• vom 14.10.2013, 12:31 Uhr

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Update: 14.10.2013, 13:01 Uhr

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Laurel & Hardy der Literatur




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Von Gerald Schmickl

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  • Eine "LitCologne spezial" mit Ian McEwan, Ferdinand von Schirach und Daniel Kehlmann

Köln. Nicht nur im Frühjahr, während der Leipziger Buchmesse, sondern auch im Herbst, während jener in Frankfurt, ist für Literaturfreunde Köln der bessere, weil ergiebigere und angenehmere Ort. Statt in zugigen Messehallen von einem Stand zum anderen, von einer Lesung zum nächsten Empfang zu hetzen, kann man in der Stadt am Rhein Lesungen in abendfüllender Länge in gediegenem Ambiente genießen.

Zur zehntätigen Hauptveranstaltung im März gibt es neuerdings auch im Oktober eine "LitCologne", mit dem Zusatz "spezial", in deren Rahmen an einigen Abenden Autoren mit ihren gerade aktuellen Büchern in großen Sälen – vor rund 600 zahlenden Besuchern – auftreten. Heuer waren es u.a. Daniel Kehlmann, Sven Regener, Frederick Forsyth, Ferdinand von Schirach und Ian McEwan.


Der britische Autor, dessen neuer, insgesamt zwölfter Roman, "Honig" (Diogenes), gerade auf Deutsch erschienen ist, war am Sonntag zu Gast in Köln. Ihm zur Seite stand der Übersetzer und als Moderator vielfach bewährte Bernhard Robben. Diese kompetent, abwechslungsreich und unterhaltsam-spannend geführten Autorengespräche sind eines der großen Assets der LitCologne – und mit ein Grund für ihren europaweit einzigartigen (Publikums-)Erfolg.

McEwan & Robben sind ein eingespieltes Duo, der Engländer nennt sie beide "Laurel & Hardy, auch wenn wir bis heute nicht wissen, wer wer ist..." Es war dann aber weniger kruder Slapstick, den die beiden boten, als mehr ein feinsinnig-kultivierter "Talk" über Täuschung und Liebe, die Hauptingredienzien in McEwans neuem Roman, über die englischen 1970er Jahre, in welchen er spielt, über Spionage und den britischen Geheimdienst, wovon er handelt, und über die Aneignung einer weiblichen Perspektive, aus welcher er erzählt wird.

Aus der Sicht einer Frau zu schreiben, sei für ihn kein Problem, meinte der 65-jährige Brite, da man als männlicher Romanautor beim Schreiben fast zwangsläufig zu einer Frau werde. Warum das? Weil, so McEwan, der Roman mit seinen Möglichkeiten, Beziehungen zwischen Menschen in all ihren feinen Nuancen und Verästelungen zu beobachten, per se eine eher feminine Gattung sei. Bekanntlich halten ja vor allem Leserinnen den belletristischen Buchmarkt am Laufen. "Ohne Frauen", so schloss McEwan, "wäre der Roman tot". Aber nicht nur diese These hielt das Gespräch der beiden Herren munter und lebendig...

Ein anderes bei der LitCologne bewährtes Duo mit kabarettistischen Zügen bilden der Autor und Anwalt Ferdinand von Schirach und der TV-Politjournalist Frank Plasberg. Die beiden triezen und provozieren einander gerne, führen sich oft gegenseitig vor. So auch bei ihrem diesmaligen gemeinsamen Auftritt, wenn auch ein wenig schaumgebremster als sonst. Das mag damit zu tun gehabt haben, dass es in dem Gespräch rund um Schirachs neuen Roman, "Tabu" (Piper), auch um die heftigen Verrisse im Großfeuilleton ging, die das Buch eingefangen hat. Schirach, der nach seinen zwei Erzählbänden ("Verbrechen", "Schuld") gefeierte Autor, gab in selten gewordener Offenheit zu, wie sehr ihn diese Angriffe persönlich getroffen haben, verzichtete aber auf böse Repliken. Stattdessen warb er mit präzisen Auskünften über seine schreiberischen Motive und Darstellungsmöglichkeiten um die Sympathie jedes einzelnen Lesers. Und die erhält er, wenn man die Verkaufslisten des Buchhandels betrachtet. Gut so.

Bernhard Robben war zum Abschluss der "LitCologne spezial" auch der Gesprächspartner von Daniel Kehlmann, der – ungewohnt theatralisch – aus seinem neuen Roman, "F" (Rowohlt), las. Im Dialog mit dem Autor entwickelte der Moderator – einmal seiner üblichen Funktion als Übersetzer in Gesprächen enthoben – einen Interpretationsfuror, der dem an sich schon vielschichtigen, anspielungsreichen, aber seltsam inhaltsleeren Buch über drei Brüder etwas zu viel gestalterisches Wollen unterstellte, wie selbst Kehlmann eingestehen musste. Aber der stets wendige, schlagfertige und geisteswache Autor nimmt natürlich jeden Ball dankbar auf (so wie die Spieler des FC Bayern die Kurz- oder Steilpässe eines anderen Robben), um damit gekonnt zu jonglieren.

Kunst und Fälschung, Hypnose und Wachheit, Spiegelfechtereien und Rubikwürfel, Kant und Thornton Wilder: alles Themen, über die Kehlmann bildungsbeflissen zu parlieren weiß. Das juvenil Vorzugschülerhafte seiner Antworten wie seines gesamten Auftretens wird der mittlerweile schon 38-Jährige aber nicht mehr los. Es ist vielleicht das Wahrhaftigste, Unverfälschteste an dem so gerne mit Trugbildern aller Art hantierenden und zaubernden Bestsellerautor.




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Dokument erstellt am 2013-10-14 12:32:44
Letzte ─nderung am 2013-10-14 13:01:12



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