
"Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem ,bekennenden‘, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir." Was der deutsche Schriftsteller Martin Walser im November 2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" so formulierte und Ende August 2012 in einer Diskussion beim "Luzern Festival" bekräftigte, ließ manche aufhorchen.
Dass sich Personen des Kulturlebens über Gott äußern, ist heutzutage ja eher ungewöhnlich. Über Religion wird zwar heute viel, über Gott jedoch relativ wenig geredet, als ob beides gar nicht zusammen gehöre. Angesichts des Vordringens von Esoterik und Formen einer eher nebulosen, unter Anführungszeichen zu setzenden Spiritualität hat der Theologe Johann Baptist Metz schon vor Jahrzehnten einen Trend zur Haltung "Religion ja, Gott nein" geortet. So ganz ohne Mystik oder Gedanken an Transzendenz kommt der Mensch anscheinend nicht aus, aber ein höchstes Wesen in Form einer Person kann oder will sich so mancher gar nicht vorstellen.
Der moderne Mensch neigt dazu, sich wie John Lennon ("Imagine") vorzustellen, dass es weder Himmel noch Hölle und auch keine Religion gibt. "Gott ist tot" hat ja schon der - jetzt selbst mehr als 100 Jahre tote - deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche verkündet. Seine geistigen Erben haben in Teilen Europas - das wohl nur noch außerhalb davon, etwa in islamischen Ländern, als "christliches Abendland" angesehen wird - auf Autobussen plakatiert, dass es mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Gott gebe und man sein Leben genießen solle. Dieser Gottesleugnung liegt offenbar das fragwürdige - von moralinsauren Religionsvertretern mitgeprägte - Bild eines Gottes zugrunde, der dem Menschen keine Freiheit und keine Lebensfreude gönnt.
Die Zahl der "bekennenden" und vielleicht sogar militanten Atheisten hält sich ja, obwohl sie in den meisten Ländern zu steigen scheint, noch in Grenzen, doch dazu kommt die Zahl jener, die sich allem Anschein nach über eine mögliche Existenz Gottes gar keine Gedanken machen. Natürlich gibt es immer noch viele, für die Gott als Schöpfer, Lenker und Vollender dieser Welt selbstverständlich ist. Doch es gibt auch jene, laut einer neuen Gallup-Studie sind es in Österreich 43 Prozent, die sich als nicht religiös verstehen. Die einen von ihnen propagieren offen die Nicht-Existenz Gottes - die Umfrage erhob in Österreich rund zehn Prozent überzeugte Atheisten - und gehen dementsprechend auf Konfrontation zu den Religionen, die anderen leben dahin, als ob es Gott nicht gebe, als ob er ihnen jedenfalls nicht abgeht.
Bei Menschen wie Martin Walser ist das offenbar anders. Der Glaube an Gott ist ja nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens. Viele vermögen zum Beispiel nicht zu glauben, dass eine positive höhere Macht das immer wieder auftretende Böse, bestialische Verbrechen, Kriege mit ihren Gräueln, aber auch verheerende Naturkatastrophen oder heimtückische Krankheiten zulassen kann. Für sie liegt der Schluss nahe: Sollte tatsächlich ein höheres Wesen existieren, so sind wir allem Anschein nach für dieses nur Experimentiermaterial, aber ein barmherziger, liebender, väterlicher Gott, wie ihn etwa das Christentum verkündet, ist nicht erkennbar.
Vielen Menschen "fehlt" also einer, der auf diesem Planeten für Gerechtigkeit und liebevollen Umgang miteinander, für das Verhindern von Katastrophen und Leid, mit einem Wort: für Ordnung und Sicherheit sorgt - und zwar wirklich und nachhaltig, nicht nur in Worthülsen wie ein Politiker. Ein solcher Gott müsste allerdings auch sehr häufig und immer wieder in die Freiheit von uns Menschen eingreifen, weil wir das Leben oft ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen oder auf die uns umgebende Natur genießen wollen, weil wir nie zufrieden sein und nie genug haben können. Der Missbrauch von Freiheit war ja, wenn man der Bibel folgt, auch der Grund dafür, warum die ersten Menschen aus dem Paradies, wo noch alles in Ordnung war, vertrieben wurden.
Sollte Gott, so er existiert, sich ständig bemerkbar machen und das Weltgeschehen steuern? Ein Nachweis, dass es Gott gibt, wäre, so der Physiker Anton Zeilinger unlängst in einem Interview, das Ende von Religion: "Dann wäre das In-die-Kirche-Gehen nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern des beinharten Kalküls."
"Gott hat keine anderen Hände als unsere" schrieb die evangelische feministische Theologin Dorothee Sölle. Wem Gott nicht abgeht, der mag weitermachen wie bisher, gerade aber derjenige, dem Gott "fehlt", ist aufgerufen, sich selbst um die Verbesserung der Zustände auf dieser Welt zu mühen und dabei die Suche nach Gott und die Hoffnung, ihn eines Tages doch zu finden, nicht aufzugeben.