
"Fressen die Alten den Kuchen weg? Das Alter neu denken" lautet der Titel einer Veranstaltung, die am 1. Oktober 2012 im österreichischen Parlament stattfindet. In der Ankündigung findet sich neben Fragen wie "Tickt die Zeitbombe der Vergreisung? Droht eine Altenschwemme?" auch die Aussage: "Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Wer aber die Seniorinnen und Senioren hat, hat die Mehrheit." Damit ist schon gesagt, worauf der demografische Trend in unseren Breiten hinauslaufen könnte: auf eine Diktatur der Alten.
Als einer, der sich selbst dem Pensionsalter nähert, finde ich diese Entwicklung, obwohl sie meiner Altersgruppe auf den ersten Blick weiter Macht und Einfluss sichert, nicht unbedingt wünschenswert. Es liegt natürlich nahe, sich den Lebensabend und wohlverdienten Ruhestand angenehm zu gestalten - doch unter Umständen geht das auf Kosten der folgenden Generationen, die horrende Pensionen finanzieren müssen, ja auch zu Lasten der in fernerer Zukunft noch dringend benötigten Ressourcen unseres Planeten. Der Raubbau ist ja in vollem Gange - und daran sind nicht nur die älteren, sondern auch die jüngeren Semester beteiligt.
Der berühmte Generationenvertrag wird zunehmend zu einer kaum tragbaren Bürde für die jüngeren Generationen. Eine der ältesten Ausformungen dieses Vertrags findet sich übrigens in einem religiösen Gebot, nämlich im vierten des Dekalogs: "Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." Weniger der kindliche Gehorsam Halbwüchsiger wird damit eingefordert, sondern die Versorgung der Alten, zu denen man ja auch einmal zählen wird.
Wenn Religion nicht nur Jenseitsvertröstung bedeuten soll, muss es ihr ja auch um das Miteinander im Diesseits und damit um soziale Gerechtigkeit gehen. Insofern kann es nicht verwundern, wenn sich religiöse Kreise zur demografischen Entwicklung Gedanken machen, damit die Jungen nicht nur auf die (zweifellos in vielen Fällen vorhandene) Großzügigkeit der Alten angewiesen sind, wenn sie ihren Anteil am Kuchen haben wollen. Als Optimist darf man auch darauf hoffen, dass eine Stärkung der Jungen einen positiven Effekt für die Zukunft hat: Die jüngere Generation - junge Eltern und ihre Kinder - müsste ein größeres Interesse daran haben, dass die Erde noch eine Weile lebenswert bleibt.
Ein Vorschlag in diese Richtung, über den man zumindest einmal ernsthaft diskutieren sollte, lautet: Kinderstimmrecht. Für Mechtild Lang, die Vorsitzende des Katholischen Familienverbandes der Erzdiözese Wien, ist es "zutiefst undemokratisch, ein Fünftel der Staatsbürger von der politischen Willensbildung auszuschließen". Ziel ist ein "Wahlrecht ab Geburt", das von den Eltern oder Sorgeberechtigten ausgeübt wird, bis die Kinder selbst ihre Stimme abgeben können. In der katholischen Kirche hat man seit Jahrzehnten positive Erfahrungen damit gemacht, wenn Pfarrgemeinderäte gewählt werden (zugegeben, das sind nicht gerade mächtige und einflussreiche Gremien).
Seit sich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) positiv zum Vorschlag Kinderstimmrecht geäußert hat, ist freilich sofort der übliche parteipolitische Kleinkrieg ausgebrochen. Gegen den Vorschlag spricht aus Sicht von Kritikern in erster Linie, dass es im Grunde auf ein "Elternstimmrecht" hinauslaufe (wobei womöglich die "selbsternannte Familienpartei" ÖVP die Chance auf zusätzliche Stimmen wittere), wobei keineswegs sicher sei, dass Eltern wirklich für ihre Kinder und deren Interessen abstimmen. Es sei nicht einzusehen, warum Familien (noch dazu, sagen einige, wo es immer mehr kinderreiche Familien mit ausländischen Wurzeln gibt) mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommen sollten als andere Bevölkerungsgruppen. Genau das ist aber in der jetzigen demografischen Situation die Frage: Wollen wir jene stärken, die durch ihre Entscheidung für Nachkommenschaft ihren Beitrag dazu leisten, dass dieser Staat überhaupt Zukunft haben kann, oder wollen wir die Diktatur der Alten - "Gerontokratie" würden Bildungsbürger sagen - in Kauf nehmen?
"Gebt den Kindern das Kommando!" forderte Herbert Grönemeyer in seinem Song "Kinder an die Macht". Davon ist ohnehin nicht die Rede, das Anliegen lautet nur: Gebt den Kindern eine Stimme!