• vom 23.02.2017, 17:21 Uhr

Vor Gericht

Update: 23.02.2017, 17:59 Uhr

Gerichtsreportage

"Ich wollte es einmal ausprobieren"




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Von Daniel Bischof

  • Am zweiten Verhandlungstag um eine Gruppenvergewaltigung geht es auch um irakische Erbstreitigkeiten.

Am Wiener Schwedenplatz soll sich die inkriminierte Tat in der Silvesternacht 2015 ereignet haben. - © imago stock&people

Am Wiener Schwedenplatz soll sich die inkriminierte Tat in der Silvesternacht 2015 ereignet haben. © imago stock&people

Wien. So gleich und doch so ungleich. Neun Männer sind es, die sich in diesen Tagen vor dem Straflandesgericht Wien vor einem Schöffensenat verantworten müssen. Ihnen allen legt die Staatsanwaltschaft die Verbrechen der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs einer wehrlosen Person zur Last. Sie sollen zu Silvester 2015 den stark betrunkenen Zustand einer deutschen Touristin ausgenützt haben, um sich in einer Wohnung in Wien an ihr zu vergehen.

Einheitlich mögen zwar die Tatbestände sein, die den Angeklagten vorgeworfen werden. Doch in ihrem Verhalten und ihren Aussagen unterscheiden sich die Männer gewaltig. Am ersten Verhandlungstag am Dienstag - die "Wiener Zeitung" berichtete - gestand etwa ein aufgelöster Angeklagter unter Tränen: "Ich schäme mich vor meiner Familie." Er gab zwar zu, mit der Frau geschlafen zu haben, sie habe das aber gewollt.

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Ganz anders verhält sich am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag, der 23-jährige Drittangeklagte. Ruhig dasitzend, unaufgeregt und in monotoner Stimmlage, schildert er, was in der inkriminierten Nacht in seinem Kopf vorging. "Warum gehen Sie in ein Zimmer, wo eine Frau leblos daliegt, die Sie nicht kennen?", fragt die vorsitzende Richterin Petra Poschalko ihn. "Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen und wollte es einmal probieren", erklärt er. Ein Freund habe ihn gefragt, ob er mit der Frau schlafen wolle: "Deswegen habe ich das gemacht." Das Gesicht der Frau habe er nicht erkannt, weil es so dunkel gewesen sei.

"Haben Sie überlegt, ob die Frau das vielleicht nicht will?" - "Wenn die Frau den Beischlaf verweigert hätte, hätte ich nicht mit ihr geschlafen." Die Frau hätte ihn umarmt und sein Gesicht zu ihrem Geschlechtsteil gezogen.

"Ich habe gehustet"
Der 27-jährige Siebtangeklagte ist emotionaler, er gestikuliert wild, wird teilweise lauter, einmal unterbricht er gar die Richterin: "Ja, ja. Warten", sagt er zu ihr. Poschalko ermahnt ihn: "Nichts warten. Sie beantworten die Fragen." Er habe die Frau nie angerührt, behauptet er. "Wie kommen dann Ihre DNS-Spuren auf den Hals und den Kopf des Opfers?", fragt Poschalko. "Ich habe gehustet oder genießt." "Haben Sie sie vielleicht geküsst?" - "Ich bin Moslem. Ich bete. Ich trinke keinen Alkohol. Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen. Von Vergewaltigung kann keine Rede sein."

Es sei mit seinem Glauben nicht vereinbar, eine Frau in eine fremde Wohnung zu bringen. Der Mitangeklagte, der ihn belastete, lüge: "Er war stark betrunken."

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Dokument erstellt am 2017-02-23 17:27:05
Letzte Änderung am 2017-02-23 17:59:04



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