• vom 29.11.2014, 11:00 Uhr

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Literatur

Hellwache Oden auf den Alltag




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Von Andreas Wirthensohn

  • Über neue Lyrik-Bände von Marcel Beyer, Dirk von Petersdorff und Jan Wagner.

2014sirenenpop

2014sirenenpop© C.H. Beck 2014sirenenpop© C.H. Beck

Es gibt diese Sätze, die bleiben, auch wenn man bei näherer Betrachtung mitunter ins Grübeln kommt, ob ihr Gehalt nicht doch ein wenig skurril anmutet. "Malerei muss sein wie Rockmusik", hat der Künstler Gottfried Helnwein einst apodiktisch verkündet. Das klingt natürlich irgendwie cool, bringt einen aber bei der Betrachtung von Kunst nicht wirklich weiter. Gern und häufig zitiert wird auch Franz Kafka: "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns."

Abgesehen davon, dass hier erhöhte Metapherntoleranz gefordert ist (mit bedrucktem Papier auf Eisflächen einzuschlagen ist nicht jedermanns Sache), fragt man sich, was man als Leser macht, wenn man das Gefühl hat, gar kein gefrorenes Meer in sich zu haben, sondern eine Art innerer Karibik. Aber das würde zu weit führen.


Marcel Beyer verdanken wir jetzt einen ähnlich markanten Satz über die Lyrik: "Gedichte / müssen wie ein Schuß ins // Auge sein." Das lädt naturgemäß sogleich zu Spekulationen ein, ob dieser Schuss nicht auch nach hinten losgehen kann. Nimmt man sich Beyers "Graphit" (Suhrkamp, Berlin 2014) vor, so scheint diese Sorge nicht ganz unberechtigt. Offen gesagt habe ich schon lange keinen Gedichtband mehr gelesen, bei dem ich so ratlos vor den Versen stand. "An die Vermummten" etwa ist eine spielerische Hommage an Georg Trakls Gedicht "An die Verstummten" und handelt von der Tötung Osama bin Ladens 2011 im pakistanischen Abbottabad ("dieser alte, auf hoher See bestattete Zottelbart"). Sie wurde über Helmkameras der beteiligten Soldaten direkt ins Weiße Haus übertragen.

In Erinnerung geblieben ist vor allem das Foto, das US-Präsident Obama und seine Außenministerin Clinton im Situation Room zeigt, wie sie völlig gebannt die Operation verfolgen: "Großes Bunkergefühl heute. Samt Magengrollen." So hangelt man sich von Verständnisfetzen zu Verständnisfetzen, und rätselt, warum Beyer seinen "magischen Bruder" Trakl "Slim Shady vom Waagplatz" nennt, denn natürlich war der Salzburger Dichter ein schmales Männlein, aber was hat das mit dem Rapper Eminem zu tun, der sein Alter Ego so nennt? Bis man merkt, dass man diese Gedichte anders lesen muss: "Geheimer / Schrift nachgehen: man sieht / sich selber an."

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Dokument erstellt am 2014-11-27 15:59:03
Letzte ─nderung am 2014-11-27 16:12:25



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