• vom 06.03.2017, 19:31 Uhr

Vor Gericht


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"Schnapsidee" und "Sonderzug"




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Von Daniel Bischof

  • 960 Euro Strafe muss ein Ex-Mitarbeiter der Wiener Linien zahlen, der im Jänner eine Straßenbahn "entführt" hatte.

- © Fotolia/Kisa_Markiza

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Wien. Was er denn in der Nacht getrunken habe, wird Herr K. vom Richter gefragt. K. überlegt. Einige Caipirinhas und fünf Bier seien es gewesen. "Große?", erkundigt sich der Richter. "Natürlich große!", schießt es aus dem Angeklagten heraus. Auch ein "paar Nussschnapserl" seien zwischendurch konsumiert worden, sagt der 36-Jährige.

Von einer "Schnapsidee" hatte zuvor schon seine Verteidigerin gesprochen. Ihr Mandant hat - laut dem rechtskräftigen Urteil - am 21. Jänner 2017 um acht Uhr vormittags in Wien-Liesing eine Straßenbahn unbefugt gebraucht. K. war mit anderen Fahrgästen mit einer Garnitur der Linie 60 bis zur Endstelle Rodaun gefahren und dann ausgestiegen. Auch der Fahrer verließ die Bim, um aufs Klo zu gehen. Vorschriftsgemäß verriegelte er die Fahrertür. Als er von der Toilette wiederkam, war die Straßenbahn weg. K. hatte sie gekapert. Nach zwei Stationen nahm die Fahrt ihr Ende. Verletzt wurde dabei niemand. Am Montag hatte sich K. wegen des Vorfalls vor dem Straflandesgericht Wien (Einzelrichter: Roman Palmstingl) zu verantworten.

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"Pulver verwechselt"
Der Angeklagte zeigte sich vor Gericht geständig: "Ich verantworte das. Es war eine Blödheit". Den Abend vor dem Vorfall habe er mit Freunden seinen Geburtstag nachgefeiert. Bei der Feier sei reichlich Alkohol konsumiert worden. Bereits die ganze Woche zuvor habe er Zahnschmerzen gehabt. Er habe daher nach der Feier ein Schmerzmittel nehmen wollen. Dabei habe er aber ein anderes Medikament erwischt.

"Ich hab die Pulver verwechselt. Die schauen ziemlich gleich aus." Er sei "ziemlich durch den Wind gewesen" und "habe einen Filmriss gehabt". "Es fehlen ein paar Teile." Von der Sache habe er am nächsten Tag im Radio gehört. "Ich dachte mir: Na servas", sagte der Angeklagte.

K. war fünf Jahre lang Straßenbahnfahrer bei den Wiener Linien. Derzeit ist er ohne Beschäftigung. In die Fahrerkabine kam er durch einen Aktivierungsschlüssel, den er eigentlich nicht mehr besitzen hätte dürfen. "Offiziell hat man nur einen", erklärte er. Allerdings habe er auch einen zweiten gehabt, den er seinerzeit von seinem Teamleiter ersatzweise bekommen habe. Als er das Unternehmen verließ, gab K. nur einen Schlüssel ab. Den zweiten Schlüssel habe er am Vorfallstag zufällig mitgehabt.

"Fahren habe ich immer können", sagte er über den Zustand, in dem er gewesen sei. Sogar eine Durchsage habe er gemacht, als eine Passagierin einsteigen habe wollen: "Sonderzug, bitte nicht einsteigen!". "Also haben Sie das Hirn schon eingeschalten gehabt?", fragte der Richter. Ja, Routine sei es gewesen, meinte K., dessen Stammlinie der 60er war. Gefährdet habe er niemanden.

"Ich bin auch bei Rotlicht stehen geblieben", gab er an. Die Fahrt habe er zudem freiwillig abgebrochen. Die Wiener Linien hatten behauptet, die Fahrt durch Abdrehen der Stromzufuhr aufgehalten zu haben, nachdem der Straßenbahnfahrer die "Entführung" gemeldet hatte. "Der Strom ist überhaupt nicht abgedreht worden", widersprach K..

Auch der Straßenbahnfahrer wurde vor Gericht als Zeuge befragt. "Es war Samstag in der Früh. Ich bin die Runde von der Kennedybrücke bis nach Rodaun gefahren", schilderte er. Vorschriftsgemäß habe er die Bim abgestellt. "Ich war auf der Toilette. Ich habe gemerkt, dass sich ein Zug bewegt." Zügig sei die Straßenbahn unterwegs gewesen, er habe sich gedacht, dass es der Folgezug eines Kollegen sei.

Während der Verhandlung wurde viel über den Zweitschlüssel geredet. Das ist rechtlich von Bedeutung. Hätte K. den Zweitschlüssel widerrechtlich erlangt - etwa durch unbefugtes Nachmachen - wäre der Tatbestand (der unbefugte Gebrauch eines Fahrzeuges) qualifiziert gewesen. K. hätte dann eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe gedroht. Da das Gericht aber annahm, dass er den Zweitschlüssel nicht widerrechtlich erlangt hat, war der "normale" Strafrahmen ausschlaggebend: Eine Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder eine Geldstrafe.

Der Richter entschied sich für eine Geldstrafe - 960 Euro muss K. zahlen. Im Nichteinbringungsfall muss er eine Ersatzfreiheitsstrafe von 120 Tagen absitzen. Sowohl die Staatsanwältin als auch K. gaben einen Rechtsmittelverzicht ab. Damit ist das Urteil bereits rechtskräftig.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-06 17:14:05
Letzte ─nderung am 2017-03-06 17:18:43



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