• vom 28.05.2017, 09:00 Uhr

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Lyrik erlesen

Größte Freiheit auf engstem Raum




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Von Andreas Wirthensohn


    Für einen Rezensenten ist es besonders schön, wenn er die Anleitung, wie er ein Buch zu besprechen hat, in selbigem gleich mitgeliefert bekommt.

    "So nimm denn, Freund, dir dieses Büchlein vor / und überprüfe Inhalt, Form und Ton. / Und wenn’s der Worte wert ist, dann besprich es / als etwas Gutes oder Wunderliches. // Dein Urteil sei die Pforte meines Ruhms, / mein Niedergang, mein Absturz, mein Triumph. / Leg an dein Maß, und lass die Welt es wissen, / ob dieses Zeug saugut, ob es beschissen."

    F. W. Bernstein schreibt das dem "Lyrikfreund" ins Stammbuch. "Frische Gedichte" (Kunstmann 2017) heißt sein jüngster Band, und er wirkt bei aller Frische wie eine Flaschenpost aus längst vergangenen Zeiten. Der 1938 Geborene, der bürgerlich-profan Fritz Weigle heißt, gehört nämlich zu den Gründungsvätern der Neuen Frankfurter Schule, die Mitte der 1960er Jahre in der Satirezeitschrift "Pardon" zusammenfand und den schrägen Humor literaturfähig machte.

    Eckhard Henscheid, F. K. Waechter, Robert Gernhardt - sie hievten die Komik schreibend und zeichnend auf ein neues Niveau und bewiesen gerade im Bereich der Lyrik, dass auch diese Gattung herrlich albern und zugleich ergreifend tiefsinnig sein kann. Robert Gernhardt war ein Meister dieser poetischen Hochkomik, und dass viele von Bernsteins Gedichten im Vergleich dazu reichlich blass und schmalbrüstig wirken, nun ja, das ist Dichterschicksal. Trotzdem bietet auch dieses überraschende "Revival" ein paar saugute Nonsensgedichte, die dann am besten geraten, wenn sie der gereimten Kürze frönen. "Der Fuchs, der brät sich eine Gans. / Er tut’s nicht ohne Grund: Er kann’s." Oder: "Hase hat zwei lange Ohren. / Das dritte Ohr ging früh verloren."

    Große Kunst in einem opulenten Sammelband.

    Große Kunst in einem opulenten Sammelband. Große Kunst in einem opulenten Sammelband.

    Nicht ganz so lustig geht es in den Gedichten von Zbigniew Herbert (1924-1998) zu. "Jenseits des Ich des Künstlers erstreckt sich eine schwere dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufhören zu glauben, dass wir diese Welt in Worte fassen, ihr Gerechtigkeit wiederfahren lassen können." Wie welthaltig dieses poetische uvre ist, beweist der opulente Band mit "Gesammelten Gedichten" (Suhrkamp 2016). Der Bauchnabel wird darin ebenso bedichtet wie das Wasserpferd oder die Uniformknöpfe, die man später als letzte Überreste ihrer Träger in der Erde findet. Und wer das Gedicht über den Kiesel gelesen hat, wird dieses "Geschöpf" fortan mit ganz anderen Augen betrachten, oder genauer: ihm ins Auge blicken: "Kiesel lassen sich nicht zähmen / sie betrachten uns bis zum Schluss / mit ruhigem sehr klarem Auge".

    Herbert gehört zu den großen Dichtern des 20. Jahrhunderts, und sein Thema sind natürlich auch all die Gräuel dieser Zeit. Ganz besonders hat ihn, der sich 1943 dem polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung anschloss, das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs geprägt, die Erfahrung der beiden Totalitarismen, denen sein Heimatland unterworfen war. Bei ihm ist Nike, die griechische Göttin des Sieges, am schönsten "wenn sie zögert / die rechte Hand an die Luft gelehnt / herrlich wie ein Befehl / aber die Flügel zittern". Die Haltung, in der uns Nike in den meisten Darstellungen begegnet, hat bei Herbert nichts Heroisches und Triumphierendes, sondern entspringt für ihn einem Augenblick der beschämten Rührung ob all der jungen Männer, die in den Krieg ziehen und sterben "mit dem herben Geschmack des Vaterlands / unter der steifen Zunge". Das ist nicht saugut, das ist schlicht große Kunst.

    Der 1971 geborene Jan Wagner bezeichnet das Gedicht als "größte Freiheit auf engstem Raum". Er selbst weiß aus dieser Freiheit viel zu machen, wie u.a. sein Lyrikband "Regentonnenvariationen" bewies, der 2015 überraschend mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Dass Wagner auch wie kaum ein Zweiter über Lyrik zu sprechen vermag, belegt der Band "Der verschlossene Raum" (Hanser Berlin 2017). Der Untertitel annonciert zwar "beiläufige Prosa", aber diese Prosa handelt ganz überwiegend vom Poem. So erfahren wir, dass Lyriker gerne Krimis lesen (Gottfried Benn nannte sie "Radiergummi für’s Gehirn"), dass Bibliotheken wie Gedichte darauf aus sind, das Flüchtige zu bewahren, und dass auch bei Gedichten der Beginn und der Schluss nicht ganz unwichtig sind.

    Und er zitiert Emily Dickinsons wunderbare Definition des gelungenen Gedichts: "If it feels as if the top of my head is taken off, I know it is poetry." Saugut formuliert, kann man da nur sagen.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-05-26 09:54:06
    Letzte nderung am 2017-05-26 11:13:47



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