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Update: 12.07.2015, 14:43 Uhr

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Von Hermann Schlösser




    Der Autor Wolfgang Pullmann nennt seinen neuesten Prosatext "Anschauungen einer Herzklinik" (Bibliothek der Provinz, 2015). Darin berichtet er von einer schweren Erkrankung, in deren Verlauf ihm zu Bewusstsein kommt, dass jene "Sorge um sich selbst", von der die antiken Philosophen schon sprachen, im Krankheitsfall ein bedeutsamer Beitrag zur körperlich-seelischen Heilung ist. Im Untertitel wird der Text als "Novelle" bezeichnet, aber er ist eher ein philosophisch-nachdenklicher Krankenbericht.

    Damit schließt der schmale Band an die vorhergehende Veröffentlichung desselben Autors an: "Was darf ich hoffen? Einsichten eines praktischen Philosophen", 2014 in der edition innsalz erschienen. In kurzen philosophischen Essays befasst sich der Autor hier mit ernsthaften Fragen. Er untersucht die Bedeutung der Arbeit in unserer Gesellschaft, kritisiert die Seichtigkeit des Fitnesswahns und dergleichen mehr. Aber immer denkt dieser "praktische Philosoph" im großen Resonanzraum der abendländischen Philosophie.



    Philosophisch sind auch die "Einsichten", die Christoph Strolz und Jürgen Thaler 2014 in der Schriftenreihe der Vorarlberger Landesbibliothek Bregenz herausgegeben haben. In diesem Band sind zwölf umfangreiche Aufsätze von Walter Strolz versammelt. Strolz, geboren 1927, war Cheflektor des Herder Verlags und hat sich als Germanist und Philosoph mit der christlichen Tradition, in der er steht, ebenso beschäftigt wie mit literarischen Fragen. Seine Abhandlungen zeugen von großer Gelehrsamkeit und sind in jener sonoren Tonlage gehalten, die in der neueren Kulturwissenschaft eher verpönt ist. So heißt es über Goethes Sprachverständnis: "Und Sprachkunde ist diese vielfältige Spracherfahrung, weil sie das Menschliche und das Kosmische integrierend umfasst und im Abglanz der unerforschlichen Ursprungseinheit alles Geschaffenen leuchten lässt." Wer für diesen hohen Ton empfänglich ist, wird diese fundierten Abhandlungen mit Gewinn lesen.

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    Eine gewisse Gebildetheit ist auch bei dem Buch "Nausikaa oder Die gefrorenen Wellen" von Nutzen, das Rüdiger Görner heuer im Wiener Sonderzahl-Verlag veröffentlicht hat. Görner erzählt die Geschichte einer englischen Frau und eines aus Deutschland emigrierten Juden, die in den dreißiger Jahren in eine verhängnisvolle Beziehung zueinander treten. Hauptschauplatz der Handlung ist London, und Görner beschwört das Kolorit der englischen Thirties in einer Fülle anschaulicher Details. Der Autor, Literaturwissenschafter in London, reichert seinen Roman aber auch mit mythologischen und literarischen Anspielungen und Zitaten an. Schon auf der ersten Seite taucht eine rätselhafte Figur namens Chrysothemis auf, die damit beschäftigt ist, ihre "verstorbenen Träume zu begraben" (Stichwort: Elektra-Mythos). Irgendwann später ist von einem Leuchtturm die Rede, über den eine gewisse Engländerin einen Roman geschrieben habe (gemeint: Virginia Woolf). Görners vielstimmig komponierter Text ist also eine animierende Lektüre, die einiges voraussetzt.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2015-07-10 16:29:06
    Letzte nderung am 2015-07-12 14:43:24



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