• vom 06.04.2012, 20:45 Uhr

Religion im Blick

  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Religion im Blick

Wem religiöser Gehorsam gebührt


Von Heiner Boberski

  • Der Papst fordert Gehorsam ein, was die "Ungehorsamen" nicht aufregt.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor. Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

"Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck." Der Satz aus Friedrich Schillers Ballade "Der Kampf mit dem Drachen" ist symptomatisch für ein lange Zeit dominierendes Denken in den höheren Kreisen der katholischen Kirche. Was nicht von oben angeordnet oder zumindest abgesegnet ist, sollte nicht geschehen. Das fördert nicht unbedingt Aktivität und Eigenverantwortung der Katholiken, sondern lässt sie zunächst einmal schauen, wie sich die Bischöfe in einer heiklen Situation verhalten. Im Umgang mit Diktaturen waren, wie sich gezeigt hat, anpassungsfähige Oberhirten und ihre Gefolgsleute meist auf der sicheren Seite, während jene, die mehr ihrem Gewissen als dem Vorbild der Kirchenführer gehorsam handelten, Verfolgung, Folter und Hinrichtung riskierten.

Werbung

Das Zweite Vatikanische Konzil - das 50-Jahr-Jubiläum seiner Eröffnung wird heuer im Herbst gefeiert werden - definierte in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" (Freude und Hoffnung) das Gewissen als "verborgenste Mitte" und "Heiligtum im Menschen", letztlich als Stimme Gottes und Gesetz, dem der Mensch gehorchen müsse. Laut katholischer Lehre muss sich ein "gebildetes Gewissen" natürlich am kirchlichen Lehramt orientieren, das heißt aber nicht, dass der Einzelne nicht zu anderen Schlüssen kommen darf, wenn er ehrlich davon überzeugt ist.

Kritisch wird es freilich, wenn eine ganze Gruppe einen "Aufruf zum Ungehorsam" startet, wie es im Vorjahr in Österreich geschehen ist. Mit dem bewusst gewählten Reizwort "Ungehorsam" haben die Initiatoren nicht nur die lokalen Kirchenoberen, sondern sogar die Zentrale in Rom aufgescheucht. Wurden andere kritische Aufrufe, etwa von kleineren oder größeren Theologengruppen, eher ignoriert - allenfalls verweigerte man den Unterzeichnern die Beförderung auf einen Lehrstuhl -, so nahm nun zum österreichischen "Ungehorsam" Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich Stellung. Just am Gründonnerstag, in einem der wichtigsten Gottesdienste des Jahres, fragte er in seiner Predigt rhetorisch: "Ist Ungehorsam wirklich ein Weg?"

Aus Sicht des Papstes ist er natürlich kein Weg, vor allem nicht ein Ungehorsam, der sich über "endgültige Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes hinwegsetzen soll wie zum Beispiel in der Frage der Frauenordination, zu der der selige Papst Johannes Paul II. in unwiderruflicher Weise erklärt hat, dass die Kirche dazu keine Vollmacht vom Herrn erhalten hat". Auf der anderen Seite gesteht er den Autoren des Aufrufs zu, "dass sie die Sorge um die Kirche umtreibt; dass sie überzeugt sind, der Trägheit der Institutionen mit drastischen Mitteln begegnen zu müssen, um neue Wege zu öffnen - die Kirche wieder auf die Höhe des Heute zu bringen".




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-06 17:17:07
Letzte Änderung am 2012-04-06 20:43:26


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Neulich hat ein Jungjournalist mit türkischen Wurzeln einen Auftrag für eine Geschichte abgelehnt. Sein Argument: Er wolle nicht in die...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Karlheinz Kopf ist Klubobmann der ÖVP.
  • Der Staat muss die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass es jeder durch Arbeit und Leistung zu Wohlstand bringen kann.
  • weiter

Annelies Vilim ist Geschäftsführerin des Dachverbands AG Globale Verantwortung (www.globaleverantwortung.at; www.mirwurscht.org).
  • Am 22. Mai stimmt der Nationalrat über das von der Bundesregierung vorgelegte Bundesfinanzrahmengesetz 2014 bis 2017 ab.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".
  • Hier handelt es sich um zwei Begriffe mit leicht divergierenden Bedeutungen, wobei Shoah immer häufiger verwendet wird.
  • weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter




Werbung




Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung