• vom 19.09.2013, 17:26 Uhr

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Update: 19.09.2013, 17:51 Uhr

Thomas Hofer

Mythenbildung im Wahlkampf




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  • Irrtümer - vom Politikertraining bis zum faden Wahlkampf.



Es passiert in fast jeder Wahlauseinandersetzung: Jemand stellt eine These auf oder textet eine Schlagzeile - und schon geht sie ungeprüft ins Allgemeingut über. Dabei handelt es sich oft um leicht widerlegbare Mythen. Die Top 5 des Wahlkampfs 2013:

1. Politiker sind übertrainiert


Der Satz taucht auf, wenn Politikern in TV-Duellen anzumerken ist, dass sie trainiert haben: wenn also ein Kandidat outriert, Emotionen gespielt wirken oder die Taferlflut einsetzt. Wir haben es mit einem interessanten Kritikpunkt zu tun. Das wäre ungefähr so, wie wenn man einem Bundesligakicker nach einem verunglückten Drei-Meter-Pass vorwerfen würde, er hätte "zu viel" trainiert.

Nein, österreichische Politiker sind nicht übertrainiert. Es mag paradox klingen, aber gut trainierte Politiker kommen authentisch rüber. Authentizität kann man lernen. Bill Clinton oder Gerhard Schröder sind gute Beispiele dafür. Beide waren Naturtalente. Aber sie haben sich tagelang auf entscheidende Auftritte vorbereitet. Wenn man also einem Politiker das Training anmerkt, ist er entweder "untertrainiert" oder falsch gecoacht. Denn natürlich kann (und soll) kein Medientrainer der Welt einen Kandidaten umprogrammieren.

2. Aufmerksamkeit ist immer gut

Frank Stronach hat seit einem Jahr jede Menge Aufmerksamkeit. Hat sie ihm genutzt? Das Bild von Peer Steinbrücks Stinkefinger geht gerade um die Welt, in Deutschland gibt es wohl nicht einmal mehr Kindergartenkinder, die das Bild nicht gesehen haben. Hilft ihm das?

Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung für jede erfolgreiche Kampagne. Aber man muss auch die Frage nach der Qualität der Aufmerksamkeit stellen. Stronach sollte als erfahrener Wirtschaftskapitän inszeniert werden und weniger Urtriebe zur Schau stellen. Steinbrück hätte besser weniger den Rabauken als den anpackenden, zukunftsorientierten Kanzlerkandidaten gegeben.

3. Die Grünen verprellen Kernwähler

Zugegeben: Die Fokussierung auf nur ein Thema (Korruption) und die neue grüne Rotzigkeit ("Weniger belämmert als die anderen") kann man inhaltlich kritisieren. Aber beides ist richtig, wenn es darum geht, auch ein wenig in Richtung neuer (Protest-)Wählerschichten zu grasen. Die Grünen sind derzeit unter den etablierten politischen Kräften die Einzigen, die sich nicht auf einen reinen Basiswahlkampf reduzieren.

Kann das Kernwähler stören? Natürlich, aber: Wohin sollen sie denn ausweichen? Zu den aus ihrer Sicht wohl zu bürgerlichen "Neosliberalen"? Oder zur KPÖ? Die Irritation von Teilen der Basis ist wohl kalkuliert. Denn zum Wachstum war sie notwendig.

4. Die ÖVP kann Merkel imitieren

Unter dem wissenschaftlich-sperrigen Titel der "asymmetrischen Demobilisierung" wurde ein Teil der Strategie der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Jahren zusammengefasst: Sie hat Themen entweder klein gehalten oder sie der Opposition geklaut. Der Effekt: Wähler der Gegner wurden wenig emotionalisiert und so demobilisiert.

Die ÖVP versuchte das auch, etwa beim Thema "leistbares Wohnen". Damit wollte man der SPÖ das Wasser abgraben. Das Problem an der Sache: Die ÖVP ist nicht wie die CDU der dominierende Teil in einer (kleinen) Koalition mit der Sozialdemokratie in Opposition, sondern Juniorpartner der SPÖ. Die Sache mit dem sperrigen Titel funktioniert aber nur aus einer Position der Stärke, oder wenn sich andere über Inhalte zerreiben und man selber drüberstehen kann.

5. Ohne Stronach wäre der Wahlkampf fad

Dieser Mythos kommt auch in einer anderen Verkleidung daher, nämlich unter dem Titel: "Die SPÖ will einen schwachen Strache." Beide Zuspitzungen sind unrichtig. Die SPÖ hätte sich einen starken Heinz-Christian Strache gewünscht, um einen echten rot-blauen Showdown um Platz 1 zu inszenieren. Das hätte sie auch in die Lage versetzt, in den Gefilden von Schwarz und Grün zu wildern. Das Argument, Strache zu verhindern, hätte wohl gezogen und in den eigenen Reihen jedenfalls besser mobilisiert als in der aktuellen Situation, in der man krampfhaft das zahnlose schwarz-blaue Horrorszenario belebt. Faktum ist: Frank Stronach hätte bei einer - wohl auch international - aufregenden rot-blauen Zuspitzung keiner vermisst.




Schlagwörter

Thomas Hofer, Mythen, NR-Wahl 2013

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-09-19 17:29:03
Letzte ─nderung am 2013-09-19 17:51:36



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