Ich bin sehr froh, dass ich einfach nur abnehmen will. Weit weg von Alltag und Arbeit kann ich mich hier nur auf diese eine Sache konzentrieren. Die (drei) größten Herausforderungen des Tages sind die Einhaltung der Beginnzeiten zum Essen (9, 14 und 19 Uhr-Sie wissen Bescheid). Sie werden sich denken, na wow. Was will er uns damit sagen? Das wird ja wohl zu schaffen sein.
Ja, es ist zu schaffen, aber für viel Mehr gibt es gerade keine Energie. Diese erste (strenge, wie auch fettfreie) Phase meiner Metabolic Balance-Ernährungsumstellung führt zwar zu einem wahrlich guten Körpergefühl und weder leide ich an Hunger, noch Kopfschmerzen noch anderen Mangelerscheinungen, ich fühle mich durchaus energiegeladen – aber Ja aber. Die Energievorräte sind, trotz des sichtbaren Mehrgewichts um die Hüften und am Bauch, jedoch begrenzt. Eigentlich könnte man ja annehmen, dass so ein bisschen weniger Essen doch dazu führen muss, dass der Körper seine Energiereserven anknabbert. Immerhin ist dies ja Sinn einer reduzierten Nahrungsmittelzufuhr. Ergo sollten doch in meinem Falle ausreichende Mengen zur Verfügung stehen.
Nie zuviel Energie
Aber auch hier habe ich falsch gedacht. Die Energie wird zum Stoffwechseln, Essen, Herumgehen und Fettverbrennen benötigt. Mehr geht kaum. Einmal zu viel Sport und ich bin erledigt. Wobei die Bezeichnung Sport doch schon fast übertrieben scheint. Daher auch die Empfehlung – siehe Fragen und Antworten – nur sehr eingeschränkt Sport zu betreiben, wenn man sich in dieser ersten Phase befindet. Manche Leute, auch ich, müssen sich davon scheinbar erst am eigenen Leib überzeugen. Passt. Erledigt. Wird notiert und ab sofort gemerkt.
Ich verliere stetig an Gewicht und Körperumfang. Fein. Aber interessanter Weise taucht nun ein neues Phänomen auf – ich werde dünn(häutig). Zwar ist es nicht so, dass ich von Heulkrämpfen gebeutelt vor dem Abendbuffet auf die Knie sinke und um Essen flehe, aber die psychische Belastbarkeitsgrenze ist merklich gesunken.
Wie ich vor ein paar Tagen geschrieben habe, ist und bleibt Humor ein ultimatives Werkzeug im Kampf gegen das eigene Übergewicht. Wäre dem nicht so, dann. Keine Ahnung. Ich habe den Humor ja noch, aber immer öfter gibt es kleine, aber merkbare Momente einer mittleren Krise und erster Selbstzweifel. Es scheint der Geist oder auch der Körper, bin gerade unschlüssig, wer der Stärkere ist, versucht Alles beim Alten zu lassen.
Das Problem - klares Denken
Will ich wirklich abnehmen? Wieso habe ich noch keine 30 Kilo verloren? Nie wieder Schnitzel? Werde ich es schaffen? Warum habe ich es bisher nicht geschafft? Glücklicherweise sind rundherum genug Menschen, die das gleiche Thema haben. In Gruppen abnehmen scheint durchaus sinnvoll. Sobald ich klar denken kann, werde ich mal über Weight Watchers nachdenken – ist notiert.
Klar denken. Das ist aber ein Problem. Wie gesagt, ich schaffe es pünktlich zum Essen. Beschäftige mich mit mir und meinem Körper, aber sonst. Nichts. Nada. Der Verzicht auf Fett und Zucker macht Dicke nicht zu Philosophen. Gut, dass ich außer mein Gewicht zu reduzieren, nichts Anderes vorhabe. Ich könnte es vermutlich nicht wirklich gut. War früher meine Ausrede das Übergewicht, tritt nun der Nahrungsmangel an diese Stelle. Aber es wird sich alles einrenken. Das wurde mir versichert und ich glaube daran.
Eigentlich auch mal schön, keine großartigen Gedankensprünge vollführen zu können. Aber die Nerven liegen teilweise wahrlich blank. Bei allem Humor – am Abend würde mein gefrusteter Geist seinen Fett-und-Zucker-Mangel gerne in handgreiflicher Art und Weise an den Abendbuffet-besuchern auslassen. Wenig später, tun mir die Leute schon leid. Da hängt ihr Leben an einem kleinen Stückchen Vernunft und Willen eines übergewichtigen Metabolikers. Und das Alles nur für ein paar Kohlenhydrate. Keine Sorge, noch bestand keine akute Gefahr. Die Stimmungsschwankungen sind mir bis heute nicht aufgefallen und jetzt da ich darüber nachdenke, da lassen sie mich nicht los.
Wenn es an die Fettschicht geht, an die eigene Schutzschicht, an den Wall an angegessenem Stacheldraht aus Zucker und Fett, dann geht es tatsächlich ans Eingemachte. Gerade noch glücklich und zufrieden – ja es war ein Irrglaube, aber er hat funktioniert – schon werde ich täglich weniger. Muss meine Gefühle aushalten, ohne Essen als Problemlöser. Kraft für Aggressionen und Sport als Therapieform habe ich auch keine. Was bleibt von mir übrig? Traurig. Ein bisschen verzweifelt und dann voller Selbstzweifel.
Minutenspäter Alles wieder anders. Ich fühle mich wunderbar, voller Elan und Energiegeladen. Fröhlich und glücklich, über den täglichen Gewichtsverlust. Nun weiß ich auch was Stimmungsschwankungen sind. Hätte ich nicht unbedingt wissen müssen, aber gut. Wird schon was bringen für die Zukunft. Wenn nicht, hat es auch nicht geschadet. Und dann schaue ich aus dem Fenster sehe die Sonne, das Frühlingsgrün und sehe ich mit 30 Kilogramm weniger nackt über grüne Wiesen laufen. Ob ich um meinen Geisteszustand bangen muss?
Schon wieder ein Anfall von Selbstzweifel? Plötzlich klingelt der Wecker. Essenszeit!! Schön, dass ich derzeit keine anderen Sorgen habe, als pünktlich zum Essen zu kommen.
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