• vom 02.09.2008, 17:48 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar von Robert Boder

Der Mythos von der Einkommensschere




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  • Welche Unternehmen sind es eigentlich, die laut Rechnungshofbericht weiblichen Mitarbeitern im Schnitt bis zu 40 Prozent weniger Entgelt zahlen? Die Antwort ist so komplex wie einfach: Es gibt sie nicht. Nicht im wirklichen Leben. Als Betriebsrat in einem Handelskonzern wurde ich von einer unserer Supermarkt-Kassiererinnen aufgefordert, diese Differenz aufzuklären. Es gab aber nichts zu klären, auch die männlichen Kassiere verdienen nicht mehr.

Und doch wird für den Handel 55 Prozent Einkommensdifferenz ausgewiesen. Selbst wenn nur Vollzeitbeschäftigte verglichen werden, bleibt der Abstand deutlich. Die Statistik Austria, die den Bericht erstellte, vermutet, dass "Faktoren wie Ausbildungs- und Qualifikationsmuster, Berufsbilder oder Unterschiede bei Kollektivverträgen doch schwerer wiegen als Arbeitszeit- und Saisoneffekte". Gerade aus den Kollektivverträgen und Dienstzetteln wären die oft höher bezahlten Mechaniker, Elektriker oder das EDV-Personal ersichtlich. Während dem Filialpersonal im ersten Berufsjahr 1200 Euro brutto zustehen, müssen die Techniker, die in dieselben Beschäftigungsgruppen fallen, mit 150 Prozent und mehr überzahlt werden, um Abwandern zu verhindern.

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Eine Anfragebeantwortung der Statistik Austria ernüchtert: "Im Rahmen des Allgemeinen Einkommensberichts ist es auch in Zukunft nicht vorgesehen, Kollektivvertrag oder die Berufsjahre in die Analyse mit einzubeziehen." Auch bestünde keine gesetzliche Grundlage zur Datenübermittlung aus den Betrieben, man müsse Lohnsteuerdaten, Daten der Sozialversicherungen und den Mikrozensus verwenden. So werden gering bezahlte Frauen mit besser bezahlten Männern verglichen, ohne Beschäftigungsgruppen und Berufsjahre zu kennen.

Frauenministerin Heidrun Silhavy kündigte unlängst an, dass man Mädchen in technische Berufe bringen möchte, um die Einkommensschere zu schließen. Die Berufswünsche wären seit Jahrzehnten unverändert: Verkäuferin, Friseurin oder Bürohandelskauffrau.

Die Erfolgsaussichten sind eher gering. Schon vor 30 Jahren, während meiner technischen Ausbildung, wurde heftig um Mädchen geworben, um den drohenden Fachkräftemangel abzu-fangen. Siemens hatte damals einen Mädchenanteil von 10 Prozent. Heute sind es trotz Brigitte Ederer als Vorzeigefrau sieben Prozent.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, bei der Pressekonferenz "Soziale Sicherheit für Frauen" gefragt, ob sie sich vorstellen könne, Mädchen per Gesetz in die besser bezahlten Berufe zu zwingen, wies dies zurück, man werde niemanden zwingen. Nicht ohne kurz vorher ein Gesetz für 40 Prozent Frauenquote in Aufsichtsräten gefordert zu haben.

Die Suche nach Kostenwahrheit wird das Thema in den nächsten Jahren vorantreiben. In der Schweiz wandern immerhin 50 Millionen Franken über Transferleistungen von den Männern zu den weniger verdienenden Frauen. Täglich.

Robert Boder ist Angestelltenbetriebsrat beim Handelskonzern Rewe.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2008-09-02 17:48:05
Letzte Änderung am 2008-09-02 17:48:00


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