• vom 11.06.2017, 13:00 Uhr

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Von Franz M. Wuketits

  • Samuel Beckett wurde mit dem Stück "Warten auf Godot" zu einem Hauptvertreter des "absurden Theaters". Versuch einer erkenntnistheoretischen Lektüre.

Szene aus "Warten auf Godot" (Picadilly Theatre, 1998). - © Ullsteinbild/Lebrecht Music & Arts

Szene aus "Warten auf Godot" (Picadilly Theatre, 1998). © Ullsteinbild/Lebrecht Music & Arts



"Warten auf Godot" ist eine geläufige Redewendung, die wohl nur noch bei wenigen ein Stück Weltliteratur aus der Feder von Samuel Beckett in Erinnerung ruft. Der 1906 in Dublin geborene und 1989 in Paris gestorbene Nobelpreisträger begründete mit diesem - seinem bekanntesten - Werk seinen Weltruhm und wurde damit einer der Hauptvertreter des "absurden Theaters", das Handlung und Ausstattung auf ein Minimum reduziert.

Das Stück wurde denn auch wiederholt am Theater inszeniert, erstmals 1953 in Paris und noch im gleichen Jahr in Berlin. In meinem Englisch-Unterricht im Gymnasium (wohl in der Maturaklasse) stand es auf der Leseliste. Wenn ich mich recht erinnere, hat es damals keinen besonderen Eindruck bei mir hinterlassen. Später einmal sah ich eine Verfilmung, die mich allerdings durchaus fesselte. Nun habe ich "Warten auf Godot" wieder gelesen, wobei die Herausforderung darin bestand, mich nicht von vornherein auf eine bestimmte Interpretation des Werkes festzulegen.

Es muss einem natürlich schon vor der Lektüre klar sein, dass mit "Warten auf Godot" kein Roman, auch keine Erzählung vorliegt, und man keine Handlung erwarten darf. Zwei Landstreicher, Estragon und Wladimir, warten irgendwo unter einem Baum auf eine Person namens Godot, von der sie eigentlich nichts wissen und die möglicherweise gar nicht existiert, zumal sie ja auch nie in Erscheinung tritt.



Information

Samuel Beckett

Warten auf Godot

Dreisprachige Ausgabe (Dt., Frz., Engl.). Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven. Suhrkamp 1971, 242 Seiten, 8,30 Euro.

Die beiden wollen Godot zwar um etwas gebeten haben, wissen jedoch letztlich nicht so recht, was es war: "Nun ja . . . Eigentlich nichts Bestimmtes". Manchmal sind sie nicht einmal sicher, ob sie am Vortag auch schon an derselben Stelle auf Godot gewartet haben, und ob es die richtige Stelle sei. Wiederholt wollen sie aufbrechen, erinnern sich aber jeweils gleich daran, dass sie ja auf Godot warten müssen und nicht fortgehen können. Ansonsten vertreiben sie sich die Zeit mit meist sinnlosen Dialogen.

Einmal jedoch versteigt sich Wladimir zu der Bemerkung, er und Estragon würden gleichsam die Menschheit repräsentieren: "Wir wollen einmal würdig die Sippschaft vertreten, in die das Missgeschick uns hineingeworfen hat." Und dann scheint Estragon plötzlich auch der Sinn ihres Tuns (oder Nichttuns) aufzugehen: "Was tun wir hier, das muss man sich fragen. Wir haben das Glück, es zu wissen. Ja, in dieser ungeheuren Verwirrung ist eines klar: wir warten darauf, dass Godot kommt."

Der kommt allerdings nicht. Stattdessen kommt ein junger Bote mit der Nachricht, Godot würde nicht heute Abend, sondern morgen kommen. Am Ende sagen sie sich "Gehen wir!", bewegen sich aber nicht von der Stelle.

Da Samuel Beckett selbst sich weigerte, "Warten auf Godot" zu interpretieren, sind freilich verschiedene Deutungen seines absurden Stücks zugelassen. Daran mangelt es auch nicht. Nach dem Erscheinen des Werkes (1952) waren sich viele einig, dass Beckett die Welt nach einem Atomkrieg zeigen wollte, während sich andere mit theologischen, metaphysischen, moralphilosophischen oder sozialkritischen Interpretationen versuchten.

In seinem Vorwort zur dreisprachigen Suhrkamp-Ausgabe (1971) des Buches bemerkt der kürzlich verstorbene Joachim Kaiser: Becketts Szenarien "lechzen nach Erklärung. Aber wer da interpretiert, wer neugierig und erregt auf ‚Warten auf Godot‘ starrt, findet nicht etwa die ‚absolute Wahrheit‘ des Stückes heraus (. . .), sondern höchstens sich selbst." Das mag zutreffen, wenn man das eigene Leben als ein ständiges Warten begreift, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu können, worauf man eigentlich wartet.

Mir kam eine Parallele in den Sinn, an die Interpreten bisher wohl nicht gedacht haben, es sei denn, sie haben sich mit Erkenntnistheorie beschäftigt und dabei Karl Popper (1902-1994) gelesen. Popper schreibt Folgendes: "Unsere Situation ist immer die eines schwarzen Mannes, der in einem schwarzen Keller nach einem schwarzen Hut sucht, der vielleicht gar nicht dort ist". Das will heißen: Wir verfügen über kein sicheres Wissen, wir vermuten bloß, wie die Welt "da draußen" aussieht und tasten herum, um uns irgendwie - im Dienste unseres Überlebens - zurechtzufinden. Wir sitzen oft Irrtümern auf, machen Fehler und sind ständig damit beschäftigt, unsere Fehler zu korrigieren.

So wie sich der "schwarze Mann" zwar in einer hoffnungslosen Situation findet, aber immerhin etwas sucht, so ist auch die Situation von Estragon und Wladimir hoffnungslos, aber sie warten immerhin auf etwas oder jemanden. Der schwarze Hut ist vielleicht nicht im Keller, aber man kann ihn ja dort suchen. Godot kommt vielleicht nicht, aber man kann auf ihn warten. Estragon und Wladimir sind schon zufrieden, als sie sich einmal zum Warten wiedergefunden haben:

WLADIMIR: Sag: Ich bin zufrieden.

ESTRAGON: Ich bin zufrieden.

WLADIMIR: Ich auch.

ESTRAGON: Ich auch.

WLADIMIR: Wir sind zufrieden.

ESTRAGON: Wir sind zufrieden. (Schweigen) Was sollen wir jetzt machen, da wir zufrieden sind?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-08 18:20:07
Letzte ─nderung am 2017-06-08 19:06:57



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