• vom 10.03.2017, 16:15 Uhr

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Update: 12.03.2017, 14:17 Uhr

lit.Cologne 017

Der abenteuerliche Blick




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Von Gerald Schmickl aus Köln

  • Christoph Ransmayr und Marcel Reif über literarische und sportmediale Perspektiven.

"Dörfler", "Tourist" und ein Meister des Understatements: Christoph Ransmayr - © Creative commons/W H. Wögerer

"Dörfler", "Tourist" und ein Meister des Understatements: Christoph Ransmayr © Creative commons/W H. Wögerer

Gewitzter Rhapsode des Fußballs: Marcel Reif (l.) mit Reinhold Beckmann bei der lit.Cologne.

Gewitzter Rhapsode des Fußballs: Marcel Reif (l.) mit Reinhold Beckmann bei der lit.Cologne.© Schmickl Gewitzter Rhapsode des Fußballs: Marcel Reif (l.) mit Reinhold Beckmann bei der lit.Cologne.© Schmickl

Während in Wien gerade der Circe du Soleil, direkt vor den Türen unserer Redaktion in Neu-Marx, seine Zelte aufgeschlagen hat, gastiert in Köln einmal mehr, zum bereits 17. Mal, der Literaturzirkus. Bei der lit.Cologne spannt sich das Zeltdach freilich über die ganze Stadt – und es werden überall, in den verschiedensten Foren, literarische Salti geschlagen: in Form von Lesungen, Diskussionen, Themenabenden, Aufführungen.
Vom Thema Zirkus ist es zum Fußball nicht weit, dem derzeit wohl weltweit attraktivsten Manegenrund bzw. -viereck. Was sich dort abspielt, hat Marcel Reif viele Jahre lang als Reporter, u.a. für RTL und zuletzt Sky, beobachtet und auf so feinsinnige wie scharfzüngige Weise kommentiert. Nun – als nur noch gelegentlicher Fachexperte in diversen TV-Stammtischrunden – befindet er sich in der "Nachspielzeit", wie auch sein soeben erschienenes Buch heißt, das er am Donnerstag bei der lit.Cologne in einem Gespräch mit Reinhold Beckmann (einem der anderen ehemaligen TV-Fußball-Erneuerer) präsentierte.
Der Band – kurze Kapitel, große Schrift (also sehr leserfreundlich) – ist, so wie der Abend, eine launige Mischung aus Anekdoten, Erinnerungen, flapsigen Urteilen und kritischer (Selbst-)Reflexion. Reif – das zeigt sich auch in diesem Format – ist ein versierter Erzähler, ein Rhapsode des Fußballs, mit feinem Gespür für dramatische bis auratische Momente: So etwa bei der Schilderung, als Nelson Mandela in einem kleinen Golfwägelchen vor dem WM-Finale in Südafrika 2010 ins Stadion gefahren wird – und Reifs damaliger Sender es verabsäumt, live zuzuschalten, weil stattdessen sogenannte Experten über Dreier- oder Viererketten im Studio diskutieren müssen, was den damaligen Kommentator vor Ort bis heute maßlos ärgert.
Beim Endspiel 1994 in Pasadena (Brasilien – Italien) gab es ein ganz anderes Problem für den in der kalifornischen Hitze sitzenden und schwitzenden Kommentator, der davor so viel getrunken hatte, dass sich mitten während des Spiels ein natürliches Problem ergab: "Was hineinging, musste auch wieder heraus". Es war aber unmöglich, von dem Platz wegzugehen, also entschied sich Marcel Reif in dieser wahrlichen Drucksituation, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen. Allerdings versicherte er sich davor noch mit einem Blick, wer in der Reihe vor ihm saß. Und als er dort Edson Arantes do Nascimento entdeckte, war ihm schlagartig klar, dass sein Martyrium kein natürliches Ende finden würde: "Ich konnte doch nicht Pelé anpinkeln!"
Für die heutige, also ihm nachfolgende Generation der Fußball-Kommentatoren sieht Reif zwei große Probleme. Einerseits das Fachchinesisch, das sich – vor allem von überambitionierten Trainern und ihren Systemphilosophien ausgehend – epidemisch verbreitet habe. Jeder wolle nun klingen wie Pep Guardiola (den er übrigens für einen "guten Trainer, aber schlechten Lehrer" hält, überdies für keinen Menschenfreund und – das rutscht ihm später wohl eher kalkuliert als versehentlich heraus – für ein "zynisches Arschloch").
Die andere Gefahr geht für Reif von den Hassorgien aus, denen man als Journalist vonseiten rabiater Fangruppen zunehmend ausgesetzt ist, vor allem im Netz. Das geht für den mit seinen nuancierten Werturteilen stets polarisierenden Fußball-Feuilletonisten längst zu weit: "Ich bin viel gewohnt, aber als ich lesen musste: ,Deine Familie soll brennen", war der Limes überschritten." Reif ließ den Hass-Poster ausforschen, der schließlich zu einer Strafe von 2.500 Euro "verdonnert" wurde.
Das Problem ist damit freilich nicht gelöst – und liegt für Reif in erster Linie in der Entfremdung zwischen Spielern, Vereinen und den Fans begründet. "Und das bekommen – wie in der griechischen Tragödie – wir als Überbringer ab."
Junge Kollegen, so Reifs Einschätzung, trauten sich mittlerweile kaum noch, Spiele live echt zu kommentieren, also zu bewerten und ihre Meinung zu äußern, sie beschreiben stattdessen nur noch: "Dafür brauche ich aber keine Kommentatoren, das sehe ich sowieso."
Ein Lob sprang für den seit vielen Jahren in der Schweiz lebenden (und respektabel Schwyzerdütsch sprechenden) Marcel Reif aber immerhin doch noch aus dem Netz: "Unter all den Arschgeigen bist du die Stradivari."

Für Christoph Ransmayr, den meisterlichen Erzähler aus (Ober-)Österreich, wäre solch ein Vergleich in jeder Hinsicht unpassend. Nicht nur, weil der eher zurückhaltende Autor kaum solch polemischen Urteilen ausgesetzt ist (nicht einmal vonseiten der auch nicht immer glimpflich verfahrenden Literaturkritik). Er ist in seinem Selbstverständnis auch kein Primgeiger. Sein bisweilen hoher Ton verdankt sich anderer Lauterzeugung, geht aus feineren Schwingungen hervor. Um die Instrumentierung seiner literarischen Phantasien, die Stimmsetzung beim Erzählen ging es im "Literarischen Salon", einer ehrenwerten, schon elf Jahre währenden – mit der lit.Cologne nur gelegentlich kooperierenden – Veranstaltungsreihe, bei welcher die beiden Kölner Autoren Guy Helminger und Navid Kermani von ihnen geschätzte Autoren einladen und befragen.
Ransmayr, diesmal an der Reihe, erweist sich dabei einerseits als Meister des Understatements (etwa wenn sich der habituell Vielreisende als "ewigen Dörfler" und "Touristen" bezeichnet, was er freilich sympathisch und nachvollziehbar zu begründen weiß), andererseits als überraschend pfiffig und gewitzt (wenn er die mitunter gewundenen Interpretationen seines Werks durch die beiden deutschen Salongastgeber öfters ironisch konzise unterläuft).
Ernst ist dem Hobbyastronomen (der sechs Teleskope besitzt, wie er verrät) freilich seine literarische Perspektive, mittels derer er historische Zeiten, Epochen, Ereignisse und geografische Schauplätze mit einem abenteuerlichen Blick betrachtet – und somit verwandelt. Welchen Reiz diese sprachlich akkurat gefertigten Komposita aus faktischen Gegebenheiten und fiktionalen Zuschreibungen verströmen, weiß jeder Ransmayr-Leser aus eigener Erfahrung.
Dabei muss dieser abenteuerliche Blick, der im wörtlichen Sinne verdichtet (indem er weglässt und hinzugibt), nicht zwangsläufig in zeitliche oder örtliche Entfernung gerichtet sein (wie etwa in "Die letzte Welt", den Roman über Ovids Verbannung am Schwarzen Meer, oder im jüngsten Werk, "Cox oder Der Lauf der Zeit", das im China des 18. Jahrhunderts spielt). Er kann auch der unmittelbaren Gegenwart und Nähe gelten (wie in einigen Geschichten in dem Buch "Atlas eines ängstlichen Mannes").
Ransmayr erzählt von einer Begegnung, die er vor wenigen Tagen in der Wiener U-Bahn hatte. Da sah ihn ein etwa vierjähriger Bub groß an, worauf ihn der Autor – was er angeblich immer tut, wenn er von Kindern direkt angesehen wird – angesprochen hat. Nach einer eher beiläufigen Unterhaltung sah der Knabe eine Zeitlang ruhig auf die Scheibe des Waggons und das dahinter vorbeiziehende Dunkel. Dann sagte er: "Es gibt schon sehr viel Untergrund."
Für Ransmayr ein höchst bemerkenswerter Satz – und wer weiß, in welcher Verwandlung wir ihn eines Tages bei ihm, dem bekanntermaßen leidenschaftlichen Sätze-Sammler und –Verwerter – noch wiederfinden werden. Eine Wiederbegegnung ganz anderer Art erfuhr der Schriftsteller, als er rund zwanzig Jahre nach seinem ersten Roman, "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" (1984 bei Brandstätter erschienen), der Geschichte der Polarexpedition von 1872 bis 1874, selbst erstmals ins Franz-Joseph-Land fuhr. Als er dort ankam, hatte er das Gefühl, dass er durch seine eigene Phantasie spaziere: "Es war mir, als hätte ich das alles erfunden – so genau hatte ich es beschrieben, das Licht, das Eis, die Atmosphäre."
Es zahlt sich also aus, bei geistigen Ausflügen große Sorgfalt walten zu lassen. Man erschafft damit buchstäblich eine Welt. Nicht unbedingt die letzte . . .





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 15:45:53
Letzte ─nderung am 2017-03-12 14:17:15



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