• vom 11.03.2017, 18:00 Uhr

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Update: 11.03.2017, 18:03 Uhr

lit.Cologne 017

Leben im Akkord




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Von Gerald Schmickl

  • Der ehemalige Dr. Feelgood-Gitarrist Wilko Johnson erzählt von der Überwindung seiner Krebserkrankung.

Manche denken bei dem Namen an Udo Lindenberg, der auf seinem jüngsten Album den Abschlusssong so genannt hat: "Dr. Feelgood". Dabei nahm der deutsche Rock-Altvordere aber nur indirekt Bezug auf eine Gruppe, an die sich Ältere in anderen Zusammenhängen erinnern: Dr. Feelgood war in den 70er Jahren eine Größe in der britischen Musikszene – eine Art "missing link" zwischen Blues- und Punk-Rock, auch gerne dem promillehältigen Haudrauf- Genre des Pub-Rock zugerechnet. Für den stampfenden Geradeaus-Rhythmus des Quartetts war – neben Sänger Lee Brilleaux – vor allem der Mann an der Gitarre verantwortlich: Wilko Johnson (eigentlich laut Geburtsschein John Peter Wilkinson).

Das Überlebensbuch des Wilko Johnson: Mit großem Herz geschrieben - und großen Händen . . .

Das Überlebensbuch des Wilko Johnson: Mit großem Herz geschrieben - und großen Händen . . .© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen Das Überlebensbuch des Wilko Johnson: Mit großem Herz geschrieben - und großen Händen . . .© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Obwohl er die Band nach vier Alben 1977 bereits wieder verließ (und danach u.a. noch bei Ian Durys Blockheads spielte), ist Johnson bis heute eine Legende geblieben, was aber nur bedingt mit seinem (so simplen wie effektvollen) Gitarrenspiel zu tun hat. Dessentwegen ist er heuer auch nicht zur lit.Cologne eingeladen worden, die sich bei all ihren programmatischen Grenzüberschreitungen ja doch im Wesentlichen auf Literatur, oder sagen wir: auf Bücher konzentriert. Wilko Johnson hat eines geschrieben, ein Buch – eine Autobiografie: "Das Leben geht weiter" (Heyne, Original: "Don‘t you leave me here").
Es ist die Geschichte (s)eines Überlebens. Aber nicht im Sinne, dass ein Rock’n’Roller halt die üblichen Gefährdungen seines Metiers überlebt. Ja, das auch. Aber Wilko Johnson hatte Krebs. Und zwar einen vermeintlich unbezwingbaren. 2012 wurde bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert – unheilbar, inoperabel, maximale Überlebensdauer: 10 Monate.
Johnson, so schildert er es in dem Buch und auch – in einem abgehackten, mitunter stotternden, unverfälschten Cockney – bei der ausverkauften Lesung in Köln (auf Deutsch durch den Sänger und Lokalmatador Gerd Köster), Johnson also versetzt die Diagnose in einen unglaublichen Zustand der Ruhe. Er hadert nicht mit seinem Schicksal, er nimmt es einfach an – und macht etwas daraus: nämlich eine große Farewell-Abschiedstournee, bei der er an vielen Orten noch einmal auftritt. Und zwar in einer Weise, die dem Geist des Rock’n’Roll, und vor allem: des Punk, in urtypischer Weise entspricht: No Future! Er hatte keine mehr, daher: völliges Aufgehen im Hier & Jetzt, Hingabe an den Augenblick, ein buchstäbliches Leben im Akkord.
Nach einem Jahr lebt er aber immer noch. Ein befreundeter Fotograf und Arzt schickt ihn daraufhin zu einem anderen Krebsspezialisten – und der sieht keineswegs ein unveränderliches, tödliches Schicksal auf den Erkrankten warten, und rät zur Operation. Diese dauert elf Stunden – dabei wird ein drei Kilogramm schwerer Tumor aus Wilkos Bauch entfernt. Danach ist er krebsfrei. Geheilt.
Als ihn Anwälte später mit der Möglichkeit konfrontieren, den erstbehandelnden Arzt aufgrund von dessen Fehldiagnose zu klagen, ist der Gerettete ob des Ansinnens empört. "Diese Fehldiagnose hat mir das schönste und intensivste Jahr meines Lebens beschert – ich habe alles in einer Dichte und Präsenz erlebt, wie nie zuvor! Ich bin dankbar dafür", sagt er in Köln mit leuchtenden Augen und flatternden, immens großen Händen. Und er steckt mit diesem rührenden Lebensoptimismus den ganzen Saal an, ja das ganze (Rhein-)Schiff, auf dem die Veranstaltung stattfindet. Selten so einen wahrhaftigen Feelgood-Abend erlebt – weder auf Wasser noch auf Land.
Wer dem Tod auf solche Weise entronnen ist, der darf dem Gevatter auf andere, auf spielerische Weise entgegen treten: Daher spielt Wilko Johnson in der Erfolgs-TV-Serie "Game Of Thrones" folgerichtig einen – Henker!
Er musste, um diese Rolle zu bekommen, schildert Wilko mit entsprechendem Gesichtsausdruck, nur böse schauen. Und das kann dieser gutmütige, heuer 70 Jahre altwerdende Mann auf unnachahmlich grimmige Weise.
Hoffen wir, dass er noch lange so schaut.





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Dokument erstellt am 2017-03-11 17:42:48
Letzte ─nderung am 2017-03-11 18:03:08



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