• vom 07.06.2017, 12:00 Uhr

Medientour in den USA

Update: 07.06.2017, 12:27 Uhr

USA

Journalismus: Zwischen Fake News und Todesangst




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Von Eva Zelechowski

  • Was tun einzelne Insitutionen, um Informationszugang für Bürger und Pressefreiheit zu verbessern? Die ersten Termine in Washington.

Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.

Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.© WZ Online / Irma Tulek Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.© WZ Online / Irma Tulek

Washington. Während ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers in die Tasten haue, heulen alle paar Minuten Polizei- und Krankenwagensirenen durch die Straßen. Nach zwei schwülen Tagen weht heute Abend ein kühler Wind, ein paar Gäste haben es sich neben dem Pool gemütlich gemacht.

Alles wirkt sehr entspannt, aber Washington (es ist mein erster Aufenthalt) macht generell einen sehr geordneten und entspannten Eindruck auf mich. Wir sind im Büroviertel untergebracht, zwei Häuserblocks vom Weißen Haus. Gesehen haben wir Trumps neues Zuhause noch nicht, bis auf den kurzen Blick, den wir beim Vorbeifahren mit dem Bus erhaschen konnten. Für mehr war keine Zeit, denn das dicht gefüllte Programm mit bis zu fünf Terminen täglich gibt gerade mal die Möglichkeit für die Abdeckung der Grundbedürfnisse. Sprich, Nahrungssuche.



Die American School of Communications in Washington lehren Medienveteranen die nächste Journalistengeneration. Viele von ihnen schreiben bereits regelmäßig für die Washington Post oder die New York Times.

Die American School of Communications in Washington lehren Medienveteranen die nächste Journalistengeneration. Viele von ihnen schreiben bereits regelmäßig für die Washington Post oder die New York Times.© WZ / Eva Zelechowski Die American School of Communications in Washington lehren Medienveteranen die nächste Journalistengeneration. Viele von ihnen schreiben bereits regelmäßig für die Washington Post oder die New York Times.© WZ / Eva Zelechowski

Die ersten zwei aufregenden Tage liegen jetzt hinter uns. Müde, aber zufrieden fallen alle 18 Tour-Teilnehmer ins Hotelzimmer. Die meisten klappen kurze Zeit später ihre Laptops auf und schicken Berichte quer über den Erdball nach Kasachstan, Ungarn, Südafrika. Neben den Gesprächen mit den Institutionen sind die vielen Unterhaltungen mit den Journalisten über ihren Kampf um unabhängige Berichterstattung, politische Repressionen und nicht zuletzt bewegende persönliche Erzählungen über ermorderte Freunde und Journalisten das Herz dieser Reise. Aber dazu später.

Information

Über die Briefings bei den Medien und Sozialen Netzwerken 1) Washington Post 2) Fox News 3) Bloomberg 4) Facebook 5) Standard Weekly berichte ich gesammelt in einem der nächsten Blogbeiträge.

Auf dem dichten Programm standen bisher spannende Gespräche mit Vertretern der American University School of Communications, der Washington Post, der Heritage Foundation, dem International Center for Journalists, Reporters without Borders und dem Büro für öffentliche Angelegenheiten im Außenministerium.

Einer der ersten Termine führt uns an die American School of Communications, wo uns die Professoren Chuck Lewis, Amy Eisman und Lynne Perri Einblicke in ihre langjährige Arbeit geben. "In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Anzahl der Journalisten in den USA halbiert. Wir sprechen von 15.000 bis 20.000 Journalisten", beginnt Lewis seinen Vortrag. Er erzählt von der nützlichen Infrastruktur der Uni-eigenen "Investigative Reporting Workshops" und den Kooperationen zwischen Studierenden und der Washington Post, der New York Times, die ihre Kontakte jetzt schon knüpfen und dort regelmäßig Artikel veröffentlichen. Die Universität scheint sehr stolz auf die Institutionalisierung und Etablierung der nächsten Journalistengeneration zu sein.

Chuck Lewis arbeite bereits zur Zeit der Watergate-Affäre als Journalist. Er holt ein wenig aus: "Ich habe schon unter Richard Nixon gearbeitet. Er hasste die Medien. Und Barack Obama schien ein netter Kerl zu sein, aber auch unter ihm gab es Strafverfolgung gegen Journalisten."

Das Hauptthema des Termins sind Fake News. "Sie sind eine Kreatur des Internets", meint Professor Chuck Lewis. Keine fünf Sekunden später kommt der erste Einwand aus der ersten Reihe. Natürlich gibt es Falschnachrichten, Propaganda und Lügen in Medien nicht erst seit dem World Wide Web. Verändert haben sich Verbreitung und Umgang damit. Das müssen wir noch lernen.

Das Foreign Press Center, das die Medientouren organisiert, hat sich um ein breites Spektrum an Gesprächspartnern für die ausländischen Medienleuten bemüht. Ein weiterer Stop ist die Heritage Foundation. Allerdings war das Gespräch "off the record", also vertraulich. Alles, was unser Gesprächspartner uns erzählt, bleibt im Raum. Ich nehme mir vor, in den kommenden Wochen ein Interview mit dem Associate Director Arthur Milikh zu veröffentlichen.

Geht es darum, Journalisten weltweit zu vernetzen, ihnen Ressourcen, Werkzeuge und Fellowships an entfernten Orten anzubieten, liegt das "International Journalist Network" der "International Center For Journalists" ganz vorne. Unser nächster Termin. Das ICJ sieht seine Rolle in der Entwicklung von Medien und wird zum Teil von der Regierung und Spenden finanziert. Man hat sich etwa der Aufgabe gewidmet, in US-Regionen, die keinen Zugang oder Infrastrukturen zum Internet haben, Menschen beim  Informationszugang zu helfen. Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung von Journalisten mit Hackern und Experten digitaler Aufbereitung von Informationen, um die Ergebnisse investigativer Recherche möglichst transparent und interaktiv zu veröffentlichen. Ein solches Vernetzungstreffen findet auf der "Media Party" der Hackshackers statt, wo die Teilnehmer Tools und Erfahrungen austauschen, um sie im Idealfall im eigenen Land zu adaptieren.

Wie es weltweit um die Pressefreiheit bestellt, dokumentiert die Organisation "Reporter ohne Grenzen" in ihrem jährlichen Ranking. Margaux Ewen ist Kommunikationsleiterin für Nordamerika und gibt uns einen Überblick über die Lage. Die USA belegen von 180 erfassten Staaten den 43. Platz. Einer der Gründe für das (relativ) schlechte Abschneiden sind die Verhaftungen von Journalisten in den USA während ihrer Berichterstattung bei landesweiten Protesten. Viele von ihnen werden – aus unterschiedlichen Gründen – angeklagt. Auf die Pressefreiheit eines Landes wirken sich solche Einschränkungen nicht positiv aus. "Das sind Dinge, die in sogenannten liberalen Demokratien mit Journalisten passieren", sagt Halgand.

Was tut die Organisation in Staaten wie Mexiko und Ägypten, wo Repressalien und Mordraten an Journalisten am höchsten sind? Sie unterstützen sie beim Bemühen um politisches Asyl in den USA, beobachten und dokumentieren die politische Lage speziell vor anstehenden Wahlen und versuchen durch Berichte Druck auf die Regierungen auszuüben. In Mexiko wurden heuer bereits sechs Journalisten ermordet. Einer von ihnen war Javier Valdez Caldenaz. Der Investigativ-Journalist wurde durch seine umfangreiche Berichterstattung über den Drogenkrieg in Mexiko bekannt.

Luis Castillon, der Teilnehmer der FPCTours2017 aus Mexiko, kannte ihn gut. Wenn er von seinem Freund und der lebensgefährlichen Situation erzählt, in die sich Journalisten in Mexiko täglich begeben, wird der quirlige lustige Kerl ganz ruhig. Zu tief sitzt der Schmerz über den Tod seines Freundes. "Was bleibt uns zu tun – jetzt, wo er tot ist? Wir wissen nicht, was als nächstes passiert", fragt er fast verzweifelt. Eine richtige Antwort gibt es darauf nicht. Die Vertreter von "Reporters without Borders" wollen die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn es zur globalen Entwicklung der Pressefreiheit kaum Positives zu vermelden gibt. Die Organisation versucht sich Zugang zu den Syndikat-Recherchen des getöteten Journalisten zu verschaffen, um eine Spur auf seine Täter zu finden. "Schutzprogramme und -maßnahmen wirken in Ländern wie Mexiko nicht und solange die Politik nichts unternimmt, um Gewalt und Korruption zu stoppen, werden auch die Morde nicht aufhören", sagt Halgand. Nicht gerade beruhigend.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-07 02:04:48
Letzte ─nderung am 2017-06-07 12:27:57



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