• vom 13.03.2017, 17:00 Uhr

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litCologne 017

Zeichen-Wahn




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Von Gerald Schmickl

  • Vor vollem Saal die Welt im Rücken: Thomas Melle in Köln.

Nicht den Buchpreis, aber viele beeindruckte Leser gewonnen: Thomas Melles "non-fiktionaler Roman". . .

Nicht den Buchpreis, aber viele beeindruckte Leser gewonnen: Thomas Melles "non-fiktionaler Roman". . .© Rowohlt Berlin Nicht den Buchpreis, aber viele beeindruckte Leser gewonnen: Thomas Melles "non-fiktionaler Roman". . .© Rowohlt Berlin

Es war eines der beeindruckendsten Bücher des Vorjahres – und ist auch nur haarscharf am Deutschen Buchpreis vorbeigeschrammt. In "Die Welt im Rücken" schildert der deutsche Autor Thomas Melle seine manisch-depressive Erkrankung auf so eindringliche wie literarisch gelungene Weise. Er erzählt von den insgesamt drei Schüben, die ihm bisher widerfahren sind, also vom Absturz aus völlig überdrehten Phasen in dunkle, nahezu bewegungslose Stadien, in denen er sich mehr wie ein Gegenstand fühlte als wie ein Lebewesen.

Nun war Thomas Melle bei der lit.Cologne zu Gast, stellte sich den Fragen von Moderator Ijoma Mangold (Literaturchef bei der "Zeit"). Man ertappte sich als Zuhörer rasch dabei, dass man bei solch einem Autor, der so viel – zum Teil Verstörendes – in dem Buch von sich preisgibt, etwas genauer hinsieht, ihn schärfer betrachtet und beobachtet. Dringt etwas von dem unbändigen Maniker durch die Gestik und in den Sprachmodus? Man zeiht sich eines voyeuristischen Blicks, wenn man derartige Vorurteile anstellt. Nutzt aber nichts, sie sind nun einmal da – werden aber nicht bestätigt.
Man erlebt an diesem Abend einen hellwachen, mitunter gewitzten, sympathisch rüberkommenden Mann, der sich dem Thema, somit seinem Lebensthema, aufgeschlossen und auskunftsfreudig stellt, und dabei doch zurückhaltend bleibt. In erster Linie soll es um das Buch gehen, in zweiter Linie um ihn selbst. Aber wo sind die Grenzen? Dass sie an diesem Abend zwar mehrfach verschwimmen, aber niemals unangenehm überschritten werden, dafür sorgen zwei hochkonzentrierte, geschickt und stilvoll abwägende Gesprächspartner.

Aufschlussreiches Gespräch über Bipolarität, Erkrankung und Literatur: Thomas Melle (l.) und Ijoma Mangold.

Aufschlussreiches Gespräch über Bipolarität, Erkrankung und Literatur: Thomas Melle (l.) und Ijoma Mangold.© Schmickl Aufschlussreiches Gespräch über Bipolarität, Erkrankung und Literatur: Thomas Melle (l.) und Ijoma Mangold.© Schmickl

Als "zwischenzeitlich Geheilter", wie Melle sich selbst bezeichnet, geht es ihm – im Buch wie im Gespräch – darum, seine Krankheit weder zu überhöhen (im Sinne von "Genie und Wahnsinn"), noch sie zu allegorisieren (à la "Wir sind ja alle irgendwie manisch-depressiv"). Er will es bei der Konkretion seiner eigenen Geschichte belassen: "Hier stehe ich – und kann nicht anders."
Natürlich waren beim Schreiben des Buches Schamgrenzen zu überwinden, da Scham ein grundlegende Erscheinung und Erfahrung dieser Erkrankung sei, sagt Melle, und damit sei Scham auch ein starkes Motiv in dem Buch. Er musste viel davon nochmals durchleben. Aber er durchlebt es nun – als eben zwischenzeitlich Geheilter und sorgfältig vorgehender Autor – kontrolliert. Und er ist davon überzeugt, dass sogenannte Authentizität nur durch künstlerische Mittel erzielt werden könne. Sein Buch sei daher kein therapeutischer Selbstheilungsversuch (auch wenn das nicht komplett ausgeschlossen werden kann), sondern eine literarische Dokumentation, ein "nonfiktionaler Roman", wie er selbst augenzwinkernd anmerkt. Damit zur derzeit erfolgreichen Reihe von Autoren, die "Autofiktion" oder "Memoirs" schreiben, zu zählen (von Knausgard über Carrère bis zu Stuckrad-Barre) – das war für Thomas Melle zwar nicht beabsichtigt, "aber irgendwie gehöre ich nun halt mit dazu".
Dass die Erkrankung, für die er die Bezeichnung "manisch/depressiv" passender findet als den etwas schwammigen Begriff "Bipolarität", in seinem Falle – eben jenem eines Schriftstellers – eher literarisch, ja mehr noch: semiotisch ausgeprägt sei, wie Ijoma Mangold vorschlägt, also auf Buchstaben und Zeichen ausgerichtet sei, findet Melle – nach Nachdenkpause und mit leichtem Widerwillen – indes doch überzeugend. Ja, es sei schon eine semiotische Manie, ein Zeichen-Wahn, der ihn in solchen Zuständen paranoid überkomme: alles verweise auf etwas, meistens auf ihn. Vor allem vonseiten Prominenter: So habe ihn etwa der Bundeskanzler via TV angesprochen, vermeint er dann zu erkennen, oder: "Joschka Fischer mahnt mich zur Mäßigung."
Was als lachhaftes Wahngebilde nun leicht zu durchschauen – und als überdrehte Satire darstellbar – ist, wäre in akuten manischen Phasen in sich völlig stringent und plausibel. Das macht Melle, der über seine kleinbürgerliche Herkunft nur ungern sprechen mag und etwaige Krankheits-Dispositionen aus diesem Milieu heraus für abwegig hält, in dem Buch auf erstaunlich nachvollziehbare Weise deutlich.
Eine seltsame, auch für ihn neue Art von Persönlichkeitsspaltung erlebte er selbst gerade in Wien: Dort nämlich stellte Joachim Meyerhoff sein Buch, und somit Teile seines Lebens, als Einpersonenstück dar (im Akademietheater, siehe auch Kritik). "Da stand ich also gewissermaßen auf der Bühne", bringt Melle seine ambivalente Erfahrung auf den Punkt, "und saß zugleich im Zuschauerraum." Obwohl er zuvor skeptisch war, hat das Stück für ihn letztlich geklappt – "und ich habe gelernt, dass Joachim Meyerhoff vorübergehend ausschauen kann wie ich!"
Mit dem Selbstbezüglichen ist es damit aber nun erst mal vorbei, sagt Melle vorausschauend: "Ich werde bald wieder Fiktion schreiben, denn es reicht mir." Gut so.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-13 16:42:15
Letzte ─nderung am 2017-03-13 16:58:31



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