• vom 01.12.2005, 00:00 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar von R. Taghizadegan

Vernichtung von Arbeitsplätzen




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  • In Brüssel wird gerade ein massives Vorschriftenpaket zur Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe (REACH) finalisiert, das dem dubiosen "Vorsorgeprinzip" aus ideologischen Gründen europaweit Arbeitsplätze und Wohlstand zu opfern droht.

Geradezu in letzter Minute erschien nun eine Studie des unabhängigen Brüsseler "Institut Hayek", in der Autorin Angela Logomasini eine Analyse der zahlreichen Gutachten zu REACH durchführte mit vernichtendem Urteil: "Dutzende Studien weisen zwar auf die erhebliche Kosten hin, aber es gibt nicht eine einzige überzeugende Studie, die positive Folgen für die Gesundheit nachweist. Alle Studien, die einen Nutzen von REACH nachgewiesen haben wollen, zeichnen sich durch schlechte Daten, Pseudo-Wissenschaft und zweifelhafte Vermutungen aus."


Kernelement von REACH ist die Illusion vollkommener Sicherheit, das "Vorsorgeprinzip": Unternehmen müssten vor der Markteinführung ihrer Produkte erst deren Sicherheit nachweisen eine schlicht unmögliche Forderung. Das Resultat ist nicht mehr, sondern weniger Sicherheit: Neue, potentiell verbesserte Bestandteile kommen gar nicht erst zum Einsatz; Produkte werden vom Markt genommen und durch weniger geeignete, aber von der Bürokratie bereits abgesegnete Substitute ersetzt.

Zusätzlich zeichnen sich dramatische Auswirkungen auf Beschäftigung und Wohlstand ab. Am härtesten getroffen werden kleine und mittlere Unternehmen. Allen Assoziationen zur "Chemie-Industrie" zum Trotz, beschäftigen 95 Prozent der Chemieunternehmen in Europa weniger als 250 Arbeitnehmer. Auch die diffuse Angst vor der "Chemie" ist unbegründet: 85 Prozent aller Atemwegserkrankungen haben "natürliche" Ursachen und von 21 untersuchten Industrien verzeichnen 14 mehr berufsbedingte Krankheiten als die chemische Industrie. Schließlich ist auch der Eindruck, dass die Erleichterung unseres modernen Lebens durch chemische Produkte größere Krebsraten mit sich brachte die Folge des schlichten Unvermögens, Statistiken zu interpretieren: Krebsraten steigen mit höherer Lebenserwartung und sind damit ein Symptom für gesündere Lebensverhältnisse. Mit der aktuellen Gefahr der "Vogelgrippe" erweist sich schließlich auch das Klischee, "Bio" wäre pauschal gesünder als "Chemie" als gefährliche Illusion.

Hätte die Illusion des "Vorsorgeprinzips" im 19. Jahrhundert bestanden, gäbe es wohl heute weder Eisenbahnen noch Flugzeuge, von den Errungenschaften der modernen Medizin ganz zu schweigen. Zudem ist die Warnung des Soziologen Niklas Luhmann ernst zu nehmen, dass ein missverstandenes "Vorsorgeprinzip" zu einer letztlich totalitären "Disziplinierung" der Menschen führen müsse.

Rahim Taghizadegan ist Physiker mit Schwerpunkt im Bereich Risikomanagement.



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Dokument erstellt am 2005-12-01 00:00:01
Letzte Änderung am 2005-11-30 18:14:00



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