• vom 23.11.2014, 17:57 Uhr

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Update: 24.11.2014, 09:29 Uhr

Schach-WM

Carlsen bleibt Weltmeister




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Von Matthias van Baaren

  • Am Ende sollte die Experten recht behalten, die vor der WM meinten, das Match wird wieder den selben Sieger haben wie ein Jahr zuvor, wenn auch mit einem knapperen Ergebnis.

Am späten Abend des 22. Novembers 2013 kam es im gediegenen Luxus Hotel Hyatt Regency im indischen Chennai zu tumultartigen Szenen. Eine Schar aufgekratzter Norweger warf gerade einen jungen Mann, inklusive Hemd und Hose in den nächtlichen Hotel-Pool. Doch der wehrte sich kaum.

Der junge Mann war Magnus Carlsen und hatte sich soeben nach einem Remis in der zehnten WM-Partie vorzeitig zum 16. Schach-Weltmeister der Geschichte gekürt. Als Carlsen nach einer Sekunde unter Wasser wieder auftauchte passierte etwas logisches und gleichzeitig sehr unerwartetes.

Information

Partie 11:
Magnus Carlsen – Viswanathan Anand  1 : 0
WM Endstand:
Magnus Carlsen 6½ – Viswanathan Anand 4½


Der neue Weltmeister reckte im klatschnassen Anzug seine Arme gen indischen Sternenhimmel und stieß einen Freudenschrei aus. Logisch, weil man dies erwarten kann von einem frischgebackenen Weltmeister, und ein doch eher ungewohntes Bild in der sonst so kontrollierten Schachwelt. Aber in dieser feucht-fröhlichen indischen Nacht sah man für einen kurzen Moment tiefste Erleichterung im Gesicht des neuen Weltmeisters. Carlsen, der, wenn überhaupt, höchstens mal verhalten schmunzelt, verbarg hier seine Emotionen nicht. Er, der sonst jede Gefühlsregung nur unter Vorbehalt freigibt, dieser Magnus Carlsen lässt uns nun für den Bruchteil einer Sekunde direkt in seine Seele blicken. In diesem kurzen Moment wurde klar, welche enorme Last auf den Schultern des Norwegers gelegen haben muss. Und wie groß die Freude war, sich von dieser befreit zu haben.

Ein Jahr und einen Tag später sitzt Magnus Carlsen wieder an einem Schachbrett, wieder bei Weltmeisterschaften, wieder Vishy Anand gegenüber. Doch inzwischen sind die beiden bereits bei Partie elf angelangt. Und Magnus Carlsen ist zwar einen Punkt voran, aber noch lange nicht im Hotel-Pool. Mit einem Sieg in der heutigen Partie könnte sich dies aber schlagartig ändern, denn dem Titelverteidiger fehlt nur noch ein Punkt. Anand fehlt ebenfalls ein ganzer Punkt, allerdings um auszugleichen. Einen Punkt den der Inder heute oder spätestens Dienstags holen muss, um sich noch in die Verlängerung kommenden Donnerstag zu retten.

Eine Situation, die wieder für die sehr Remis-Sichere Berliner-Verteidigung sprechen würde, denn die Müdigkeit und das Nervenkostüm der beiden Protagonisten bekommt nun eine immer größere Bedeutung. Und mit einem weiteren Remis wäre beiden Spielern mehr geholfen als es ihn schaden würde. Carlsen will und muss nichts mehr riskieren, und Anand will heute nicht zu viel riskieren um am kommenden Dienstag noch einmal alles riskieren zu können. Und so war dann auch niemand überrascht als bald tatsächlich die Berliner-Verteidigung am Brett stand. Anand weicht zwar nach dem Damentausch mit dem neunten Zug – Läufer auf d7 – etwas ab, trotzdem wurde die übliche, super solide Berlin-Situation geschaffen. Und bald ist das Spiel so ausgeglichen, dass der größte Unterschied, von dem man berichten konnte, darin besteht, dass Carlsen seinen Orangensaft aus der Flasche und Anand aus dem Glas trinken. Das erwartete, erneut schnelle Remis liegt bereits in der Luft, als sich Anand scheinbar plötzlich denkt: "Warum nicht heute schon etwas wagen?!"

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Dokument erstellt am 2014-11-23 18:00:47
Letzte ńnderung am 2014-11-24 09:29:50



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