkkrümel", Droschl Verlag, Graz/Wien 2009, in welchem sich auch ein schönes Nachwort von Elfriede Jelinek findet).
"Schon ein Engel? Oder nur im Status eines Engels, denn vor dem Engelsein wird noch zurückgeschreckt", schreibt Jelinek, sich dabei auf eine Traumnotiz Gerstls ("traum vom luft in der luft sein", 11.02. 2009) beziehend.
Zurückgeschreckt bin jedenfalls ich – weit vom Engelhaften entfernt – instinktiv davor, von dieser lyrischen Wiederkunft Gerstls in der "Alten Schmiede" ein Fotodokument zu erstellen. Weniger aus Angst vor der weiteren Tücke eines technischen Objekts, als viel mehr der letzten Zeilen aus Gerstls Gedicht "neue plagen" (2007) eingedenk:
". . . die fotografiersucht
jeder der ein handy halten kann
darf es ungestraft auf einen richten
mit einsicht ist nicht zu rechnen."
"Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keine Beachtung, denn sie lässt die Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird"...
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"Ich habe all diese hässlichen Wörter einfach hingeschrieben und bin dabei allmählich in Fahrt gekommen. Ein stiller Schreibrausch hat mich erfasst"...
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Es gibt Dinge, auf dieser Welt (und jenseits davon), die werden besonders gern und besonders häufig totgesagt. An erster Stelle ist hier natürlich der...
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