• vom 25.07.2014, 10:00 Uhr

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Religion im Blick

Religion nur privat, aber nicht im Staat?




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Von Heiner Boberski

  • Das "Weltverbesserertum" gehört zum Kern von Glaubensgemeinschaften.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und Autor mehrerer Bücher (zuletzt mit Josef Bruckmoser "Weltmacht oder Auslaufmodell - Religionen im 21. Jahrhundert", Tyrolia Verlag)

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und Autor mehrerer Bücher (zuletzt mit Josef Bruckmoser "Weltmacht oder Auslaufmodell - Religionen im 21. Jahrhundert", Tyrolia Verlag)

Sofern Religionen nicht nur auf das Jenseits vertrösten, sondern auch Probleme im Diesseits angehen wollen, ist eine Verquickung von Religion und Politik sicher nie ganz vermeidbar. Versuche, Religion komplett in den Privatbereich zu verbannen, sind daher in der Regel zum Scheitern verurteilt. Genau das "Weltverbesserertum" von Glaubensgemeinschaften gehört oft zu ihrem Kern, mag es auch immer wieder zu Recht kritisierte, für eine aufgeklärte, humanistische Gesellschaft inakzeptable Blüten treiben. Das reicht im Extremfall bis zu Versuchen, mit Gewalt und Terror einen "Gottesstaat" einzurichten, in dem selbsternannte Führer, ob sie sich nun "Kalif" oder anders nennen, erzwingen wollen, was Menschen zu glauben und zu tun haben. Wenn sich hingegen friedliche religiöse Menschen und Gruppen mit ihren Werten in den politischen Dialog einbringen, kann das für eine Gesellschaft sehr positive Auswirkungen haben.

Die ausdrückliche Bindung hoher Staatsämter an eine bestimmte Weltanschauung ist auf jeden Fall problematisch. Der amerikanische Think Tank "Pew Research Center" hat kürzlich ermittelt, dass in 30 Ländern der Welt (das sind immerhin 15 Prozent) das Staatsoberhaupt religiöse Bedingungen erfüllen muss. Die Mehrheit davon, nämlich 17 Länder, ist muslimisch: Afghanistan, Algerien, Brunei, Iran, Jemen, Jordanien, Katar, Malaysia, Malediven, Mauretanien, Marokko, Oman, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Syrien und Tunesien. In Bhutan und Thailand muss ein buddhistischer Monarch regieren, in Andorra und im Libanon Vertreter des Christentums. Im mehrheitlich muslimischen Indonesien muss sich der Staatschef zur Ideologie "Pancasila" bekennen, die auf fünf Prinzipien beruht. Dagegen darf in Burma (Myanmar) der Präsident nicht Mitglied eines religiösen Ordens sein, in mehreren Ländern Lateinamerikas dürfen Kleriker nicht an Präsidentschaftswahlen teilnehmen: Bolivien, Costa Rica, El Salvador, Honduras, Mexiko, Nicaragua und Venezuela.


Bei 19 weiteren von den Pew-Forschern genannten Ländern haben die Staatsoberhäupter als eng mit den dortigen Mehrheitskirchen verbundene Monarchen religiöse Anforderungen zu erfüllen. Drei davon liegen in Skandinavien - Dänemark, Norwegen und Schweden -, wo die Könige früher auch an der Spitze der jeweiligen Staatskirche standen. 16 gehören zum britischen Commonwealth. Dessen höchste Repräsentantin, Königin Elisabeth II., ist noch Haupt der Anglikanischen Staatskirche und trägt den Titel "Defender of the Faith" (Verteidiger des Glaubens), der einst ihrem Vorfahren Heinrich VIII. vom Papst verliehen wurde (natürlich bevor Heinrich sich scheiden ließ und mit Rom brach). Der Vatikanstaat wird in dem Pew-Bericht übrigens gar nicht erwähnt.

Diesem Bericht zufolge, steht zumindest auf dem Papier in 85 Prozent aller Staaten der Erde das höchste Staatsamt Personen unabhängig von ihrer religiösen Einstellung offen. In den USA sind alle Arten von "Religionstests" als Qualifikation für den Eintritt in ein hohes Staatsamt laut Verfassung ausdrücklich verboten. Da es aber in einzelnen Bundesstaaten noch Bestimmungen gibt, die Nichtgläubige von hohen Ämtern fernhalten sollen, hat der Oberste Gerichtshof klargestellt, dass es unzulässig ist, von Amtsträgern ein Glaubensbekenntnis zu verlangen.

Zum Lenken eines Staates können sowohl gläubige als auch ungläubige Menschen geeignet sein, solange gegenseitige Toleranz vorhanden ist und nach weithin akzeptierten Regeln vorgegangen wird. Bei unterschiedlich denkenden Gruppen sind Angst voreinander und gegenseitiges Bekämpfen mit Sicherheit schädlich. Aus der Geschichte ist hinlänglich bekannt, welche Katastrophen sowohl fanatische Gläubige als auch areligiöse Diktatoren bereits ausgelöst haben. Würde man deshalb religiöse Menschen und Atheisten von der politischen Bühne verbannen, wäre diese nicht besser besetzt, sondern leer.




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Dokument erstellt am 2014-07-24 17:56:05
Letzte ─nderung am 2014-07-25 09:43:17



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