
Die Angst vor der globalen Rezession geht um. Druck aus dem angespannten Wirtschaftssystem nehmen und die Instabilitäten überwinden könnte man mit der Abkehr vom Wachstumszwang und dem Übergang in eine Postwachstumsökonomie. Zentrale Zukunftspfade wären kontrollierte Schrumpfung und neue Verteilungsmuster.
Ungern löst man sich von einem Paradigma, das in der Vergangenheit erfolgreich war. Das Wirtschaftswachstum ist ein solches. Über Jahrzehnte erhöhte es unseren materiellen Wohlstand, ermöglichte den Ausbau sozialer Sicherungssysteme und stabilisierte so letztlich auch die Demokratien. Warum stößt es in materiell reichen Gesellschaften nun an seine Grenzen?
Der real existierende Kapitalismus hat drei große Mängel: Er akkumuliert Reichtum bei den Habenden, statt Mittel dort verfügbar zu machen, wo sie wirklich gebraucht werden; er wirkt also ausschließend - eine Milliarde Menschen leiden Hunger! Er beutet die Natur maßlos und nicht nachhaltig aus. Und er produziert für künstlich geschaffene Bedürfnisse bei denen, die schon genug haben. Der vermeintliche Wachstumszwang verordnet einen Konsumzwang, der aber die Lebensqualität nicht erhöht. Dazu kommt, dass der Kapitalismus offensichtlich nur noch mit exorbitanter öffentlicher Verschuldung funktioniert, nach dem Motto "Privatisierung der Gewinne - Sozialisierung der Folgen". Spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen wir, wie instabil dieses System ist.
Die Abkehr vom Wachstumszwang und der Übergang in eine Postwachstumsökonomie sind nicht nur ein Gebot der Nachhaltigkeit, um der Ressourcenübernutzung Herr zu werden, sondern würden wesentlich zur ökonomischen Stabilisierung beitragen.
Zentrale Bedingungen dieses Wandels wären:
Zurückdrängung des privaten Konsums als Wachstumsmotor zugunsten des öffentlichen Konsums. Lebensqualität hängt mindestens ebenso von der Qualität öffentlicher Leistungen ab wie vom ökologisch wie kulturell häufig fragwürdigen privaten Konsum.
Aufwertung von Staat und Politik als Steuerungsinstanzen, die der problematischen Vermögenskonzentration und Destabilisierung durch das Finanzsystem entgegenwirken.
Neue Arbeitszeitmodelle, Fokus auf Zeitwohlstand und Work-Life-Balance.
Abkehr vom BIP als alleinigem Wohlstandsindikator und Entwicklung von neuen Messgrößen für Lebensqualität (Jobzufriedenheit, Verteilungsgerechtigkeit, öffentliche Leistungen); Verbuchung der Negativkosten (ökologischer Fußabdruck).
Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für tatsächliche Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit, was wohl sehr rasch zu einer anderen Vermögensbesteuerung führen würde.
Fokus auf regionale Wertschöpfungsketten; postfossile Gesellschaften werden ohnedies wieder dezentral organisiert sein.
Wirtschaft würde wieder Mittel zum Zweck, den Bedarf an menschlichen Gütern und Dienstleistungen zu decken, und wir würden wieder sichereres Terrain unter Füßen verspüren.
Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung Salzburg.