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Von Walter Klier




    In Frankreich gab es drei namhafte Autoren, die sozusagen im Rampenlicht mit den Nazis kollaborierten. Der große Rest schwindelte sich irgendwie durch. Einer von den dreien, Pierre Drieu la Rochelle, nahm sich 1945 das Leben. Trotz seiner erheblichen politischen Unkorrektheit dennoch weiterhin viel gelesen, wurde ihm 2012 die größte Ehre zuteil, die es für einen französischen Schriftsteller gibt: die Aufnahme in die ewige Sammlung der Besten, la Pleïade. Mittlerweile ist er auch auf Deutsch erschienen, und wir können sein, nach eigener Meinung, "am wenigsten schlechtes Buch" lesen ("Die Komödie von Charleroi".Übers. von Eva Moldenhauer, Nachwort von Thomas Laux. Manesse, Zürich, 2016, 275 Seiten.).

    Das Buch ist bemerkenswert, bei näherem Bedenken sogar ziemlich gut. Der Autor versucht etwas einzufangen, das Schreibende seit langem umtreibt. So viele erleben, meist unfreiwillig, den Krieg, und sind vor- und nachher ganz gewöhnliche Leute, nämlich irgendwelche. Das, was ihnen aber dort, auf den "Feldern der Ehre", widerfährt, stellt sie in eine völlig andere Kategorie von Wirklichkeit. Wie kann man das denen vermitteln, die nicht dabei waren? Ein literarisches Alte-Kameraden-Dilemma, sozusagen.

    An der Zusammenschau, dem Zusammen-Verstehen dieser diskrepanten Welten arbeitet sich Drieu la Rochelle ab; sein Material sind die Schlachtfelder von 1914/18, die er aus eigenem Erleben kennt. Auch nach Jahren (das Buch erschien erstmals 1934) ergreift ihn ein gewissermaßen essayistisches Entsetzen: "Was tue ich hier? Ich bin ein Mensch (. . .) Als der Mensch die ersten Maschinen erfand, hat er seine Seele dem Teufel verkauft, und jetzt präsentierte der Teufel die Rechnung."

    Die meisten "Kriegsbücher" entstehen Jahre nach dem Geschehen, im Falle von 1914/18 dauerte es mindestens zehn Jahre, bis Remarques "Im Westen nichts Neues" oder Robert Graves’ "Goodbye to All That" erschienen. Allen ist das Streben gemein, das Unmittelbare wie Unvermittelbare des einst Erlebten dann doch noch in Literatur zu verwandeln. Drieu la Rochelle macht hievon keine Ausnahme, er versucht es damit, gleichsam aus sich herauszutreten, die Sache von außen zu betrachten und in weitere Zusammenhänge zu stellen.

    Die Umstände brachten es mit sich, dass sich die damals, in den 1930er Jahren, sehr erfolgreiche Autorin Irène Némirovsky als Jüdin nach dem Einmarsch der Deutschen plötzlich in lebensbedrohender Situation wiederfand. Eine zeitlang lebte sie noch unbehelligt in dem kleinen Ort Issy-l’Evêque, doch 1942 wurde sie verhaftet und starb kurze Zeit später in Auschwitz. Was sie in den letzten Monaten ihres Lebens geschrieben hatte, wurde der lesenden Öffentlichkeit erst sechzig Jahre später bekannt und machte sofort Sensation. Ich habe es erst vor kurzem gelesen ("Suite française". Roman. Übers. von Eva Moldenhauer. Knaus, München 2005, 512 Seiten) und möchte mich nun, etwas verspätet, den vor einem Jahrzehnt geschriebenen Lobeshymnen anschließen.

    Allein die Schilderung der Massenflucht aus Paris beim Heranrücken der deutschen Wehrmacht lässt einem den Atem stocken - die Autorin hält sich nicht bei der großen Katastrophe auf, sondern beugt sich, geradezu liebevoll, über die vielen kleinen. Wie da die eben noch wohlgeordnete neuzeitliche Zivilisation aus dem Leim geht und sich dann, beim kleinsten Anzeichen einer Normalisierung, wieder zusammensetzt unter blitzartigem Vergessen jener, die leider Pech gehabt haben - das muss man gelesen haben.



    Und weil wir gerade bei diesem unerfreulichen und zugleich hochinteressanten Thema sind, noch eine Sachbuchempfehlung. Der österreichische Historiker Ilja Steffelbauer hat es unternommen, das Phänomen Krieg in seiner Gesamtheit darzustellen ("Der Krieg. Von Troja bis zur Drohne". Brandstätter, Wien 2017, 320 S.): über zwölf Stationen zeigt er es in seiner Verwobenheit in die gesellschaftliche und technologische Entwicklung, theoretisch fundiert, gedanklich klar und lebendig erzählt.

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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-06-22 17:14:11
    Letzte ─nderung am 2017-06-22 17:53:20



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