• vom 18.05.2017, 19:15 Uhr

Vor Gericht


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"Das ist ein junger, dummer Junge"




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    Wien. (dab) Es fließen Tränen. Bei allen Beteiligten kommen die Gefühle hoch. Einige Angehörige versammeln sich um den Angeklagten. Für fünf Minuten wurde der Strafprozess zuvor unterbrochen. Aufmunternd sprechen sie auf den in Untersuchungshaft befindlichen Mann ein. Die Justizwachen zeigen sich gnädig. Sie erlauben es den Angehörigen, den Häftling kurz zu umarmen. Es ist der erste enge körperliche Kontakt zwischen dem Freien und den Unfreien. Seit fast acht Monaten befindet sich der 21-jährige Mann in Wien in Haft. Er soll am 29. September 2016 mit einem Auto im Kreuzungsbereich Laxenburger Straße - Quellenstraße gezielt auf drei Menschen zugerast sein. Dabei soll er laut "Allahu Akbar" geschrien haben. Eine rote Ampel soll er ignoriert haben. Nur mit einem Hechtsprung soll sich ein 53-Jähriger gerade noch gerettet haben. Monatelang war gegen den Angeklagten wegen versuchten Mordes und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermittelt worden. Die Terrorvorwürfe wurden während des Ermittlungsverfahrens aber fallengelassen. Am Mittwoch startete der Geschworenenprozess (Vorsitz: Martina Krainz), der zu Beginn auch gleich mit einer großen Überraschung aufwartete: Zwei Zeugen, die den Angeklagten bisher schwer belastet haben, änderten ihre Aussagen teils gravierend ab. "Er (Anm.: der Angeklagte) wollte mich sicher nicht töten", meint der 53-Jährige, der angeblich fast angefahren worden sein soll. Vor der Polizei hatte er noch behauptet, dem Fahrer sei es "egal gewesen, wenn er jemanden tötet". Möglicherweise habe er selbst bei Rot die Kreuzung überquert, sagt der Zeuge nun. Praktisch sei er schon auf der Verkehrsinsel gewesen, als sich das Auto seitlich seinem Rücken genähert habe. Mit einem schnellen Sprung habe er sich auf die Insel gebracht, da er Angst gehabt habe. "Ich verzeihe ihm alles. Das ist ein junger, dummer Junge", hält er fest. Eine weitere Zeugin revidierte ebenfalls ihre Aussage. Die Frau kennt den 53-Jährigen von einer Notschlafstelle für Obdachlose, die er betreibt. Der Mann sei jemand, der sich gerne wichtig mache. Sie sei zum Zeitpunkt des Vorfalls obdachlos und Alkoholikerin gewesen und habe Psychopharmaka genommen. Eine bipolare Persönlichkeitsstörung und manische Depression seien bei ihr diagnostiziert worden. "Es war mir eigentlich alles wurscht", sagt sie. Bei der polizeilichen Aussage sei sie total betrunken gewesen und habe sich eine Gaudi mit den Polizisten machen wollen. Als der beisitzende Richter Christoph Bauer darauf hinweist, dass die Polizei zu ihrem Zustand nichts protokolliert habe, relativiert die Zeugin ihre Aussage wieder. Sie habe damals alkoholmäßig schon sehr viel ausgehalten. Sie habe bei der Polizei das ausgesagt, was ihr der 53-Jährige eingetrichtert habe. Die Situation sei bei Weitem nicht so brenzlig gewesen wie bisher dargestellt. "Der war nie so nahe beim Gehsteig", sagt sie. Der 53-Jährige habe nur einen "kleinen Hupfer" machen müssen. Heute schäme sie sich für ihr Verhalten. "Und da sind Sie nicht auf die Idee gekommen, das irgendwann jemanden zu sagen?", fragt Bauer. Er verweist darauf, dass der Angeklagte sich seit Monaten in Untersuchungshaft befinde. "Ich habe nicht gedacht, dass ich so ernst genommen werde? Was hätte ich tun sollen. Zur Polizei gehen?". "Ja und sagen, dass Sie gelogen haben", rügt Bauer die Zeugin. "Es ist mir absurd vorgekommen, dass ich überhaupt verhaftet werde", erklärt der Angeklagte. Er sei gerade von der Moschee gekommen und sei in der Gegend auf der Suche nach einem Parkplatz gewesen. Lediglich eine Pizza habe er sich holen wollen. Zu schnell sei er nicht gefahren, auch habe er nicht geschrien. Vielmehr habe er bei einem Lied mitgesungen, bei dem die Zeile "Allahu Akbar" vorkomme. Die vernommenen Zeugen bestätigten übereinstimmend, dass der Angeklagte "Allahu Akbar" gerufen hat. Ein Polizist, der den Angeklagten festgenommen hat, meint: "Musik habe ich nicht wahrgenommen". Bei seiner Festnahme sei der 21-Jährige aufgebracht gewesen. "Ich mache das für Gott"; soll er etwa gerufen haben. "Er war komplett blass", schildert der Polizist. Zur Sicherheit habe man sogar die Rettung gerufen. "Ich habe mich nur aufgeregt, weil sie mich festgenommen haben", sagte der Angeklagte dazu. Während der Fahrt hat er noch sein Gebetstuch getragen. Dieses trage er sonst nur beim Beten. Damals habe er den Fehler gemacht, es nicht hinunter zu nehmen. Von radikalislamischen Strömungen halte er nichts. "Er ist ein liebenswürdiger Bua", meint sein Vater, der vor Gericht auch als Zeuge vernommen wird. Laut einem Aktenvermerk im Strafakt soll er den ermittelnden Beamten gesagt haben, dass sein Sohn einmal behauptet habe, "er habe Engel gesehen und könne selbst fliegen". "Sowas habe ich nie gesagt. Wo die das herhaben, weiß ich nicht", meint er nun vor Gericht.

    Auffallend sei gewesen, dass sein Sohn drei Monate vor dem Vorfall begonnen habe, sich mehr für den Islam zu interessieren. Der 21-Jährige mit türkischem Migrationshintergrund ist in Österreich geboren und aufgewachsen. Er schloss eine Lehre als Installateur ab und absolvierte seinen Wehrdienst. Zuletzt war er arbeitslos. Angeblich soll der 21-Jährige seinen Job verloren haben, weil er seine Arbeitskollegen in Glaubensfragen unter Druck gesetzt hat. Der Angeklagte bestreitet das. Die Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter hatte dem Angeklagten in ihrem Gutachten eine "problematische Persönlichkeitsstruktur" attestiert. Dem jungen Mann dürften auch bereits antipsychotische Medikamente verschrieben worden sein. Das seien Medikamente gegen Schlafstörungen, gab der Vater an. "Mein Mandant ist kein Mörder und hat auch nicht versucht, einer zu sein", sagt Verteidiger Wolfgang Blaschitz. Der Angeklagte hört aufmerksam zu, nickt und schaut die Geschworenen an. Der Peugot 206 mit dem sein Mandant unterwegs war, habe nur 70 PS und sei eine Schrottschüssel, fährt Blaschitz fort. Bei den jüngsten Terroranschlägen in Europa seien LKWs in belebten Gegenden als Waffen verwendet. Das sei hier nicht der Fall gewesen. Seinen Enthaftungsantrag weist der Richtersenat zurück. "Am dringenden Tatverdacht hat sich nichts Wesentliches geändert", begründete Richterin Krainz die Entscheidung. Der Hauptbelastungszeuge habe seine bisherigen Angaben "nicht so wesentlich abgeschwächt, dass sie eine Enthaftung rechtfertigen würden". Zu weiteren Zeugenbefragungen wurde die Verhandlung auf den 6. Juli vertagt.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-05-18 17:39:03
    Letzte ─nderung am 2017-05-18 17:59:37



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