• vom 20.01.2017, 17:30 Uhr

Vor Gericht

Update: 23.01.2017, 15:11 Uhr

Gerichtsreportage

"Das ist nur Ketchup"




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Von Daniel Bischof

  • Prozess um Frau, die auf ihren Mann eingestochen haben soll. Es sei Notwehr gewesen, sagt sie. Ihr Mann habe sie zuvor jahrelang misshandelt.

Wien. Als Liebesbeziehung hatte es begonnen, als Drama endete es. Gemeinsam sitzt ein junges Ex-Paar im Verhandlungssaal 105 des Straflandesgericht Wien auf der Anklagebank. Während der Mann auf den Boden blickt, starrt die Frau geradeaus. Augenkontakt vermeiden sie. Mit ruhiger Stimme geben sie dem Vorsitzenden des Schöffensenats, Richter Philipp Schnabel, über ihre Personalien Auskunft. Emotionen zeigen sie anfangs keine.

Von Eifersucht, Enttäuschung und Wut wird in der Verhandlung hingegen oft geredet. Jahrelang sollen die zwei gestritten haben, auch zu Gewalttätigkeiten soll es gekommen sein. So auch am 18. April 2016. An diesem Tag soll die 28-jährige Frau ihrem Mann einen beinahe tödlichen Messerstich versetzt haben. Sie ist wegen absichtlich schwerer Körperverletzung angeklagt. Der Mann soll die Frau zuvor jahrelang misshandelt haben. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft fortgesetzte Gewaltausübung vorgeworfen.

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"Das war eine Notwehrsituation, wie sie im Buche steht", sagt Christian Werner, der Verteidiger der Frau. Der Mann habe seiner Mandantin immer wieder ins Gesicht geschlagen, sie gebissen, auf sie eingetreten: "Es war öfters notwendig, dass man sie im Spital behandelte." Am Vorfallstag sei es "wieder mal so weit" gewesen. "Was muss sich eine Frau eigentlich noch gefallen lassen?"

Vier Monate in U-Haft
Gegen die Frau, die zugibt, zugestochen zu haben, wurde anfangs wegen versuchten Mordes ermittelt. Vier Monate saß sie in Untersuchungshaft. Vor Gericht bekennt sie sich nicht schuldig. Während ihrer Vernehmung schaut der Mann zumeist auf seine Schuhe. Nur manchmal schüttelt er den Kopf und starrt sie an.

Im August 2011 habe sie ihn kennengelernt, rasch sei man zusammengekommen, erzählt die Frau. Zwei Monate danach sei sie schwanger geworden. Man habe beschlossen, das Kind zu behalten. Alsbald seien Probleme aufgetreten: "Er war ständig weg." Der erste Vorfall sei im Juni 2012 gewesen. "Er hat an meinen Haaren gezogen und den Babybauch eingequetscht." Alle zwei bis drei Monate sei es dann zu gröberen Misshandlungen gekommen. "Einmal hat er mir mit seinem Daumen ins Auge gedrückt. Ich habe gedacht, ich werde blind."

Im Vorfeld des Messerstiches sei ihr Mann beleidigt gewesen, sagt die 28-Jährige. Sie habe sich ins Bett im Gästezimmer gelegt. Daraufhin sei er hereingekommen und habe gesagt: "Na, wo willst jetzt hingehen?" Er habe sie beschimpft, am Zopf festgehalten und mit der Faust in den Rücken geschlagen. "Mir ist schlecht geworden. Ich habe die Panik bekommen." Sie sei zur Küche gerannt. "Ich habe nicht mehr gewusst, wie ich mir helfen soll. Ich wollte keine Schmerzen mehr." In die Ecke gedrängt, habe sie ihm mit einem Küchenmesser einmal unter die rechte Achsel gestochen. Aufgrund des enormen Blutverlustes war die Verletzung lebensbedrohlich. Umgehend verständigte die Frau die Rettung und leistete Erste Hilfe.

"Beiderseitiger Kampf"
Bei seiner Vernehmung bekennt sich der 30-jährige Mann ebenfalls nicht schuldig. Der Vater des Mannes ist ein hoher Wiener Stadtpolitiker. Diesen Umstand spricht Verteidiger Werner an. Seiner Mandantin sei zu verstehen gegeben worden, dass der Vater Probleme seines Sohnes "richten werde können", so Werner.

"80 Prozent von dem, was ich gehört habe, ist erfunden", sagt hingegen der Mann. Seine Ex-Partnerin sei ständig eifersüchtig gewesen und habe ihn provoziert. "Es war ein beiderseitiger Kampf", sagt er über die Gewalttätigkeiten. "Rangelein sind bei uns durch die Wohnung gegangen." Bei all den Vorfällen habe er nie zuerst Gewalt angewendet.

Im Gerichtsakt befinden sich Fotos, welche die Frau mit einem blauen Auge zeigen. Darauf angesprochen, sagt der 30-Jährige: "Ich war mit ihr spazieren." Sie habe ihm gesagt, dass sie das Auge von einem schnalzenden Ast davongetragen habe. Die Frau schüttelt bei dieser Aussage den Kopf. Am Tag der Messerattacke sei seine Frau eifersüchtig und aggressiv gewesen. Sie sei aus dem Gästezimmer gestürmt, habe das Messer gezogen und sei schnurstracks auf ihn los. Sein Sohn habe gesehen, wie er in der Blutlache liege. "Ich habe zu ihm gesagt: Das ist nur Ketchup."

Ein Urteil gab es am Freitag noch nicht. Zur Einvernahme zahlreicher Zeugen wurde die Verhandlung auf den 10. März vertagt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-20 17:35:08
Letzte ─nderung am 2017-01-23 15:11:03



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