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Update: 12.03.2017, 18:08 Uhr

lit.Cologne 017

Märchen und Passionsgeschichte




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Von Gerald Schmickl

  • Das Buch der Saison: Hanya Yanagihara stellt ihren Roman "Ein wenig leben" als beredte Selbstinterpretin vor.

Knapp tausend Seiten, die Leser - und Kritiker - teils in Euphorie versetzen, teils in den Wahnsinn treiben. . . 

Knapp tausend Seiten, die Leser - und Kritiker - teils in Euphorie versetzen, teils in den Wahnsinn treiben. . . © Hanser Verlage Knapp tausend Seiten, die Leser - und Kritiker - teils in Euphorie versetzen, teils in den Wahnsinn treiben. . . © Hanser Verlage

Dieses Buch mit seinen knapp tausend Seiten ist heuer – marketingtechnisch vom Verlag (Hanser Berlin) genau und kalkuliert platziert – wie ein Meteorit in der deutschsprachigen Literaturlandschaft eingeschlagen, und hat dort (wie schon zuvor in den USA und anderen Ländern) einen buchstäblich tiefen Eindruck hinterlassen. Was war über Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig leben" in den letzten Wochen und Monaten nicht alles zu lesen! Die Urteile reichen von "absolutem Meisterwerk" bis zu "stümperhaftem Kitsch", von "Dieses Buch wird ihr Leben verändern" bis zu "emotionaler Pornographie".
Leserinnen, diese vor allem, gestehen ihr Suchtverhalten und ihre Abhängigkeit bei der Lektüre, sind davon tief ergriffen, stehen mitten in der Nacht auf, um weiterzulesen (siehe Artikel in der "Wiener Zeitung"); männliche Leser wiederum, auch nicht untypisch, schämen sich ihrer Tränen (immerhin geben sie diese zu, wie etwa der Literaturkritiker Volker Weidermann im "Literarischen Quartett", das sich bei der Beurteilung dieses Buches auch keineswegs einig wurde).
Was sagt nun die Autorin selbst dazu? Hanya Yanagihara, 1974 in Hawaii geboren (als Tochter einer Koreanerin), in New York lebend (als stellvertretende Herausgeberin des Style-Magazins "T" der "New York Times"), kam also am Samstag zur Präsentation und Lesung bei der lit.Cologne nach Köln. Überwältigt von der Besuchermenge (die rund der Seitenanzahl ihres Buches entsprach), meinte sie gleich zu Beginn: "Wenn in den USA so viele Menschen Bücher lesen würde wie hier, hätten wir derzeit weniger Probleme…"

"Hätte ich mein Buch über Frauen geschrieben, wäre es 600 Seiten kürzer geworden": Hanya Yanagihara in Köln (mit Moderator Denis Scheck)

"Hätte ich mein Buch über Frauen geschrieben, wäre es 600 Seiten kürzer geworden": Hanya Yanagihara in Köln (mit Moderator Denis Scheck)© Schmickl "Hätte ich mein Buch über Frauen geschrieben, wäre es 600 Seiten kürzer geworden": Hanya Yanagihara in Köln (mit Moderator Denis Scheck)© Schmickl

In der Folge, klug gefragt und geführt von Moderator Denis Scheck, gibt sie beredt Auskunft über die Genese und Struktur ihres zweiten Romans, der die Geschichte der lebenslangen Freundschaft von vier jungen Männern erzählt, die sich aus dem College kennen, wobei einer von ihnen – Jude St. Francis – im Mittelpunkt einer zunehmend (selbst-)destruktiver und dunkler werdenden Passionsgeschichte steht. Yanagihara hält ihr Buch für "highly artificial" – und nimmt damit jener Kritik, die den fehlenden Realitätsgehalt beklagt, ein wenig Wind aus den Segeln. Es sei ein modernes Märchen – und daher auch in Form und Struktur einem solchen nachempfunden. Es sei in keiner nachvollziehbaren (Zeit-)Geschichte verortet, und es gäbe darin keine Politik, keine kulturellen Ereignisse – und keine Frauen. Wie in vielen Märchen.
Dass sie ausschließlich von Männern erzählt, habe aber auch damit zu tun, dass sie selbst im Alter von 17 bis 23 auf einem College gewesen sei, das nur Frauen aufgenommen habe, erzählt Yanagihara. Da sei das Interesse an jener Sorte von Menschen, die ihr konsequent vorenthalten blieben, besonders gewachsen, also an jungen Männern. Wobei die Autorin speziell deren eingeschränktes Ausdrucksvermögen für ein liebevolles Verhalten interessiert. "Das geht vielen von ihnen ab der Adoleszenz verloren – sie drücken Zuneigung dann lieber über Knuffe oder kleine Hiebe aus."
Ihre Geschichte zeige aber nicht nur diverse Ausformungen dieses Verhaltens ("Wenn ich über Frauen geschrieben hätte, wäre das Buch 600 Seiten kürzer geworden!"), sondern dokumentiere auch eine andere Form von Erwachsenwerden, als man es in der zeitgenössischen Literatur sonst kenne. Es ist keine Chronik realer Menschen, sondern realer Lebensverhältnisse – zumindest in New York. Also sei niemand von den Protagonisten verheiratet oder habe Kinder. Jude ist ein Waise – auch das ein typisches Märchenschicksal, mit vielen brutalen Prüfungen und keinem befriedigenden Ende.
Die Gewalt und der Schmerz, die in dem Roman breiten Raum einnehmen, sind für die Autorin – die mit ihrer stämmigen Figur und dem breiten asiatischen Gesicht selbst wie eine Suomi-Ringerin aussieht, eine "Yokozuna" im Kreisrund gegenwärtiger Literaturkämpfe – unverzichtbare Bestandteile der Erzählung (wie der Realität). Nur noch in der Literatur, so argumentiert Yanagihara, sei man Gewalt ungeschützt ausgesetzt, könne davor nicht die Augen verschließen (wie im Fernsehen oder Internet) – und müsse sich daher zwangsläufig und grundlegend mit ihr auseinandersetzen. Wobei, so Yanagiharas Wunsch und Kalkül, die Leser durch den Sog und die Klaustrophobie, die manche Passagen des Buches ausmachten, aus der Rolle des Voyeurs in jene des Anteilnehmenden und Mitfühlenden überwechseln sollten. Also eine Verwandlung durchmachen, eine Art von Katharsis.
All das klingt zugegeben verführerisch, schlüssig, plausibel. Um mich als Leser, der dicke Bücher grundsätzlich für eine Zumutung hält (egal, ob sie – wie jüngst – von Auster, Safran Foer oder eben Yanagihara stammen), muss geworben werden. Das kann die US-Autorin – allerdings nur als Interpretin ihres Werks. Die Passagen, die aus "Ein wenig leben" von Corinna Harfouch auf Deutsch vorgelesen wurden, konnten mich keinesfalls locken – zu konventionell sind sie erzählt, mitunter langatmig, umständlich, ungelenk. Das deutete eher auf das so harte wie harsche Urteil hin, das Sigrid Löffler in den "Salzburger Nachrichten" über diesen Roman äußerte: "Der Roman ist eine Beleidigung für Intelligenz und Stilgefühl – schlecht erzählt, voll schiefer Metaphern, falscher Bilder und stümperhafter Dialoge."
Auch eine gewalttätige Aussage auf ihre Art, aber womöglich treffend und unausweichlich. Genauso unausweichlich wie die Frage, die Hanya Yanagihara – wie jedem US-Bürger derzeit – zum Abschluss gestellt wurde. Wie lebt man mit Trump? Und ob sie, so Denis Scheck mit einladender Geste, nicht lieber in Europa bliebe.
Nein, sagte Yanagihara, für sie sei es patriotischer, in den USA zu bleiben. Gerade jetzt. Da habe man als Journalist die Pflicht, seine Aufgabe zu erfüllen – das sei das Wichtigste zur Zeit.
Sprach’s – und ging von der Bühne. Sie hat in den nächsten Tagen noch weitere Auftritte in Deutschland und der Schweiz – leider nicht in Österreich.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-12 13:13:47
Letzte nderung am 2017-03-12 18:08:49



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