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Update: 14.03.2017, 13:00 Uhr

lit.Cologne 017

Rindswurst mit Thomas Bernhard




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Von Gerald Schmickl

  • Karl Heinz Bohrer erzählt von seinen Abenteuern mit der Phantasie.

Karl Heinz Bohrer liest aus dem Buch "Jetzt" - Vergangenes. . .

Karl Heinz Bohrer liest aus dem Buch "Jetzt" - Vergangenes. . .© Schmickl Karl Heinz Bohrer liest aus dem Buch "Jetzt" - Vergangenes. . .© Schmickl

Als ein Freund von meinem abendlichen Programmpunkt erfuhr, dem Auftritt des deutschen Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer bei der lit.Cologne, meinte er, dann werde es heute wohl "Schwarzbrot geben". Das schien gleich in doppeltem Sinne zutreffend, weil der streitbare Intellektuelle (der im September 75 Jahre alt wird) nicht nur als harter Brocken und eher schwer verdaulich gilt, sondern auch, weil die Farbe Schwarz bei einem Autor, der u.a. eine "Ästhetik des Schreckens" oder die Schrift "Imaginationen des Bösen" veröffentlicht hat, assoziativ passend scheint.

Und dann kam doch alles anders, und es waren fluffige rheinische (Weiß-)Brötchen, die serviert wurden. Der gebürtige Kölner ("Da ich unmusikalisch bin, bekomme ich den rheinischen Sing-Sang nicht aus meiner Sprache. . .") erwies sich zwar einerseits als durchaus gravitätischer Gelehrter, der es an klaren und scharfen Urteilen nicht fehlen lässt ("Was in der FAZ über 1968 stand, war alles ahnungslos, kuschelig-phraseologisch, Blech…"), andererseits aber auch als ein mit feiner Ironie und dem von ihm so geschätzten britischen Witz durchsetzter Zeitgenosse, der Szenen und Milieus treffend trocken-humorig zu beschreiben weiß.

Hell und Dunkel: Philipp Felsch (l.) im Gespräch mit Karl Heinz Bohrer.

Hell und Dunkel: Philipp Felsch (l.) im Gespräch mit Karl Heinz Bohrer.© Schmickl Hell und Dunkel: Philipp Felsch (l.) im Gespräch mit Karl Heinz Bohrer.© Schmickl

Anlass für das Gespräch mit dem Autor und Geisteswissenschaftler Philipp Felsch ("Der lange Sommer der Theorie") war Bohrers jüngst erschienenes Buch, "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie" (Suhrkamp), das von seinen Erlebnissen und Erfahrungen von den 60er Jahren bis zur Gegenwart erzählt, u.a. als "FAZ"-Literaturchef (als der er 1972 von Marcel Reich-Ranicki abgelöst wurde), England-Korrespondent, Literatur-Professor in Bielefeld und Herausgeber der Zeitschrift "Merkur".

Als Autobiografie will Bohrer das Buch aber ebenso wenig verstanden wissen wie schon den Band "Granatsplitter" (2012) über seine Jugendjahre, da beide eben nicht aus der Perspektive des nunmehrigen Zeithorizonts geschrieben seien, sondern ausschließlich aus dem jeweils damaligen Bewusstsein. Das mag man spitzfindig finden, aber bei einem Mann, der es mit ästhetischen Kategorien und der Verortung von temporalen, also Zeit-Strukturen so genau nimmt, ergibt diese Einschätzung schon Sinn. Zumindest für ihn. Leser werden solch penible Unterscheidungen wohl eher seltener treffen.

Für die Fülle an Material und zeithistorischen Ereignissen, die "Jetzt" behandelt (welch feine Ironie steckt schon in dem Titel!), reicht die Zeit an diesem Abend freilich bei weitem nicht. Wir schaffen es – trotz kurzer "Nachspiel-Zeit" – gerade einmal bis Bielefeld (wo Bohrer 1982 eine Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte antrat – gegen den Widerstand linker, materialistisch ausgerichteter Kollegen, die er in dem Buch treffend zu persiflieren weiß).

Dafür erfährt man viel über Bohrers ambivalente Einstellung zu den Ereignissen von 1968, also der Studentenrevolution, die er als "Ereignis an sich" begrüßte, deren Inhalte ihn aber abstießen. Ihm gefiel der rebellische Gestus an Figuren wie Dutschke oder Kral, aber er verachtete ihre marxistische Gesinnung und die "kommunistischen Predigten". In dieser Zeit wird die intensive Lektüre der Schriften Walter Benjamins zu einer Art geistigem Fluchtpunkt für Bohrer, der darin eben weniger den ideologischen Materialisten erkennt und liest, als mehr den intellektuellen Romantiker. Und daraus wird dann ja auch eine nahezu lebenslange Beschäftigung mit nicht nur diesem Autor, sondern generell dem versteckten Erbe der Romantik, mit Surrealismus, Augenblicks-Erfahrungen und dem Momentum von Ereignissen.

Eine Name durchzieht das gesamte Buch – und taucht naturgemäß auch an diesem Abend mehrfach auf: jener von Jürgen Habermas, den Bohrer zumeist nur den "Philosophen" nennt. Ihre wechselhafte Beziehung, die gegenseitigen geistigen Anziehungen und Abstoßungen, begleiten und grundieren die Ausführungen wie ein Basso Continuo.

Köstlich die Schilderungen von wiederkehrenden Begegnungen mit "dem schweigsamen Dichter aus Österreich": Thomas Bernhard hatte Bohrer Ende der 60er Jahre mehrmals in der "FAZ"-Redaktion besucht – und war mit ihm jeweils auf eine Rindswurst in die Kantine gegangen. Dort saßen sie – und sprachen nicht viel: "Unsere gemeinsame trübsinnige Stimmung schien Bernhard zu gefallen", glaubt Bohrer sich an seine damalige Einschätzung erinnern zu können. Über Literatur wurde selbstverständlich nicht gesprochen, denn: "Darüber konnte man ja schreiben . . ."

Ergiebiger (wenn auch vielleicht nicht kulinarisch) waren jedenfalls Bohrers Jahre in England – dem Land, an dem ihn das durchgängig Theatralische in Alltag und Politik begeisterte: "Überall war eine Bühne". Auch der allgegenwärtige Witz, immer mit Stil und Format vorgetragen, begeisterten den Alltagsästheten, der damals auch an Phänomenen wie Popkultur (vor allem in der Malerei) und Fußball erkenntnisförderndes Gefallen fand. (Angeblich stammt der Ausdruck "Aus der Tiefe des Raumes", der damals Günther Netzers fußballerisches Verhalten auf dem Platz metaphorisch beschrieb – und mittlerweile zu einer allgemeinen Wendung wurde, von Karl Heinz Bohrer!)

Diese Liebe Bohrers zu England mussten später vor allem die Deutschen büßen, denen er in Artikelserien (etwa im "Merkur") "Provinzialismus" auf nahezu allen Gebieten vorwarf. Dieses "German bashing" sieht Bohrer heute selbstkritisch: Es war, meint er rückblickend, mehr Ausfluss eines gekränkten Narzissmus‘ und Patriotismus‘ als einer Neigung zur Häme: "Mich schmerzte das coole Selbstbewusstsein der Engländer – und ich wollte, dass die Deutschen auch so sind bzw. werden." Dass dem mentalitätsgeschichtliche Differenzen wie zeithistorische Erfahrungen im Wege standen und stehen, sieht er heute klarer als damals.

Wenn das jetzige Buch keine Autobiografie sei, ob dann noch eine solche komme, wollte Philipp Felsch zum Abschluss wissen. Bohrer schüttelte den Kopf, nein, eher könne er sich – nun eingeübt im Narrativen – eine "Story" vorstellen, denn wie man ja wisse, sei jegliches fiktionale Schreiben tief autobiografisch befeuert und gelenkt.

Mit diesem Ausblick stand er auf und schritt zum Signieren seiner Bücher, was dem emeritierten Herrn Professor dann doch wieder eher unangenehm schien.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-14 12:25:12
Letzte Änderung am 2017-03-14 13:00:51



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