• vom 11.06.2017, 09:30 Uhr

Medientour in den USA


Journalismus

Die Sehnsucht nach Qualität in den Medien




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Von Eva Zelechowski

  • Drei Bloomberg-Journalisten plaudern über das verrückte Jahr 2016, fake news und Gefahren für Journalismus und Gesellschaft. Ein Besuch in der New Yorker Zentrale.

Megan Murphy verbrachte für Bloomberg das "crazy year 2016" in Washington.

Megan Murphy verbrachte für Bloomberg das "crazy year 2016" in Washington.© WZ / Eva Zelechowski Megan Murphy verbrachte für Bloomberg das "crazy year 2016" in Washington.© WZ / Eva Zelechowski

New York. Vor allem ein Ziel hat die Bloomberg Redaktion, sagt Jason Schechter, Global Chief Communication Officer. Und das ist Transparenz. Das Medienhaus des Informationsdienstleistungs-, Nachrichtenunternehmens mit Sitz in New York startete 1991 mit sechs Mitarbeitern, heute arbeiten mehr als 2000 Journalisten weltweit für Bloomberg. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 19.000 Mitarbeiter in 120 Büros quer über den Erdball.

Beim Briefing an diesem Morgen begrüßen uns drei Journalisten, darunter auch Laura Zelenko. Die Finanzexpertin und Investigativ-Journalistin begann vor 24 Jahren in Prag für das Unternhemen zu berichten, als sich die Börsen das erste Mal nach längerer Zeit wieder erholten. "Wir wollten in Osteuropa von Anfang an dabei sein, wenn", erzählt sie. Danach wurde das Moskauer Büro gegründet.

Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.

Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.© WZ Online / Irma Tulek Zehn Tage auf "Reporting Tour" in Washington, New York und San Francisco. Eva Zelechowski bloggt für die Wiener Zeitung.© WZ Online / Irma Tulek

Die Journalisten erzählen vom "verrückten Wahljahr 2016" in Washington, streiten (auf humoristische Weise) vor uns über ihre unterschiedlichen Positionen zu Donald Trump, die Rolle von Social Media im Journalismus und die Strategie des Hauses, auf Begriffe wie "rechts" und "links" in der politischen Berichterstattung gänzlich zu verzichten. Letzteres sei als Experiment gestartet worden, um Programme und Personen von Parteien in den Mittelpunkt zu rücken, nicht die politische Richtung. Man gab das Experiment schließlich auf.

Wir sprechen auch über fake news. Megan Murphy, Journalistin von Bloomberg Business, verbrachte das verrückte Jahr 2016 in Washington. Während sie spricht, merkt man, sie legt sich gerne mit Leuten an, ist sehr direkt, geht mit ihren Kollegen auf Konfrontation. Eine Persönlickeit, die ich mir gut bei Pressekonferenzen in Washington vorstellen kann.

Schöner Empfang bei Bloomberg. Unsere Gastgeber listen die Medien der Journalisten aus unserer Gruppe auf.

Schöner Empfang bei Bloomberg. Unsere Gastgeber listen die Medien der Journalisten aus unserer Gruppe auf.© WZ / Eva Zelechowski Schöner Empfang bei Bloomberg. Unsere Gastgeber listen die Medien der Journalisten aus unserer Gruppe auf.© WZ / Eva Zelechowski

"Das Gefährlichste im Journalismus ist nicht fake news oder die Polarisierungund Spaltung der Gesellschaft in rechts und links erleben", meint sie, "sondern der große Clash zwischen Menschen, die sich allein gelassen fühlen, in einer Art Identitätskrise stecken und in den Medien jene Themen vermissen, die sie betreffen und mit denen sie tagtäglich zu kämpfen haben." Ihre in ihren Augen wichtigste Story aus dem vergangenen Jahr sei die Reportage über die Schießerei in Kansas, bei der zwei indische Mitarbeiter einer Tech-Firma ums Leben kamen. (VIDEO von Bloomberg TV) Der Täter habe gedacht, sie seien aus dem Irak, eine offenbar rassistisch motivierte Tat. Murphy wollte erkunden, was ein Mord an Einwanderern  - speziell in einer derart multikulturellen Region - über die USA aussage. Die Tat zeige, wie leicht eine Community, die in ihrer Diversität und ihren Integrationskonzepten erfolgreich ist, zerbrechen kann. Auf diese Entwicklungen müsse man gerade in der heutigen Zeit in den USA besonders achten und davon berichten. Für Murphy sind es die fundierten Reportagen, die Hintergründe aus einer für viele Menschen unbekannten Region liefern, ein unverzichtbarer Teil im heutigen Journalismus.

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Im Bloomberg Mutterschiff in New York kann man sich leicht verlaufen. 29 der 55 Stockwerke gehören dem Nachrichtendienstleister.

Im Bloomberg Mutterschiff in New York kann man sich leicht verlaufen. 29 der 55 Stockwerke gehören dem Nachrichtendienstleister.© WZ / Eva Zelechowski Im Bloomberg Mutterschiff in New York kann man sich leicht verlaufen. 29 der 55 Stockwerke gehören dem Nachrichtendienstleister.© WZ / Eva Zelechowski

Beim Browsen durch die Bloomberg-Website stelle ich fest, dass es keine Kommentarfunktion gibt. "Wir haben die Funktion vor etwa ein, zwei Jahren eingestellt, da das Monitoring der Postings zu zeitaufwendig war", erklärt Jared Sandberg, Redakteur von Bloomberg Digital. Man hätte zusätzliches Personal und ein eigenes Community Management aufstellen müssen. "Das Fazit war: Entweder machen wir es ordentlich oder gar nicht. Und dafür haben wir momentan nicht genug Geld", sagt Sandberg. Zuletzt hätten Trolling und Debattenzerstörende Kommentare zugenommen, was die Redakteure unter Druck brachte und das Team schließlich dazu brachte, auf Postings zu verzichten.

Als Kaffeejunkie will ich drei dieser Schätzchen gleich in unsere Redaktion mitnehmen.

Als Kaffeejunkie will ich drei dieser Schätzchen gleich in unsere Redaktion mitnehmen.© WZ / Eva Zelechowski Als Kaffeejunkie will ich drei dieser Schätzchen gleich in unsere Redaktion mitnehmen.© WZ / Eva Zelechowski

Was Lügen und fake news betrifft, ist sich Megan Murphy sicher: "Unterschätzt nicht das Bedürfnis der Leute nach Qualität." Ja, klar, denke ich mir. Aber wie ist die Verteilung von nach Qualität lechzenden Medienkonsumenten und der Leserschaft, die auf Gratismedienschlagzeilen steht? Setzt sich die Qualität durch oder werden wir irgendwann von Geschichten über Pfauenfressende Eisbären und Frauenfressenden Flüchtlingen überschwemmt? Die Antwort steckt irgendwo zwischen Optimismus und Pessimismus – und der Motivation, der Bevölkerung die bestmöglichen Informationsvielfalt zu liefern.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-10 17:54:47
Letzte nderung am 2017-06-10 18:19:48



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