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Update: 16.03.2017, 21:09 Uhr

lit.Cologne 017

Pizzabäcker als Erfolgsautor?




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Von Gerald Schmickl

  • Der Franzose David Foenkinos und seine raffinierte Persiflage auf den Literaturbetrieb.

Verschmitzt-gerissener Autor mit Welterfolg: David Foenkinos - © dva/privat

Verschmitzt-gerissener Autor mit Welterfolg: David Foenkinos © dva/privat

Was einem als Autor alles passieren kann! Davon erzählt David Foenkinos schon in seinen Büchern mit reger Phantasie. Dabei geschehen dem französischen Schriftsteller auch im eigenen Leben die seltsamsten Dinge. So war er etwa vor kurzem in Regensburg zu Gast, wo sein neuer Roman, "Das geheime Leben des Monsieur Pick" (DVA), vorgestellt wurde. Und da stand nach der Lesung plötzlich ein Mann auf und sagte, das Buch sei gut, aber auf Deutsch sei es noch viel besser, weil es nämlich von seinem Sohn (Christian Kolb) übersetzt worden sei.
Das nennt man Vaterstolz!

Foenkinos erzählte die Episode nunmehr in Köln, wo er bei der lit.Cologne auftrat. Dort war es wiederum ein Baby, das sich gleich zu Beginn der Veranstaltung lautstark bemerkbar machte. "Meine Leser werden auch immer jünger", meinte der Autor lachend, und versprach dem Schreihals ein Freiexemplar plus Widmung.

Tatsächlich verteilt sich das Publikum dieses Bestsellerautors (so verkaufte sich sein bisher erfolgreichster Roman, "Nathalie küsst" – auch als Film mit Audrey Tautou bekannt geworden –, alleine in Frankreich über eine Million Mal) quer durch alle (Alters-)Schichten, auch international. (Übersetzungen in über 40 Sprachen.)

In dem neuen Buch, das in Auszügen vom Schauspieler Bjarne Mädel (was für ein Name!) hinreißend vorgelesen wurde (schon wieder stahl ein Deutscher dem Franzosen die Show!), geht es um eine höchst aparte literarische Phantasie. Foenkinos greift die Idee des amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan (aus dessen Roman "Die Abtreibung", 1971) auf, nämlich eine Bibliothek für abgelehnte Manuskripte einzurichten. (Tatsächlich wurde später, nach Brautigans Tod, eine solche Bibliothek in den USA eröffnet).

Eine solche Institution gibt es in "Das geheime Leben des Monsieur Pick" nun  buchstäblich am Ende der Welt, im Finistère, in der kleinen bretonischen Gemeinde Crozon. Dort lagern unentdeckte Werke mit obskuren Titeln wie "Masturbation und Sushi", eine angeblich "erotische Ode an einen rohen Fisch". Und dort wird eines Tages von einer jungen Lektorin (mit dem wiederum wunderbaren Namen Delphine) auch ein Manuskript entdeckt, "Die letzten Stunden einer großen Liebe", das sich schließlich zu einem veritablen Bestseller mausert. Verfasst hat den Roman ein gewisser Henri Pick, von dem man anfänglich nicht viel mehr weiß, als dass er vor zwei Jahren verstorben ist – und davor über vierzig Jahre Pizzabäcker in Crozon war.

Ausgerechnet der soll diesen großartigen Roman (der Alexander Puschkins letzte Stunden als zweite Handlung parallel führt) geschrieben haben? – Unmöglich, sagt Madeleine, Picks Ehefrau. Ihr Mann habe außer Einkaufslisten nichts geschrieben. Und einen Brief. Auch andere zweifeln an dieser mysteriösen Autorenschaft. Und so wird aus dem Rätsel ein literarischer Krimi. Wie das Ganze ausgeht, wurde weder bei der Kölner Lesung verraten, noch tue ich es hier (auch deshalb, weil ich erst mitten in der Lektüre stecke. . .). Aber es ist jedenfalls, so viel wird rasch klar, eine mit vielen ironischen Seitenhieben gespickte Persiflage auf den Literaturbetrieb. (Foenkinos arbeitete früher selbst in französischen Verlagen.)

Ein Name blieb an dem Abend, der ein witzig-flapsiges, unterhaltsames Ping-Pong zwischen dem Autor, der Moderatorin & Übersetzerin (Carine Debrabandère) und dem Schauspieler Mädel bot (der etwa meinte, dass man Pizzabäcker ab nun mit anderen Augen betrachten werde . . .), ein Name also wurde seltsamerweise ausgespart: nämlich jener von Shakespeare. Denn auch da besteht ja bis heute das Mysterium darin, wie ein Getreidehändler, von dem man nicht viel mehr als seinen geschriebenen Namenszug dokumentarisch belegen kann, die großen, ja wohl größten Tragödien und Komödien der Theatergeschichte geschrieben haben kann. Über diese Frage wurde und wird bis heute viel spekuliert (zuletzt rückte Christopher Marlowe ja wieder mehr in den Fokus als möglicher eigentlicher Autor, oder zumindest einer von mehreren), nur nicht an diesem Abend in Köln.

Man hätte gerne gewusst, ob der sympathisch gerissen wirkende Foenkinos nicht auch diesen "Fall" im Hinterkopf hatte, als er an dem Roman schrieb – übrigens zum größten Teil in deutschen Zügen, wie er verriet; während seiner letzten Lesereise (zu dem Buch "Charlotte").
So blieb Bjarne Mädel  (u.a. bekannt aus der TV-Serie "Die Tatortreiniger") das Schlusswort vorbehalten, indem er dem Autor dafür dankte, dass er nicht Auto fahre. Und diese Bemerkung, ein charmant ausgedrücktes Lob, war jedenfalls nicht in erster Linie ökologisch gemeint . . .

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-16 17:57:29
Letzte nderung am 2017-03-16 21:09:59



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