• vom 15.03.2015, 11:00 Uhr

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Das reizvolle Gegenteil von Raunen




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Von Walter Klier

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Die raunenden Beschwörer des Imperfekts: So hat Thomas Mann die Erzähler genannt - ein äußerst beliebtes Zitat (immerhin 8920 Google-Einträge!), schon weil es so schön ins Poetische, ins Uneindeutige, auch ein wenig Schwafelige hinüberdriftet. Da lässt sich dann lange und trefflich, man ist versucht zu sagen nachhaltig darüber philosophieren, nicht weniger als über jenes andere Thomas-Mann-Zitat: "Autobiographie ist’s immer". Das konnte ich auf Google dann nicht finden, vermutlich weil es sich eigentlich um das Goethe-Zitat "Lebensgeschichte ist’s immer" handelt, das bei Thomas Mann dann als "Autobiographie ist alles" wiederkehrt.

Was ist das Gegenteil von Raunen? Das jedenfalls tut der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard. Ob er gelegentlich etwas dazuerfindet, wollen wir dahingestellt sein lassen - jedenfalls hat dieser Herr, der um 1900 das durchsetzen half, was man heute die klassische Moderne nennt, in seinen Erinnerungen ein so lebendiges, amüsantes und oft auch persönlich anrührendes Bild jener Epoche hinterlassen, dass man als Leser geneigt ist, einfach alles für bare Münze zu nehmen (Ambroise Vollard: Gespräche mit Cézanne, Renoir, Degas. versch. Übersetzer, Parthas Verlag, Berlin 2014, 319 S.Vollard: Erinnerungen eines Kunsthändlers., Übersetzt von Margareta Freifrau von Reischach-Scheffel, Parthas Verlag, Berlin 2014, 294 S.). Nehmen wir nur die kleine Episode, als Manet und Renoir bei Monet zu Besuch auf dem Lande in Argenteuil waren, erzählt von Renoir:


"Ich kam gerade in dem Augenblick zu Claude Monet, als Manet sich anschickte, denselben Gegenstand zu malen. Sie können sich vorstellen, dass ich mir eine solche Gelegenheit, wo Modelle bereitstanden, nicht entgehen ließ! Als ich fortgegangen war, wandte sich Manet an Claude Monet: Als Freund Renoirs sollten Sie ihm raten, auf die Malerei zu verzichten! Sie sehen doch selbst, wie wenig das seine Sache ist!"

Die Schriftstellerin Gabriele Weingartner erkundet in ihrem neuesten Roman die Vergangenheit der eigenen Genera- tion (Gabriele Weingartner: Die Hunde im Souterrain. Roman. Limbus Verlag, Innsbruck 2014, 311 S.). Eine Frau, die sich Felice nennt, geht auf die Suche nach ihren frühen Jahren. Da hatte sie, als Studentin noch, ihren jungen Professor geheiratet, einen brillanten Kopf, als solcher im universitären Milieu des Sechziger-Jahre-Berlin anerkannt und mit dem ausgestattet, was man eine Zukunft nennt. Ulrich, der Vielversprechende, wird an eine renommierte Uni an der amerikanischen Ostküste eingeladen, und das junge Paar reist für ein Jahr dorthin. Dort aber zerbricht die Ehe, und kurz darauf, schon wieder zurück in Berlin, bringt Ulrich sich um.

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Dokument erstellt am 2015-03-13 12:05:09



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