• vom 27.04.2012, 15:00 Uhr

Religion im Blick

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Religion im Blick

Starb Jesus "für alle" oder nur "für viele"?



Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor. Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

"Ehrfurcht der Kirche vor dem Wort Jesu, Treue Jesu zum Wort der ,Schrift‘, diese doppelte Treue ist der konkrete Grund für die Formulierung ,für viele‘", schreibt der Papst als Begründung seiner eigenen Buchstabentreue. Dabei ist ihm sicher das Paulus-Wort geläufig: "Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig." (Zweiter Korintherbrief, 3, 6) Benedikt XVI. weist ja auch selbst auf mehrere Paulus-Stellen hin, die unmissverständlich ausdrücken, dass Jesus "für alle" gestorben ist. Und ihm ist zweifellos bekannt, dass in der Kirchengeschichte Zweifel am allgemeinen Heilswillen Gottes wiederholt als Häresie verurteilt wurden, zum Beispiel ein diesbezüglicher Lehrsatz des Jansenismus durch Papst Innozenz X. im Jahr 1653.

Im Klartext: Die Kirche lehrt seit jeher, dass durch das Kreuzesopfer Jesu potenziell "alle" gerettet sind. Benedikt XVI. weicht davon nicht ab, hebt jedoch nun hervor: "Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu ,vielen‘." Diese hätten eine besondere Berufung: "Wie der Herr die anderen - ,alle‘ - auf seine Weise erreicht, bleibt letztlich sein Geheimnis. Aber ohne Zweifel ist es eine Verantwortung, von ihm direkt an seinen Tisch gerufen zu sein, so dass ich hören darf: Für euch, für mich hat er gelitten. Die vielen tragen Verantwortung für alle."

Der Papst, der mit seinem Vorgehen erneut den Piusbrüdern und anderen Traditionalisten entgegenkommt, will offensichtlich keiner Mentalität Vorschub leisten, wie sie etwa in dem Lied "Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel" zum Ausdruck kommt. Das Heil werde nicht automatisch allen zuteil. Zugleich könnte aber, so fürchten Theologen, bei den Menschen, das Missverständnis entstehen, dass Christus gar nicht alle erlösen wollte. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat noch in seinem letzten Gründonnerstagbrief "pro multis" unmissverständlich mit "für alle" gedeutet und jenen, die hier eine "billige Gnade" befürchten, widersprochen: "Dieses Heil ist integral und gleichzeitig universal, damit es keinen Menschen gibt, der - wenn nicht durch einen freien Akt der Ablehnung - von der Heilsmacht des Blutes Christi ausgeschlossen bliebe."

Ob die vom Papst nun eingemahnte Katechese Priestern und Gläubigen im deutschen Sprachraum sein Vorgehen verständlich machen kann, bleibt abzuwarten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seine Argumentation nicht alle - aber vielleicht doch viele - überzeugt.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-27 13:59:04
Letzte Änderung am 2012-04-27 14:05:03


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