• vom 06.03.2012, 11:30 Uhr

Religion im Blick


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Wie viel hat Moral mit Religion zu tun?




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Von Heiner Boberski

  • Religion im Blick
  • Es wäre in Österreich längst an der Zeit, einen verbindlichen Ethik-Unterricht einzuführen.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor. Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Ein Empfinden für Moral ist nur bei 21 Prozent der Österreicher stark ausgeprägt, bei 17 Prozent hingegen kaum vorhanden. Das ergab eine vorige Woche vom Linzer Spectra-Institut veröffentlichte Studie. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass relativ viele Mitbürger bestimmte Verstöße gegen gesellschaftliche Spielregeln nicht besonders verwerflich oder gar bestrafenswert finden, zum Beispiel Schwindeln bei einer Schularbeit, aber auch bei der Steuererklärung, maßvolle Überschreitungen von Tempolimits, Kleinigkeiten im Supermarkt mitgehen lassen, Schwarzarbeit beim Häuselbauen oder Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wo sich die relative Milde der Mehrheit der Befragten aufhörte, das waren Schmiergeldzahlungen, Doping oder das illegale Beschäftigen von Arbeitern durch Unternehmer.

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Wie viel hat Moral mit Religion zu tun? Dass in der Geschichte der Niedergang von Moral häufig mit dem Niedergang von Religion einherging, ist nicht von der Hand zu weisen und kein Wunder. Denn Moral bezieht sich begrifflich auf die Sitten (mores) in einer Gesellschaft, und in der Regel propagiert die vorherrschende Religion ganz bestimmte sittliche Verhaltensweisen und ethische Werte. Sinkt das Ansehen der Religion - wenn der Glaube an die von ihr verkündeten Lehren oder das Vertrauen in ihre Repräsentanten schwinden -, verkommen auch die auf ihren Lehren beruhenden Sitten, und eine anders hergeleitete, weitgehend anerkannte Moral bildet sich nicht so schnell.

Auf das katholische Christentum in den Industrieländern bezogen gibt es die These, die Enzyklika "Humane vitae" von 1968 habe einen solchen Ansehensschwund bewirkt. Viele Menschen hätten das vatikanische Verbot von Verhütungsmitteln nicht nachvollziehen können, und das habe zur Meinung geführt: Wenn die Kirche in diesem Punkt etwas nicht Akzeptables lehrt, was stimmt womöglich noch in ihrer Lehre nicht? Faktum ist, dass seit 1968 (das mag aber auch oder vielleicht sogar noch mehr an der allgemeinen Umbruchstimmung in diesem Jahr liegen) das Vertrauen in kirchliche Lehren und das Befolgen kirchlicher Gebote stark gelitten hat. Kirchliche Äußerungen werden heute in der Öffentlichkeit prinzipiell zunächst auf ihren Gehalt an Moralinsäure untersucht.

Wenn das Empfinden für Moral sinkt, erfolgt zwar gern der Ruf zur Rückkehr zur Religion, aber damit ist es sicher nicht getan. Wer soll diesen Ruf befolgen, wenn er sonst mit Religion nichts anfangen kann? Ist es nicht ein grobes Missverständnis von Religion, wenn man sie in erster Linie als Moralhüterin auffasst und ihren Versuch einer Weltdeutung und Sinnstiftung kaum wahrnimmt? Und muss eine Gesellschaft, die auch religiös zunehmend pluralistisch geworden ist, ihre Ethik oder Moral, also die sie zusammenhaltenden Spielregeln (die über die reine Gesetzgebung hinausgehen müssen), nicht ohne Hilfe der Religionen entwickeln und verbreiten können?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2012-03-05 18:17:21
Letzte Änderung am 2012-03-06 11:07:10


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